Das ewige Weltauge

#TexasText/Jamal Tuschick Mein Vater war gegen den NATO-Doppelbeschluss, konnte aber mit der Friedensbewegung ästhetisch nichts anfangen

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Mein Vater war gegen den NATO-Doppelbeschluss, konnte aber mit der Friedensbewegung ästhetisch nichts anfangen.

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„Mein Körper warnt mich vor jedem Wort.“ Franz Kafka

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“Use only that which works and take it from any place you can find it.” Bruce Lee

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“Smile and relax. You can’t demonstrate great power unless you are relaxed.” Yoshimi Inoue Soke

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“In life, what more can you ask for than to be real?” Bruce Lee

Bulläugiges Oberlicht

Ein sonniger Nachmittag mit langen Schatten und schwachen Straßengeräuschen. Spielsachen liegen bereit, Plastikmöbel bieten sich der Bequemlichkeit an. Das Unvermeidliche vollzieht sich wie in einem Funkloch der Zeit. Als sei vorher der Rasen gesprengt und der Schlauch dann erst noch eingerollt worden.

Ein Brummen weckt sie. Daniela begreift nicht gleich, dass es in ihrem Schädel brummt. So sehr klingt das Brummen nach Fuhrhof und dem Frühmorgens im Speditionsbetrieb ihrer Eltern. Daniela kommt auf die Beine, sie fühlt sich niedergeschlagen.

Das Haus gleicht einer Galerie mit dem bulläugigen Oberlicht für Sonne, Mond und Sterne. Die Vorbesitzerin, eine in die Insolvenz gefallene Architektin, hatte viele Bilder hängenlassen, so unbedeutend war ir die Malerei jenes Mannes erschienen, der in diesem Haus mit ihr Schluss gemacht hatte. Sie hatte das Haus für ihn gebaut. Die Bilder waren dekorativ-phantasmagorisch. Der Maler sah auf zurückgelassenen Fotos aus wie ein Rimini-Strizzi in den 1970er Jahren.

Ein Nähseiden-Dominator aus der Vorkriegszeit war ferner übrig geblieben von dem geplatzten Schönerwohnentraum. Die Architektin war nach dem Maler aus dem Haus geflohen, aus einem Leben in hellem Holz.

Der ewige Weltauge - Keno, inzwischen mit Daniela verheiratet, erzählt

Im Steckrübenwinter 1915 ging gar nichts mehr. Danach wurde es nicht viel besser. 1917 baumelte einmal ein Hering delinquent über dem Küchentisch im Haushalt meiner Urgroßeltern. Die Kinder durften an der Flosse saugen. Der Fisch kam schließlich im Ganzen jenem zugute, von dessen Arbeitskraft alles abhing. Mein Urgroßvater, der dicke Karl, war für den Einsatz an der Front zu alt. Er starb trotzdem vor Kriegsende.

Mein Großvater, der alte Legastheniker, sah mit Feldherrenblick fern. Er trug Tag und Nacht ein Nachthemd (tagsüber wurde das Überschüssige in die Hose gestopft) und zu jeder Jahreszeit lange Unterhosen. Schiesser Feinripp. Hosenträger hielten das Arrangement zusammen.

Zum Abendbrot gab es diametral geschnittene Schnittchen, Gewürzgurken und Mixed Pickles. Saurer Blumenkohl löste bei meinem Großvater den Wunsch aus, die Geschichte vom Hering zu erzählen.

Meine Großmutter hatte stets schon in der Küche gegessen. Während mein Großvater und sein ältester Enkel es sich schmecken ließen, saß sie in ihrem persönlichen Fernsehsessel, einem hydraulischen Monster, zwei Meter vor dem Bildschirm und konzentrierte sich auf die ARD- und ZDF-Ausstrahlungen. Das Vorabendprogramm war amtlich.

