Telepathischer Schluckauf

Literatur “Ein fauler Gott” lädt zum Träumen ein. Stephan Lohses erster Roman ist kein Kinderbuch, hat aber etwas davon. Man möchte daraus vorlesen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Auch im Sommer 1972 ist die Welt kein sicherer Ort. Die amerikanischen Streitkräfte starten eine Luftoffensive über Nordvietnam. In Irland heizt der Blutsonntag vom Januar weiter die Feindschaft zwischen Nordiren und der britischen Besatzungsmacht. Bei einer Geiselnahme im Olympischen Dorf von München sterben elf israelische Athleten. Die Spiele gehen weiter, “Heide Rosendahl ist unsere Beste”. Sie holt Gold und Silber für Deutschland. Während der fünfzehnjährige “Goldfisch” Shane Gould zum Publikumsliebling (u.a. mit drei Goldmedaillen in Weltrekordzeit) aufsteigt, Mark Spitz das Unvorstellbare gelingt, Josef Ertl unser Bundesminister für Ernährung und Forsten ist und die Wissenschaft erkennt, dass die Schweiz erdgeschichtlich in Afrika liegt, wird Benjamin, Ben für seine Freunde, elf. Sein jüngerer Bruder Jonas ist gerade gestorben “und kann sich alles erlauben”. Ben stellt zum Zweck der Kontaktaufnahme die Frage, wie Seelen miteinander reden. Auf welcher Frequenz funken sie? Sieht Ben bei Windgassens fern, sind die Badehosen der Flipperfreunde “Sändi und Böt” bunt, weil Chrisses Eltern einen Farbfernseher haben. Sie haben auch eine goldene Haustürklinke.

Stephan Lohses schnurrender Erzählton lädt zu einer schnurrigen Besprechung ein. Der Ton durchdringt den Schutt der angehäuften Jahre und erreicht Verschüttetes; all die Schluckaufs und telepathischen Selbstverständlichkeiten der Kindheit. Jonas’ Tod bürdet Ben eine enorme Verantwortung als zusätzliche Belastung auf. Er muss sich um seine alleinerziehende Mutter kümmern, die sich wie eine Verlassene aufführt. Todtraurig wendet sich Ruth dem Notwendigen zu. “Den eigenen Tod sterben wir, den Tod unserer Kinder müssen wir leben.”

“Sie spottet über ein Leben, das nur mehr andauert, eine stete Folge gesichtsloser Tage.”

Täglich prüft sie den Zustand eines vergessenen Wurstbrots in Jonas’ Brotbeutel. Die Stulle als Reliquie - Ben scheinen genug magische Gewissenheiten zu bleiben, um seelisch über die Runden zu kommen. Trauer und Verständnislosigkeit wirken aber in den Zweifeln an der Verlässlichkeit seiner Verhältnisse. Das Kind kämpft mit den Mitteln der Verdrängung um sein Urvertrauen. Ein harter Alltag mit vielen Jungen, die größer sind, fordert Ben bis zur Verausgabung. Das Leben ist ein Handgemenge und Mark Spitz (7km/h) im Vergleich mit jeder Makrele (59km/h) ein lahmer Schnurrbart. Auch Gott lässt zu wünschen übrig in Bens unmittelbarer Weltauffassung. “Gott wohnt gleichzeitig in allen Kirchen ... und hört dort den Menschen beim Beten zu.” Doch weiß keiner, ob er überhaupt Deutsch kann.

Plötzlich will der Erzeuger Zeit mit Ben verbringen. Ben fährt mit Pappi zum Flughafen, die Beziehung ist für eine Klärung zu kompliziert. Ben hält sich an seine Mutter, die kennt er. Doch dann wird sie krank.

Stephan Lohse, “Ein fauler Gott”, Roman, Suhrkamp, 329 Seiten, 22,-

09:00 12.03.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare