Broken Alignment

#TexasText/Jamal Tuschick Mein Vater und ich wurden von Leuten bedroht, die sich für Revolutionäre hielten und meinen Vater für einen Reaktionär auf der Ausbeuterseite. Ich war dreizehn und entging dem Vorwurf, reaktionär zu sein, gehörte aber zu den Ausbeutern.

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„Konfuzianismus als Stütze von Totalitarismus.“

So lautet eine Kapitelüberschrift in Alexander Görlachs Alarmanalyse.

Alexander Görlach, „Alarmstufe Rot. Wie Chinas aggressive Außenpolitik im Pazifik in einen globalen Krieg führt“, Hoffmann und Campe, 239 Seiten, 24,-

Der Autor erinnert daran, dass Mao die alten Zöpfe des Konfuzianismus von seinen kulturrevolutionären Quälgeistern abschneiden ließ. Maos mächtigster Nachfolger beruft sich wieder auf die chinesischen Klassiker. Xi Jinping ist die Person gewordene Partei in der zweiten Morgenröte der chinesischen Revolution.

Bevor ich mich dem Titel zuwende, erzähle ich erst einmal etwas ganz anderes.

Wutbürger:innen* von damals - Als dem Vollbeschäftigungsrausch der Katzenjammer folgte

Es war die Zeit der ersten Ölkrise, der abflauenden Entspannungspolitik und von Verschärfungen auf dem Arbeitsmarkt, mit denen im Vollbeschäftigungsrausch niemand gerechnet hatte. Willy Brandt erreichte seine Grenzen als einziger Visionär der regierenden Klasse. Das Ansehen des vierten Bundeskanzlers schwand. Seine Gegner:innen*, die ihn Jahrzehnte als Vaterlandsverräter denunziert hatten, witterten Morgenluft. Die Wutbürger:innen* von damals nannten ihn „Asbach-Willy“ ...

Im März 1974 wurde die Volljährigkeitsgrenze herabgesetzt. Das ging als Reform durch, der in Kassel geborene und in Immenhausen aufgewachsene Gerhard Jahn zeichnete verantwortlich. Der soziale Rückstoß war gewaltig. Was vorher mit achtzehn möglich war, erschien nun in Reichweite der Vierzehnjährigen. Sie verwandelten ihre Elternhäuser in Wohngemeinschaften - im Geist einer grandiosen Verspätung. Ästhetisch waren wir Kasseler:innen* noch auf dem Stand von Easy Rider, als die Sex Pistols ihren ersten Auftritt hatten.

Es war die Zeit der ersten Ölkrise, der abflauenden Entspannungspolitik und von Verschärfungen auf dem Arbeitsmarkt, mit denen im Vollbeschäftigungsrausch niemand gerechnet hatte. Willy Brandt erreichte seine Grenzen als einziger Visionär der regierenden Klasse. Das Ansehen des vierten Bundeskanzlers schwand. Seine Gegner:innen*, die ihn Jahrzehnte als Vaterlandsverräter denunziert hatten, witterten Morgenluft. Die Wutbürger:innen* von damals nannten ihn „Asbach-Willy“, während die Molle zum Bauarbeiter gehörte wie die frische Luft, und Führungskräfte sich vormittags mit Sekt und Likör in Form brachten.

Selbst die größten Pessimist:innen* vermochten noch keine multikulturelle Dystopie zu entwerfen. Das um eine Waschbetonsiedlung erweiterte Dorf meiner Kindheit lag hinter den Sieben Bergen der Zukunft wie in einer besonderen Zeitzone fest in einheimischer Hand. Es gab eine großflächige landwirtschaftliche Produktion, noch war der Einkauf bei Erzeuger:innen* nicht schick. Genoss:innen* kauften aus politischen Gründen ihre Kartoffeln und die Koteletts im Konsum. Eines Tages begegnete ich da Akiko Ozaki. Sie wohnte in der Liegnitzer vierzehn zwei Eingänge entfernt von meiner Wohnung. Akiko trainierte Karate. Gemeinsam trödelten wir zur Kasse. Ich bat sie um ihre Meinung zu Bruce Lees Einschätzung von Jackie Chans Gong-fu-Kompetenz. Jackie war als Stuntman in Fist of Fury und Enter the Dragon involviert.

