Close Range - Auf kurze Distanz

#TexasText/Jamal Tuschick „Selbst seine Bosheit machte ihn einer entthronten Gottheit ähnlich - einem Genie. Und außerdem war ich längst in ihn verliebt.“ Clarice Lispector

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„Die Schilderung, die Sie mir von Frankreich geben, ist mit sehr schönen Farben gemalt. Aber Sie können mir sagen, was Sie wollen, ein Heer, das drei Jahre nacheinander überall geschlagen wird, wo es sich zeigt, ist sicherlich keine Schar von Cäsaren und Alexandern.“ Friedrich an Voltaire 1743

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„Der außergewöhnliche Aspekt der Kampfkunst liegt in der Einfachheit. Der einfache Weg ist der richtige Weg. Je näher Sie dem Wahren kommen, desto weniger Verschwendung von Ausdruck erleben Sie.“ Bruce Lee

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„Wie der Tod die Voraussetzung für die biologische Evolution ist, so ist stetes Verschwinden von Produkten und Strukturen die Voraussetzung für Fortschritt.“ Hans Widmer in der NZZ

Monotone Reihe

Die Bettwäsche in meinem gerade vom Kinder- zum Jugendzimmer aufgestockten Labor riecht nach Weichspüler. Der Lavendelduft meldet eine mütterliche Intervention, vielleicht sogar ein Veto. Jahre werden ins Land gehen, bis ich das wieder habe; da ich es mir selbst gebe: die sich im Geruch aussprechende häusliche Sorgfalt.

Zuvorkommende Eltern und gute Luft; sieht so die Vorlage aus, die verwandelt werden muss?

Ich weiß noch gar nichts. Ein Fixpunkt meiner Orientierungslosigkeit ist der Erfahrungsvorsprung meiner Schwester Anzu. Die Tigerin beschreibt ihre Gefühle wie eine Ingenierin das Viaduktprinzip. Wir trainieren beide Karate in Sensei Maeve von Pechsteins Dōjō am Wilhelmshöher Lokalbahnhof und außerdem Gong-fu bei Maeves Großneffen Cole in seinem Speak-Easy-Gym im Kaufunger Wald, und wir lieben es beide, unseren Alltag in Kategorien des Close Range Combat zu erfassen.

Ist nicht alles Wu Sao/Man Sao? Eine Hand fühlt, die andere schützt. Man spricht auch von der neugierigen Hand - Curious Hand, gesichert vom Guard. Das ist doch schön.

Doch schon kommt Widerspruch auf.

“I think one of the most important things to remember (or discover), is that when performing techniques ... both hands should be used at the same time. A guard is a dead hand.” Gefunden auf Instagram, Quelle: shuridojo

Anzu und ich leben die totale Gegenwärtigkeit unter elternhäuslichen Idealbedingungen. Wir wissen, dass man auf Hartes mit Weichem schlagen muss. Unsere Verehrer:innen* kriegen das zu spüren. Meine Schwester und ich sind nicht geschlechtsdogmatisch. Deshalb haben wir schon herausgefunden, wie weiblich Jungen sein können. Ich haue das absichtlich so ins Holz. Denn auch darum geht es auf dem Markt der Präsenz, den man im Verlauf der Pubertät als Umschlagplatz jedweder Relevanz zu begreifen lernt. Wo man lernt, an einer Lüge vorbei zu schrammen, indem man jemanden noch schnell den Laufpass gibt, für den es wichtig ist, nicht einfach ausgetauscht worden zu sein. Zwischen der Liebeskündigung und dem nächsten heißen Versprechen liegen vielleicht nur Stunden, aber man ist doch bei der schonenden Wahrheit geblieben.

Was außerordentlich kränkend sein könnte, nämlich sich im Dutzend billiger zu finden, kommt unseren Vorhaben und Vorbehalten sogar entgegen. Die meisten Kandidat:innen* erscheinen im Nachgang der Plötzlichkeit uninteressanter als der barocke Billardtisch in Athosas Zimmer. Zu Athosa später mehr.

*

Ich führe Gaffer-Tape-Gespräche und beteilige mich am Skilauf der auf- und abgleitenden Blicke. Ich kenne Theatertechnikerinnen, für die Gaffer Tape so etwas wie The Basement Tapes der ultimativen Kompetenz ist. Die rasierten Achselhöhlen strafen Attitüden der gesellenhaften Berufsausübung Lügen.

Um an einer anderen Stelle weiterzumachen

„Im kritischen Augenblick handelt der Anführer einer Armee wie ein Mann, der hochgestiegen ist und dann die Leiter unter sich wegstößt.“ Sunzi

„Selbst seine Bosheit machte ihn einer entthronten Gottheit ähnlich - einem Genie. Und außerdem war ich längst in ihn verliebt.“ Clarice Lispector

Vieles geht ins Mürbe. „Der Geruch der Revolution ist ein Parfüm aus Stallmist“- ätzend & güllig: so steht es geschrieben in Heiner Müllers „Auftrag“. Der Titel spielt mit dem Vers „Erinnerungen an eine Revolution“ in der Unterzeile. Für Gläubige ist Müller ein Kommunist zum Fürchten. Nach einer Vorstellung des „Auftrags“ in Lyon begeht der kommunistische Kritiker sofort Selbstmord.

Iris Leise, unsere Peymann-Zadek-Fassbinder-Überflüglerin in spe, leidet es schlecht, dass sich Nanami Mulligan mit Cole im alten Jagdhaus der Försterei Fahrenbach separiert. Iris phantasiert eine grauenhaft perfekte Landkreisgemeinschaft zusammen, und, was soll ich euch sagen, sie hat Recht.

Nanami und Cole kultivieren sich den lieben langen Tag. Sie erreichen traumhafte Entspannungsgrade. Sie vergessen sich in der Betrachtung von Schattenspielen. Sie beobachten Eichhörnchen.

Doch gibt es eine Sache, die Cole von Iris zu wissen wünscht. Erst nach dem Unfalltod des ewigen Hessenmeisters und Juso-Greises Holger, stellt Cole seine Frage.

„Warum hast du - als siebzehnte Debütantin in einer monotonen Reihe von Schülerinnen - den zwanghaften Verführer Holger nicht ausgelassen?“

Iris entgegnet solvent:

„Er war so was wie der Kartoffelsalat meiner Tante Gunda. Genauso unvermeidlich. Es gehörte einfach dazu, auf Holgers Edeletage im Vorderen Westen eine Weile die Hausherrin zu spielen.“

Morgen mehr.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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