Jamal Tuschick - Ein Kind des Kalten Krieges

#TexasText/Jamal Tuschick „Der Künstler … ist in einen kosmischen Zeitplan eingebunden.“ Rick Rubin

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Rick Rubin - Kosmischer Zeitplan

„In jedem Augenblick tauchen wir in ein Feld undifferenzierter Materie ein, aus der unsere Sinne Informationsfetzen sammeln.“

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„Der Künstler … ist in einen kosmischen Zeitplan eingebunden.“

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„Kunst bedeutet Konfrontation.“

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„Wir sind von Arbeitsmaterial umgeben. Es wartet an jeder Ecke auf uns, findet sich in Gesprächen, in der Natur, in zufälligen Begegnungen oder bereits existierenden Kunstwerken.“

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„Halte Ausschau nach dem, was niemand außer dir bemerkt.“

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„(Mit Übungen) bilden wir eine Gewohnheit aus, in der ein erweitertes Bewusstsein der Standard für unser tägliches Dasein wird.“

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„Wir machen täglich einen Spaziergang in der Natur und betrachten alles, was sich in unserem Blickfeld befindet, mit Dankbarkeit und Verbundenheit.“

Rick Rubin, „kreativ. Die kunst zu sein“, übersetzt von Judith Elze, O.W. Barth bei Droemer Knaur, 412 Seiten, 24,-

Ein Kind des Kalten Krieges

„Was … im Westen auffällt am Theater: Man weiß nicht mehr genau, wofür man es macht und warum man das macht. Es gibt eine Triebunsicherheit und eine Unklarheit über die Funktion von Theater. Auf der anderen Seite gibt es ein Interesse am Chic des Faschismus. Da ist ein Vakuum, in das plötzlich rechtsradikale Strömungen und Bedürfnisse reinkommen. Das ist ja eine Suche nach einem wertfreien Raum, auch ein Reagieren gegen die Warenwelt. Da ist etwas, was man ernst nehmen muss, weil es dafür im Moment keinen Ersatz gibt in diesen Gesellschaften.“ Heiner Müller

Der .. März 1984 ist ein Samstag, der den Sommer ankündigt. Noch wärmt die Sonne nicht; ein Kaltstrahler am wolkenlosen Himmel. Den Vormittag verbringe ich mit Wochenendbeschäftigungen. Ich drehe meine Runden mit dem Staubsauger, dann werfe ich einen, von jedem Staubkorn abgelenkten Blick in den Tagesspiegel. Ich gehe zum Friseur, hole Hemden aus der Reinigung, und fahre meinen Liebling durch die Waschstraße - einen Ford Mustang Fastback GT 390 in Dark Highland Green. Steve McQueen strapaziert den Schlitten als Lieutenant Frank Bullitt in der längsten Verfolgungsjagd der Filmgeschichte. Das Auto ist mein Ein und Alles. Für eine Familienkutsche fehlen mir die Voraussetzungen. Ich bin gern ungebunden. Ich lebe in Dahlem, in einer Zweizimmer-Maisonette. Erstbezug. Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich von der Wohnung überwältigt. Sie übertraf meine Erwartungen. Ich konnte das kaum vor dem Makler verbergen. Inzwischen erscheint mir der Komfort selbstverständlich. Ich bin neunundzwanzig, Junggeselle, Chemielaborant, und seit der Lehre im Charlottenburger Hauptquartier der Rosenqvist & Longwood-Deuterium-AG beruflich zuhause. Geordnete Verhältnisse mit Spielräumen, so verstehe ich das Programm. Mein Chef war auch mein Berlin-Ranger-Ausbilder. Wolf Sikorski lehrte mich den Katechismus der engagierten Westbindung und das Vaterunser des transatlantischen Bündnisses. Als Orientierungslauf- und Kraftsportgruppen getarnte Milizeinheiten sollen sich bei einem russischen Angriff überrollen lassen und im Rücken des Feindes nach der Hit-and-Run-Methode von Colonel Aaron Bank operieren. Dazu bald mehr.

