In der Kufiya zu Hava Nagila getanzt

#TexasText/Jamal Tuschick Jahrelang fieberte ich auf der Triebspitze einer Traube höherer Töchter und ihrer Korona. Sie trugen Palästinensertücher und hörten Hava Nagila.

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“There is fiction in the space between/You and everybody.” Tracy Chapman

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„Gedächtnis ist nicht ein Instrument zur Vergangenheitsdurchdringung, sondern selbst der Schauplatz der Vergangenheit.“ Ulrike Draesner

Bürgerliche Kinderzimmer

Jahrelang fieberte ich auf der Triebspitze einer Traube höherer Töchter und ihrer Korona. Sie trugen Palästinensertücher und hörten Hava Nagila. Sie existierten in einer Blase. Mit dem Abstand eines halben Jahrhunderts ist das die vollständige Erklärung für beinah alles. Auf den Soli-Festen der 1970er Jahre gab es keine israelischen Ess- und Informationsstände. Wohl aber das palästinensische Sendungsbewusstsein in jugendsmarten Erscheinungen. Für die Täterinnen- und Täterenkel:innen im Hanni- und Nanni-Land lag die Agitation auf einer Linie mit der Weltrevolution. Es gab den kubanischen Hasta-Siempre-Übersprung; ein schwarzromantisches Commandante- und Kalaschnikow-Momentum, bei dem arabische Freischärler:innen und lateinamerikanische Guerilla verschmolzen. In vielen bürgerlichen Kinderzimmern hing Alberto Kordas fotografische Guerrillero-Heroico-Stilisierung von Che Guevara als Poster.

„Du hast Ähnlichkeit mit Che.“

So klang eine bourgeoise Einladung. Die Gewaltsehnsüchte der Schülerrebell:innen verknüpften sich, heute würde man sagen algorithmisch, mit der Raf-Ikonografie.

Wer hatte schon Bock auf Nachdenken. Der Niedergang der Roten Armee Fraktion war eine verdammte Schande. Revolutionswimpel erhöhten Sexchancen. Die Lässigkeits- und Verachtungsposen einer Gudrun Ensslin boten sich den sogenannten Unangepassten zur Nachahmung an. Der Staat war ein ‚Mörder‘.

Ich war dabei, gehörte aber nicht dazu. Mein alleinerziehender Fernfahrervater hätte mich nicht mit einem Palästinensertuch auf die Straße gelassen. Nach seinen Begriffen vertrug sich das nicht mit anständigem Aussehen. Wir hatten keinen Streit deswegen, weil ich sowieso nicht Mädchen zum Verwechseln ähnlich sehen wollte, die mit hundert Mark aus der familienöffentlichen Haushaltskasse nachmittags zum Schokoladekaufen loszogen und den angebrochenen Schein bis zum Abend klein gemachten hatten, ohne deshalb etwas Besonderes erlebt zu haben.

Ich empfand Achtlosigkeit als Frevel. Während in meiner sozialen Herkunftsumgebung der Antisemitismus, gelangweilt von der Gewissheit absoluter Konsensfähigkeit, vor sich hin rülpste, erkannten die gehobenen Mittelschicht-Akteure die Hauptmarken der bundesrepublikanischen Erlösungserzählung an. Sie stellten das offizielle Gedächtnistheater nicht in Frage. Sie ließen sich nur nicht stören bei ihrer Revolutionsromantik. Intuitiv entschieden sie nach Maßgabe ästhetischer Gesichtspunkte. Sie konnten den Holocaust beklagen und das Münchner Olympia-Attentat mit der Befreiungstheologie bewaffneter Priester zusammendenken.

Sie waren bigott bis auf die Knochen und das qualifizierte sie. Keine fiel durch den Rost. Alle verdammten die Grillrituale auf den Bungalowterrassen ihrer Eltern, bevor sie sich mit herausragenden Exemplaren der nächsten Grillmeistergeneration vermählten.