Für mein Leben gern lungerte ich in einem Sessel am Wohnzimmertisch. Mein Großvater lagerte römisch und doch nicht bequem auf einem Sofa. Es gab Schinken in rauen Mengen. Fleisch- und Waldorfsalat. Bündner Fleisch. Kalter Schweinebraten mit Pfefferkruste. Blutwurst. Leberkäse. Hähnchenschenkel auf die Hand. Mein Großvater schwankte zwischen Behagen und Schmerz. Der verbrauchte Leib erlaubte keine Entspannung. Der Schmerz peitschte meinen Großvater über einen Parcours von unbefriedigenden Positionen.

Wie er sich auch drehte und wendete, der Schmerz setzte sich an die Spitze der Bewegung.

Mein Großvater war viel mehr ein Regime als eine Person.

Schopenhauer definiert Genialität, als „die Fähigkeit, sich rein anschauend zu verhalten“.

„Denn dem Willen, als Ding an sich betrachtet, wie auch dem reinen Subjekt des Erkennens, dem ewigen Weltauge, kommt so wenig ein Beharren als ein ...“

Für meinen von Ressentiments regierten, in seinen Stimmungen lebenden, seine Schwächen archaisch ignorierenden Großvater war die reine Anschauung nichts. Er musste von allem Besitz ergreifen und die Dinge formen, auch wenn er sie nur verbog. Aus schierem Instinkt wusste ich, dass er meinem von Gerechtigkeit besessenen, auf ein Miteinander spekulierenden, im Kleinen wirtschaftenden, zur Bescheidenheit ratenden Vater turmhoch überlegen war.

Akademischer Hochmut

Das Menetekel von Tschernobyl folgte dem AKW-Unfall bei Harrisburg mit erheblicher Verzögerung

Mein Vater, dieser ewige Vorsitzende seines SPD-Ortsvereins, war gegen Atomwaffen und für die friedliche Nutzung von Kernenergie. Der amerikanische Gau von Neunundsiebzig änderte nichts an diesem gebetsmühlenhaft vorgetragenen Zweitakter.

Der geborene Sozialdemokrat verdammte den NATO-Doppelbeschluss, konnte aber mit der Friedensbewegung ästhetisch nichts anfangen. Der durchhängend-großmaschige Stil strickender Lehrer:innen* düpierte sein Klassenbewusstsein. Mein Vater ahnte einen akademischen Hochmut, der seinen inneren Underdog an der Kette rasseln ließ.

Die Lehrer:innen* boten kaum Angriffsflächen. Das war ihr Dreh. Elf Jahre später brachte Volkskammerpräsident Horst Sindermann das Phänomen auf den Punkt:

„Wir waren auf alles vorbereitet, aber nicht auf Kerzen und Gebete.“

In den 1970er Jahren konfigurierte mein Vater die Siedlungs-SPD so um, dass die Anti-Atomkraftbewegung für die letzten Mohikaner:innen* des Blockdenkens in der sozialdemokratischen Auslegung annehmbar blieb. Technisch trennte den Ortsverein bald wenig von den als Hauptfeind:innen* (auch in den Koalitionen) bekämpften Grünen. Mein Vater und seine kalten Krieger:innen* gründeten dann eine Genoss:innen*schaft der Windsurfer:innen*. Sie bauten sich ein Vereinsheim mit Sauna direkt am Buga-See, diesem alten Baggerloch und Bombentrichter. Dahin retteten sie sich, um in Ruhe ihre Wunden zu lecken, den Weltlauf zu beklagen und die Beute zu verzehren. Sie hatten ihren Schnapp gemacht. Jetzt waren sie die von Gestern, keinen Zipfel vom Mantel der Geschichte mehr haltend. Und doch konnte daran kein Zweifel bestehen: aus den Verteilungskämpfen ihrer Hochzeit waren die Genoss:innen* als kleine Sieger:innen* hervorgegangen.

Diese Leute hatten ihre Chancen zu nutzen gewusst. Für den arroganten Nachwuchs sah das nach nichts aus. Vor ein paar Tagen sah ich meine über achtzigjährige Mutter mit drei Geräten, die moderner waren als mein Equipment, morgens um fünf sieben Dinge gleichzeitig tun. Das kommt immer noch aus dem Geist der Flexibilität.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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