Gifted With Explosive Power/Sei wie das Wasser

„Der ist doch nur ein Schauspieler.“

Wie oft habe ich das gehört, wenn der Streit mal wieder seine Energie aus der ewigen Frage bezog: Sind die Techniken vom Bruce echt oder markiert der nur? Ich rede sowieso mit keinem, der nicht weiß, welche Bedeutung Bruce Lee für die Entwicklung der Kampfkunst hatte. Auch Jackie Chan spielt in der Evolution des Gong-fu eine Rolle. Ich greife vor. Er steht heute unumstritten in der Tradition Hongkonger Wing Chun-Granaten, variiert in seinem Werk aber das Genre des clownesken Eastern.

Zweifellos lebt Jackie Chan ein komödiantisches Temperament aus. Das erklärt nicht die Filmkilometer durch den Schlauch des Grotesken gezogener Kampfszenen. Es muss ein sehr ursprüngliches chinesisches Theater der Lächerlichkeit geben, die Lächerlichkeit des kleinen Mannes; eine Verbindung von sozialer Bedeutungslosigkeit und individueller Resilienz. Vielleicht war das einst eine bedrängte Möglichkeit, um überhaupt über Leidtragende aus der chinesischen Unterschicht und ihrer Milieus öffentlich zu sprechen. Das waren Staatssklav:innen* und Sklav:innen*habitate in einer feudalen Gesellschaft. Und in den miserablen Verhältnissen wurde in einem familiären Rahmen täglich trainiert. Es ging um eine tödliche Praxis (Primat der finalen Technik), gleichzeitig um Gesundheit und Langlebigkeit*; dies alles, wie gesagt, im Kontext der Inferiorität. Da knüpft Jackie Chan an. Er repräsentiert omnipotente Nobodys im Kampf gegen sinistre Kleinkönige einer märchenhaft überzeichneten Unterwelt.

*Longävität ist der höchste traditionelle chinesische Wert.

Wie ihre aristokratischen Vorgänger:innen* sind die Repräsentant:innen* der Gerontokratie aus der Steinzeit des chinesischen Kommunismus besessen von Langlebigkeit.

Man dehnt die persönliche Spanne. Darüber hinaus überlebt man in seinen Nachkommen. Die greise Avantgarde interpretiert Blutsverwandtschaft nach den Vorgaben vorgeblich überwundener, tatsächlich aber nur drapierter Feudalität. Das neo-feudale Vermächtnis erfüllt sich in der familiären Weitergabe von Macht. Das brachte auch Xi Jinping ins Spiel. Der Dynast ist ein Produkt der Kaderschmieden des roten Uradels. Führungspersönlichkeiten des Langen Marsches residieren fern des Volkes in einem abgesperrten Bereich des Palastbezirks in (der im Übrigen allgemein zugänglichen) Verbotenen Stadt.

Xi Jinping Vater kämpfte als Guerillaführer in der Keimzeit des heutigen Chinas. Mit Xi Zhongxun verbindet sich der Gründungsmythos. Auch Xis Mutter reklamiert den Veteraninnen-Status für sich. Sie war bereits als maobibelfeste Kindersoldatin im Einsatz. Später engagierte sie sich in der linientreuen Bildungsarbeit.

Seine Bilderbuchkarriere bewahrt Xi Zhongxun nicht davor, vorübergehend in Ungnade zu fallen. Um zu überleben, überbot sein Sohn alle Konkurrent:innen* auf dem Feld des vorauseilenden Gehorsams. Xi Jinping entgeht dem Terror der Roten Garden trotzdem nicht. Man sperrte ihn ein. Mit fünfzehn landete der vormalige Eliteschüler in der landwirtschaftlichen Produktion von Shaanxi, weit weg von seiner Heimatstadt Peking.