Hinter mir liegt ein Traumurlaub auf dem Pazifikatoll Aitutaki. Anflug via Rarotonga; dies als Info für Kenner:innen. Vor mir liegt ein Besuch der Leipziger Frühjahrsmesse. Gemächlich packe ich mein Zeug und verstaue es im Auto.

Gegen halbdrei erreiche ich den Grenzübergang Dreilinden. Ich habe wenig mehr als das Nötige dabei und rechne mit einem reibungslosen Durchgang auf dem Kontrollparcours. Die Abfertigung läuft wie geschmiert. Der Kaffee und die Säfte für die Vermieterin meiner Messebleibe werden nicht beanstandet. Die großen Brocken, aber auch Broschüren, Muster, Werbeartikel und Standverpflegung sind schon vor Ort. Ein Kasseler Unternehmen besorgt den Messeaufbau für meinen Arbeitgeber.

Beruflich habe ich ständig in der DDR zu tun; mein Dauervisum beschleunigt das Grenzprocedere. Es gibt eine Messespur, die hauptsächlich von Aussteller:innen genutzt wird und weniger befahren ist als die reguläre Einreisespur. Das Tempolimit auf der Transitstrecke wirkt sich stets zermürbend aus. Die Verkehrsüberwachung wird zur Devisenbeschaffung eingesetzt und ist zu Messezeiten eine vorhersehbare Überraschung.

Der schöne Tag poliert sogar die Transit-Tristesse. Doch kommt es besser. Kurz vor Köckern überhole ich einen Volvo 244 DL, ein Sondermodell, produziert seit 1977 für die DDR, eingeführt von Genex. Listenpreis zweiundvierzigtausend DDR-Mark. In der öffentlichen Wahrnehmung kursiert das Fahrzeug als Künstlerkutsche. Gebaut wird es in Kalmar nach einem revolutionären Gruppen-Handarbeitskonzept.

Am Steuer sitzt eine Rosa Schanina im West-Look. Bis zur Brille stammt alles aus dem kapitalistischen Ausland, jedenfalls ist das mein erster Eindruck. Ich werde ihn nicht korrigieren müssen, wohl aber meine Schlussfolgerung. Ich halte die Volvo-Pilotin für eine Westdeutsche, die in der Hauptstadt der DDR arbeitet. So schick und mondän sieht keine Normalsterbliche im realexistierenden Sozialismus aus, auch keine Funktionärin. Ihre Competitive Ambition springt wie ein Funke über. Sie überholt und setzt nicht bloß den Blinker als Zeichen. Sie startet den Flirt wie einen Blitzkrieg. Es entwickelt sich ein Spiel, wir überholen uns abwechselnd, immer moderat jenseits des Limits, immer mit einem einladenden Lächeln, sobald die Fahrzeuge parallel spuren. Ein modernes Balz-Ritual könnte die Ethnologin in unserem automobilen Walzer entdecken. Schließlich signalisiert meine Spielgefährtin einen gemeinsamen Stopp an der nächsten Raststätte. Die gestische Inszenierung einer zum Mund geführten Tasse, der Zeigefinger schlüpft in das Luftloch des Henkels, lässt keine Zweifel an ihren Absichten.

Mir geht alles Mögliche durch den Kopf. An ein abgekartetes Spiel denke ich absichtlich nicht. Und doch. Ich bin ein Kind des Kalten Krieges. Kontraintuitiv bis auf die Knochen. Von Klein-auf ausgerichtet auf eine Premiumrolle als Verteidiger der westlichen Wertegemeinschaft.

Was ich sehe:

Da unterstreicht eine offensiv ihre Vorzüge. Eine, die zu leben versteht, und sich ihrer Sache sicher ist. Ich folge dem Volvo zur Raststätte Bitterfeld und halte so, dass ich freie Sicht auf die Fahrerinnenseite habe. Die Umsicht bewerte ich als Déformation professionnelle. