Die Wucht eines entspannten Körpers - To maximize our power output

#TexasText/Jamal Tuschick “We want to make sure all of our movements contain our total body weight in order to maximize our power output.” Maksem Manler

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“We want to make sure all of our movements contain our total body weight in order to maximize our power output.” Maksem Manler, Quelle

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“Remember it’s not about how much power you can generate, important is how much power you can transfer.” Sifu Sifu Sergio P. Iadarola, Quelle

Soziale Metastasen

Auf dem Umweg einer Liebeserklärung an ihre Großmutter gelangte Katja zu den verlorenen Ostgebieten, nach denen in der Siedlung meiner Kindheit die Straßen benannt worden waren, um die Erinnerung an das vormals Deutsche lebendig zu halten. Das war kommunaler Revanchismus im Geist der SPD.

Katja liebte es, in dem masurischen Bauernschrank ihrer Großeltern zu campieren. Da repetierte sie Binsen ihrer Ahnen. Sie vermisste eine Landschaft, die sie nie gesehen hatte: aus Solidarität mit Oma und Opa, die ihrer verstörten Tochter und einem unbrauchbaren Schwiegersohn die Last der liebevollen Aufzucht abgenommen hatten. Im Gegenzug trug Katja die Sehnsüchte der Alten weiter. Sie wiederholte deren Verlustmeldungen.

Die transgenerationale Weitergabe traumatischer Erfahrungen, die Katja mit keinem persönlichen Erlebnis verbinden konnte, war unerforscht. Man glaubte noch, dass die Verdrängungsleistungen der Kriegs- und Kriegskinder-Generation folgenlos geblieben seien. Die sozialen Metastasen in den Kindern der Kinder wucherten unerkannt.

Mich ermahnte der Hunger. Ich ging in die Küche zu einem Topf kalter Nudeln. Plötzlich stand Katja hinter mir und wollte auch. Kalte Nudeln. Katja dekorierte bald die Anrichte mit ihrer im Schrank wiederhergestellten Person. Sie roch nach herzlicher Aufnahme. Sollten die anderen doch auf den Magistralen des revolutionären Vergnügens buhlen und prahlen und Madeleine zur Fahndung ausgeschriebenen Anarchist:innen* zuführen, um ihr zu imponieren. Ich kannte den Schleichweg in Katjas Bett.

I have seen something

Vor dem Kampf gegen Joe Louis am 19. Juni 1936 ließ Max Schmeling die kryptische Bemerkung fallen: „I have seen something“.

Das hatte ich auch. Ich hatte auf einem Bord im Korridor zwischen Johannes Agnolis und Peter Brückners „Die Transformation der Demokratie“ und Antonio Gramscis „Quaderni del carcere“ (ich schreibe das so angeberisch, vielleicht stand da auch eine Simmelschwarte) die erste Kurzgeschichtensammlung von Siegfried Lenz bemerkt. „So zärtlich war Suleyken“ war 1955 erschienen - als ein Kassiber der masurischen Heimatliebe. Später versprach ich Katja, daraus vorzulesen. Es war so einfach für mich, ihr angenehm zu bleiben … in einer Art kommunistischem Komödienstadl. Schon damals zeigte sich, dass wir beide nichts mit dem Milieu zutun hatten, indem wir vollständig aufgingen. Wir kamen nicht nur aus dem Kleinbürgertum. Wir wollten da auch bleiben. Was wir natürlich nicht wussten.

Katja suchte die Revolutionärin in sich, und auch ich hatte nichts dagegen, mit Akteuren des lateinamerikanischen Befreiungskampfes verglichen zu werden.

Wem ich nicht alles ähnlich sah.

Was hatte Max Schmeling gesehen? Er hatte gesehen, dass Joe Louis seine Deckung aufgab, sobald er einen rechten Haken setzte. Ohne es zu merken, entblößte Louis das Kinn. Der Rest ist Geschichte. Die Deckungslücke machte Louis (im Verhältnis zu Schmeling) zum Scheinriesen. Der krasse Außenseiter, die Wetten standen zehn zu eins für Louis, schlug den Favoriten k.o.