Back to Jackie - Im Powerpräsens der Hongkonger Startphase

Ab seinem vierten Lebensjahr lebt Jackie im Modus. Geweckt von der Kraft der aufgehenden Sonne weist ihn der Vater in die Hung-Gar-Kampfkunst ein. Jahre später komplettiert Bruce Lee Jackies Initiation mit dem Satz: „Wasser hat keine Form. Du kannst es nicht greifen oder schlagen oder auf irgendeine Art verletzen … Wasser kann tröpfeln und es kann zermalmen. Sei wie das Wasser, mein Freund.“

Herrliches Programm in der Kunstschule:

Um 5 Uhr morgens aufstehen und frühstücken.

Kung-Fu-Training bis zum Mittag.

Mittagessen.

Kung-Fu-Training bis zum Abendessen.

Abendessen um 17 Uhr.

Kung-Fu-Training bis zur Schlafenszeit um 23 Uhr.

Am nächsten Tag alles wieder von vorne.

1973 ist Jackie Chan Komparse in Bruce Lees Der Mann mit der Todeskralle. Als Stuntman verdient sich der Debütant die ersten Sporen. Es geht rau zu. Bruce Lee zieht durch. Immerhin entschuldigt er sich nach der Arbeit. Er lobt Chan, dem die Anerkennung des Einzigartigen viel bedeutet.

Ein superriskanter Stunt befördert Chan in die Beletage seines Metiers. Nun kommt Stunt-Regie aka Choreografie dazu. Der Künstler träumt von überwältigenden Inszenierungen – von Budo-Phantasmagorien.

*

Ich war verwandt mit drei sozialdemokratischen Familien vor Ort. Das waren die Familien des Bruders und der Schwester meines Vaters. Meine Tante war zwar nicht in der SPD, aber ihr Mann. Deutlich vor Augen steht mir, dass mein Vater unter seinen Geschwistern der mit dem kleinsten Auto war, und wir zuhause die wenigstens technischen Geräte hatten und sowieso nie das Neuste. Mein Vater war ein schlechter Verbraucher.

Ich nahm ihm das übel. Die Statusnachlässigkeit forderte mich heraus. Wir lagen lange im Rückstand, wegen des beruflichen Anlaufs, den mein Vater genommen hatte. Auto und Fernseher hatten wir erst ab den frühen Siebzigerjahren. Jetzt hätten wir aufholen und überholen können. Mein Vater sagte: „Das Wichtigste im Leben ist Liebe und Gesundheit, und das kann keiner kaufen.“

Im Mai wurde das Idol meines Vaters endgültig vom Thron gestoßen, kurz nach der offiziellen Enttarnung von Günter Guillaume. Nun sei die anbiedernde Ostpolitik zu Ende, hieß es überall. Auch in der SPD waren kalte Krieger:innen*, die Brandt Führungsschwäche vorgeworfen hatten und den Sturz begrüßten.

Vor allem ging es darum, innenpolitisch Profil zu beweisen; sich gegen eine aggressive Opposition zu behaupten. Der ehemalige Wehrmachtsoffizier Schmidt fand für seine Ansichten martialische Bilder und manchmal auch eine bellizistische Diktion. Das nahm man ihm nicht übel. Ich konnte den Sozialdemokraten in Schmidt nicht entdecken. Für mich war Pazifismus eine SPD-Tugend, weil ich die Wiederbewaffnungsgegner:innen* und Ostermarschierer:innen* durch die Bank für Genoss:innen* hielt. Da fehlte Wissen. In der ersten Friedensbewegung überlebten viele Sektierer:innen*, die in weit zurückreichenden Traditionen standen und später in den Grünen beispielsweise anthroposophische Standpunkte repräsentierten. Der Demeter-Dunst, die Reformhausbewegung - zudem gab es Splitterformationen, die in der dritten Generation zwischen heilenden Steinen, Animismus und Verschwörungstheorien eingemauert im Grunde ebenso links wie rechts waren. Jedenfalls in der oberflächlichen Betrachtung. Sah man genauer hin, waren sie mehr rechts als links. Man erkannte sie an ihren verschrumpelten Äpfeln und ihren hitzigen Apfelgesichtern.

Mein Vater vermied Esoteriker:innen*. Er hinderte mich nicht, als ich von einem Guru und seiner Gang heraufgebeten wurde in die Sphäre des wahren Wissens. Um nicht in Teufels Küche zu kommen, nenne ich ihn Johannes Täufer.

