Tek wie Tektonik

Tania Witte erfindet einen literarischen Retrojeansstil „nicht zu unterschätzen: der giersch / mit dem begehren schon im namen / … / keusch wie ein tyrannentraum.“ Jan Wagner
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Tekgül Carragher erreicht den Winter ihrer Jugend als Auslauf-Model mit dreißig. Endlich ist sie Souverän ihres Körpers, der als teurer Kleiderständer einem totalitären Regime ausgeliefert war. Für die Zukunft hat sich die Befreite ein Kunststudium vorgenommen. Doch zuerst geht sie zum Friseur – die neue Freiheit verlangt eine Veränderung im Vorhof der kolossalen Verwandlung. In einer Friedrichshainer Pizzeria trifft Tekgül eine Ex-Geliebte in gesegnetem Zustand. Lesbisch war gestern, Marte schwebt eine Vater-Mutter-Kind-Familie vor. Ja, in Tekgüls Leben verwandeln sich alle. Sie besucht die Eltern in Unna. Die Türkin Filiz und der Ire Ian erscheinen wie vom Glück gebumst. Glücklich sind sie in ihrer babylonischen Sprachverwirrung und in ihrem kleinbürgerlichen Aufsteigerstolz. Sie haben es ins Reihenhaus geschafft. Tekgül hält sich für eine türkisch-irische Spezialmischung, mit einem Spannungsbogen von Tee bis Taekwondo. Ihre Herkunft und deren namentliche Markierung, man hätte sie auch Barbara nennen können, brachte ihr Härte bei. In einem Treppenwitz dieser kosmopolitischen Lokalgeschichte wird aus Tekgül Carragher Franziska Yvonne Pfaff und insofern aus der streetsmarten Migrantin eine von Carraghers in der seelischen Atemnot ungewollter Kinderlosigkeit adoptierte Durchschnittsdeutsche. Das tut weh. Das bricht die Zacken aus der Krone einer Power-Prinzessin mit schillerndem Hintergrund. Ich finde den Erzähleinfall grandios. Obwohl Tekgül so deutsch ist wie ein Eimer, sind ihre – in doppelter Projektion provozierten – Rassismuserfahrungen fürwahr gemacht worden.

Damit sind kaum die Hälfte der narrativen Winkelzüge angesprochen, die das Leserinteresse auf den ersten fünfzig Seiten von Tania Wittes „bestenfalls alles“ in Gang halten. Der Roman ist ein Gipfel des Einfallsreichtums. Seine Sprache schleift wie eine am Kragen über Sommerstraßen gezogene Jeansjacke. Retrojeansstil ist mein Wort für diese Sprache. Eine Freundin, die selbst viel zu erzählen hat, kommt zur Rettung nach Unna. Nicoletta heißt sie, auf Granit beißt sie. Nein, es gibt Baklava zum Beweis der Gastfreundschaft im Hause Carragher. Tekgül und Nicoletta bilden eine Front an der Kaffeetafel. „Die zerbrochene Normalität sitzt auf der anderen Seite.“

In den Schmelzöfen der Geschichte werden Biografien umgeschmiedet – Flugscharen zu Schwertern. Putzfrauen entpuppen sich als Polizistinnen, Devote entdecken die Spielplätze der Dominanz. Andererseits werden anerkannte Schwertträgerinnen von des Gedanken Blässe angekränkelt. Ihre Entscheidungsfreude verduftet. Tekgül, für Freunde Tek wie Tektonik, muss auf normal umschulen. Tania Witte zeigt diesen Vorgang als exorzistischen Prozess. Die gekränkte Eigenliebe einer Besonderen gelangt auf furiosen Wegen zur Besinnung. Zusammen mit Hund Rutherford und Freundin Nicoletta unternimmt sie eine Art Pilgerfahrt in den Süden der Republik. Da lebte ihre leibliche Mutter und jenseits der Grenze zur Schweiz lebte ihre große Liebe. Tempi sind tückisch, die Vergangenheitsform passt nicht in jedem Fall. Ich verrate nicht, was Tekgül erbt. Sie findet einen Schrein, der ihr gewidmet ist und eine Liebe bezeugt, von der Silvia Pfaffs Tochter lange nichts wusste. Tania Witte kann auch Rührung.

Tania Witte, „bestenfalls alles“, Roman, Querverlag, 282 Seiten, Euro 14.99

14:58 05.09.2014
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