1972

Der Diplom-Psychologe Georg Sieber antizipierte als Berater des Münchner Polizeipräsidenten Manfred Schreiber ein Worstcase Scenario bei dem ein „Freischärler-Kommando … in den Wohnblock der israelischen Mannschaft eindringt“. Das finstere Gedankenspiel zirkuliert als „Lage 21“ in Polizeikreisen. Die albtraumhafte Vorwegnahme des olympischen Gaus erscheint den Entscheidern abwegig. Ulrike Draesner fiktionalisiert in ihrer Annäherung an das Grauen bundesrepublikanische Marken.

„Im Fernseher zoomte die Kamera auf ein vierstöckiges Gebäude. Betontröge wölbten sich an der Fassade.“

Das Bild hat sich dem kollektiven Gedächtnis meiner Generation eingebrannt. Es gehört in die Galerie der schwarzweiß-grauen Schnappschüsse der Terror-Ikonografie, die im Werk von Gerhard Richter ihre Metaebene zugewiesen bekam.

„Die ARD-Uhr zeigte 9.03 Uhr“ am 5. September. Seit 4:10 Uhr halten sich acht palästinensische Terroristen im Olympiaquartier der israelischen Mannschaft auf. Die Geiselgangster waren vorher aus Versehen bei den Sportlern aus Hongkong. Sie sind schlecht vorbereitet. Sie präsentieren sich als Kombattanten des Schwarzen Septembers. Freipressen wollen sie 232 palästinensische Gefangene. Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Kōzō Okamoto stehen außerdem auf ihrer Liste. Im ersten Anlauf werden sie zu Mördern von Josef Romano und Moshe Weinberg. Der gebürtige Libyer Romano verblutet vor den Augen seiner Freunde, während Willi Daume hofft, so schreibt Draesner, „die Geiselnahme … der Weltöffentlichkeit ganz verschweigen zu können“.

Zitate aus Ulrike Draesners Roman „Spiele“, Penguin Verlag, 489 Seiten, 14,-

Ich will ehrlich sein. Mir ging es eben nur um die Verbreitung einer bizarr-jäh in mir hochgeschossenen Erinnerung an jene ewig verschnupfte, in einer Patschuliwolke und dem Fedajinfummel herumgeisternde, sich selbst kopierende Elevin, die mit groteskem Ernst Hava Nagila zu singen versucht. Heute bin ich darüber besonders froh, dass ich in meiner Jugend nicht nur als Verehrerin unserer Jeunesse dorée kursierte. Ich trainierte in Maeve von Pechsteins Karateschule am Wilhelmshöher Bahnhof. Maeves Neffe, der in Lubbock, Texas, geborene und in japanischen und chinesischen Kampfkunstinternaten sozialisierte Cole v. P., lockte mich auf dem Schleichpfad seines Interesses in seine Budo-Unterwelt. Er scharrte Leute um sich, die es geistreich fanden, auf Nagelbetten zu schlafen. Von ihm lernte ich 詠春 / 咏春 in groben Zügen. Lange hielten wir uns mit der Siu Nim Tao auf.

Obwohl ich mit Leib und Seele Karateka bin, übe ich immer noch täglich die erste 詠春 / 咏春-Form.

„Schüler, die nicht klug waren, bekamen keine Aufmerksamkeit, noch weniger diejenigen, die Fragen stellten.“ Sifu Derek Fung über Grandmaster Yip Man.

Cole gestattete keine Fragen oder Bemerkungen der Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts. Ich kannte das Schweigegebot von seiner Tante. Maeve lehrte bis Anfang der 1980er Jahre im Rahmen eines umfänglichen, die geistigen Grundlagen der Selbstverteidigung akademisch abhandelnden Programms. Doch unterschied sie den Diskurs strikt von der körperlichen Praxis.

In Coles Schlafzimmer stand ein Murenzhuang. Cole hatte den Wooden Dummy dem allgemeinen Verkehr entzogen. So gab er dem Holzpuppentraining eine besondere Note. Dazu bald mehr.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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