Täufer war ein promovierter Spinner, der wusste, wie der Hase läuft. Deshalb war er in der SPD. Er verdiente sein Geld mit Bildungsarbeit bei freien Trägerinnen und parteinahen und parteieigenen Organisationen. Das ist ein Kosmos für sich. Die Verdienstmöglichkeiten da zogen Leute an, die so neben der Spur lebten, dass sie unter der ständigen Aufsicht in normalen Verhältnissen nicht klargekommen wären. Sie brauchten Freiräume und Grauzonen und sie umgaben sich klerikal mit einer jugendlichen Anhängerschaft. War irgendwas im Busch, sagten sie SPD und appellierten an das Einer-von-uns-Gefühl. Das war wie ein Kode- oder Trigger-Wort. Ohne den SPD-Mantel wäre Täufer als falscher Fuffziger und Scheinheiliger von den Hilfskräften der Vernunft, die in der lokalen SPD den Ton angaben, sofort entlarvt worden.

Die magische Dimension der Massage

Schmidt war gerade vereidigt worden, als ich meinen ersten Liebesbrief bekam. Er fände keine Erwähnung, wäre meine Verehrerin nicht eine der berufensten Anhängerinnen gewesen, auf die sich Täufer verlassen konnte. Ich nenne sie Rhea nach einer titanischen Gestalt aus der griechischen Mythologie. Rhea stammte aus einem familiär aufgebauten Kreis - verbunden mit den Komplexen Naturheilkunde, Ökologie, Pazifismus, Sozialismus, Geisterglaube und Sonnenverehrung. Rhea hielt magische Heilungen für möglich. Sie spürte Strahlenfelder und nutzte Wünschelruten. In ihrem Mutterhaus befand sie sich in ständiger Fortbildung.

Rhea wurde von ihrer Mutter geschult. Die Heilerin genoss einen Ruf wie Donnerhall. Sie machte Hausbesuche und half Migräne- und Hexenschussopfern besser als jede Ärztin angeblich. Sie stand gemeinsam mit Täufer an der Spitze der Bewegung, die via Täufer in die SPD hineinragte. Der neue Bundeskanzler sagte: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Ich fragte meinen Vater, ob eine sozialdemokratische Sonnenverehrung für ihn akzeptabel sei. Er schloss das aus. Ich durfte mir mein eigenes Bild machen. Ein halbes Jahr besuchte ich Schulungstermine in einem Haus nahe dem Steinernen Schweinchen. Heute ist das ein Tagungszentrum, in dem man auch alternativ heiraten kann. Einer von Täufers Jüngern brachte sich um, eine Jüngerin wurde zwanzig Jahre später Täufers letzte Frau.

Was mich davor bewahrte, mich in der Spiritualität zu verlieren oder auch nur in Rhea bis an die Schmerzgrenze zu verlieben? Vielleicht waren es harte Konfrontationen mit der Siedlungsrealität.

Noch gab es die Bewegung 2. Juni als massive Bedrohung. Mein Vater und ich wurden von Leuten bedroht, die sich für Revolutionäre hielten und meinen Vater für einen Reaktionär auf der Ausbeuterseite. Ich war dreizehn und entging dem Vorwurf, reaktionär zu sein, gehörte aber zu den Ausbeutern.

Wie konnte das sein?

Nach meinen Begriffen war Franz Josef Strauß reaktionär, doch nicht mein Vater. Seine Überzeugungen wurden von keinem Genossen der Dorf- und Siedlungs-SPD links überboten. Die Kirche musste im Dorf bleiben, Verkehrsberuhigung war ein Thema. Revolution war kein Thema in den Ortsvereinssitzungen. Man kam zusammen, man kannte sich, man hatte schon schlechtere Zeiten erlebt, jeder für sich.

Wir waren „endlich auf Bundesebene“ an der Regierung, auch wenn ich Schmidt nicht mit diesem „Wir“ zusammenbekam. Dabei waren alle Genoss:innen* mehr Schmidt als Brandt. Das Wir vor Ort ergab sich aus der Nachbarschaft, der bloßen Parteinahme; womöglich nur aus einem Lippenbekenntnis in einer von der SPD reagierten Stadt, in einem von der SPD regierten Land.

Morgen mehr.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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