Später transformierte Katja den Revanchismus ihrer Großeltern und die Verlorenheit ihrer Mutter in einer auf DDR-Linie getrimmten Perspektive. Sie schloss sich den Standpunkten von Franz Fühmann an, der seine geistige Heimat in russischer Gefangenschaft gefunden hatte. Fühmann kam aus dem Riesengebirge, war beim SA-Reitersturm und blieb in der DDR „Böhme unter Preußen“. Wieder und wieder wandte sich Fühmann gegen Operetten falschen Erinnerns. Eine literarische Begehung der Mark Brandenburg, ich schreibe jetzt nicht, auf Fontanes Fährten, scheiterte in der Verzweiflung Fühmanns, in dieser Landschaft seine Legierungen nicht finden zu können.

Sein Gegenspieler war Johannes Bobrowski. Bobrowski konnte mit Fühmann nichts anfangen, er hat seine Verluste auch nicht schön geschrieben. Für Bobrowski war die Mark Brandenburg eine Spielzeuglandschaft, unerheblich im Vergleich zum Memelland seiner Herkunft: „Ein Hof so groß wie ein ganzes märkisches Dorf“.

Beide Autoren hatten den Überfall auf die UDSSR mitgemacht und waren in Unfreiheit belehrt worden. Doch Bobrowski blieb Zuhörer und skeptisch in den Schulungen, während Fühmann das Fass des leidenschaftlichen Antifaschismus aufmachte und (patriotische) Heimatempfindungen zum Aussterben verurteilen wollte. Auch „dem eigenen Lied trat ich auf die Kehle“.

Beide glaubten, dass ihre Ursprungsumgebungen „mit allem Recht verloren wurden“.

Beide bedienten sich in der Antike, Fühmann reagierte auf den Marsyas-Mythos etwa mit dem Vers: „Die Haut der Heimat abgezogen“.

Beide lobten Trakl.

Heimat war für Fühmann ein Riesengebirgstal, „eingeschlossen von vier Gebirgszügen“. Er wandelte sich vom katholischen Faschisten zum alkoholischen Stalinisten. Für Bobrowski war dieses Verwandlungsfieber Kokolores. Ihm bot Brandenburg „überhaupt keine Landschaft - Ich bin eigentlich gar nicht hier“. Er tröstete sich mit dem Dialekt seiner Frau. „Meine Leute“ und „das Gespräch“ wurden für Bobrowski in Berlin zur Heimat. Er nannte sie seine „Sternbilder“.

Fühmann hielt dagegen: „Ich habe das Riesengebirge nach innen gekippt“.

...

Nach dem Ende der DDR kehrte Katja zu den Standpunkten ihrer Altvorderen zurück. Wir blieben uns so lange gewogen, wie die Körper sich brauchten. Das muss ich jetzt auch noch erzählen. Ich bin gestern Abend mit den Stöcken, die ich als Gehhilfe brauche, über den Königsplatz so schnell wie möglich gehumpelt. Mein Auftritt löste Gelächter aus. Das Gelächter war unwillkürlich, jedoch nicht bösartig. Menschen lachen über Schwächen, die sich nicht verbergen lassen. Noch vor ein paar Jahren hätte mich die Eile zu einer besseren Simulation von Beweglichkeit ermächtigt. Die Eile selbst verdient eine Betrachtung. Ich wollte einen Bus kriegen, das heißt, ich wollte ihn nicht verpassen, um nicht in die Not zu geraten, unter lauter jungen Leute an einer Haltestelle warten zu müssen.

Das Alter ist ein Kontinent, weit weg von dem Abenteuerland, in das ich mit sechzehn geriet, damals als die außerparlamentarische Opposition sich unter der Führung Frankfurter Spontis daran machte, in Hessen staatstragend zu werden, und Katja auf mich abfuhr, weil ich mit Sigfried Lenz ihrem Seelenrevanchismus Vorschub leistete.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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