Badelatschenmentalität

#TexasText/Jamal Tuschick Auch Heinrich ‚Ricky‘ Teichmann kritisierte die Rolle der Amerikaner in Vietnam. Er äußerte sich aber zurückhaltender als die studierenden Revoluzzer:innen*, die ihm aus den gleichen Gründen gegen den Strich gingen, die ihn in zu einem ...

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„Religion, Gewalt und Alkohol sind in Glasgow untrennbar miteinander verbunden.“ Bobby Gillespie

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“If I can diffuse a situation or avoid it altogether, then this is a ‘win’. But if I must engage then I have the responsibility to do just enough - so I am neither ‘carried by six or judged by twelve’.” Randa Richards, Quelle

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“Train only those things you can apply consistently against high pressure.” Quelle

Smarter is better than stronger

Paul Mason erzählt irgendwo von seinem Vater, einem Mann, der in seinem Milieu keine herausragende Stellung einnahm und mit der Kumpel-Akzeptanz über die Runden kam, die sich die Bergarbeiter im englischen Leigh gegenseitig einräumten. Der alten Mason hatte die Depression der 1930er Jahre als Kind erlebt und prophezeite 1980 als Großbritannien „in die Rezession schlitterte: Wenn eine weitere Depression kommt, werden die Rassenvorurteile zurückkehren.“

Der Journalist Mason benennt die Pfeiler seiner Herkunftskultur: „Hass auf alles, was mit den Reichen zu tun hatte, Misstrauen gegenüber allem, was von draußen kam, und Ablehnung gegenüber all jenen, die dem marktwirtschaftlichen Denken Vorrang vor dem menschlichen Anstand gaben.“

Mit diesem Rahmenprogramm wartete Bobby Gilliespies marxistischer Vater allenfalls auf den ersten Blick auf. Der Artillerist im militärischen Ruhestand verehrte Che Guevara und Muhammad Ali. Er erklärte seinen in den frühen 1960er Jahren geborenen Söhnen die Legitimität des Black Panther Protests von Tommie Smith und John Carlos bei den Olympischen Spielen 1968. Er stand auf der Seite Nordvietnams.

Schon als Baby nahm Bobby auf dem Arm seiner aktivistischen Eltern an Demonstrationen teil. Die Mutter verfertigte Transparente an ihrer Nähmaschine.

Bobby Gillespie, „Tenement Kid“, Autobiografie, aus dem Amerikanischen von Kristof Hahn, Heyne Hardcore, 24,-

Keno Teichmann wächst in einer Kasseler Randlage so auf wie Bobby Gilliespie an seiner Glasgower Kante. In einer ruppig-reaktionären Nachbarschaft. Als aktives und im kleinsten Rahmen führendes SPD-Mitglied bleibt Kenos Vater eine Ausnahme unter nordhessischen Rednecks mit ihren geifernd-fiebrig vorgetragenen Begehren. Sie träumen von bösen Wiederauferstehungen - und einer Wiedereinführung der Todesstrafe auch, wenn nicht sogar besonders für sozialdemokratische Vaterlandsverräter, die sich über ihre Klasse erheben, indem sie die Malocher mit bürgerlichem Vokabular beleidigen.

Auch Heinrich ‚Ricky‘ Teichmann kritisiert die Rolle der Amerika in Vietnam. Er äußert sich aber zurückhaltender als die studierenden Revoluzzer:innen*, die ihm aus den gleichen Gründen gegen den Strich gehen, die ihn in zu einem Verfemten in seinem Stadtteil machen.

Man sagt Stadtteil und meint ein steinaltes Dorf, seit den 1960er Jahren mit einem Siedlungsschmutzrand. Die hessischen Landgrafen versammelten da ihre Jagdgesellschaften auf dem Weg in den Königsforst (Kaufunger Wald), dessen erste urkundliche Erwähnung auf Karl den Großen zurückgeht.

„Um dem Analphabeten Karl das Unterschreiben zu erleichtern, wurde in seiner Hofschreibstube für ihn eine stilisierte Unterschrift entwickelt, die ein Schreiber unter das Dokument setzte. Der Kaiser musste dann nur noch ein Häkchen in das A setzen …“ Jürgen Genuneit, Quelle

Auf den Schauplätzen der Kindheit ist Selbstverteidigungskompetenz eine Notwendigkeit. Fünfjährigen leuchtet der Nutzen von Ringerinnengriffen ein. Keno beginnt mit blankem Krafttraining. Bevor er zu einem Karate-Verschwörer im Reich des Fürsten von Pechstein wird, vertraut er sich einem Bootsflüchtling an. Siehe Boatpeople. Der Migrant präsentiert sich dem mythensüchtigen Publikum als Hồng Bàng, nach einer sagenhaften Dynastie aus der Bronzezeit. Hồng gehört zum Volk der Nùng. Er unterrichtet Taekwondo. Sich selbst kultivierte er mit seinem Familien-Gong-Fu. Spricht er darüber, schweift er mit wenigen Worten aus. Seine Erzählung kreist um Berge und Drachen. Das ist eine alte Leier, von der sich Hồng nie verabschiedet. Sie dient gleichermaßen der Verschleierung und der Erklärung.

Angeblich bildete Hồng in Saigon Lederjacken aus. In Kassel schart er Leute im VHS-Rahmen um sich. Manche erscheinen wie zum Malkurs mit Yoga-EInlagen. Sie beschränken sich grundsätzlich auf Gymnastikmattenbildung.

Hồng ermutigt Keno zum familiären Aufschluss. Er lockt den Schüler mit Zuwendung. Er mischt die Farben der Künste auf seiner Palette. Zwar liebt Hồng hohe Fußtechniken, er lehrt Hyongs, später Poomsae. Taekwondo ist für ihn trotzdem eher ein Spiel und zugleich eine Möglichkeit der Ordnung. Schlüsselsätze lauten:

Kampf ist Kopfsache.

Geschwindigkeit tötet.

Stör den Spirit des Gegners.

Nicht Aggression, sondern Entspannung führt zum Ziel.

Die Kunst besteht nicht darin, zu treffen, sondern darin, nicht getroffen zu werden.

Du hast zu viel Druck im Körper. Relax dich. Auch mal: Relax dich, alte Socke.

Die alte Socke hat er von seinen Stammtischbrüdern. Sie versorgen Hồng mit idiomatischen Auswüchsen, deren Bedeutungen er kaum erfasst und die ihm oft auch noch verfälscht beigebracht werden. Am Hồngs Stammtisch sitzen Polizisten, Grenzschützer und hängengebliebene Amerikaner. Hồng bewegt sie, seine Verwandtschaft, Schüler und Freunde wie Spielfiguren.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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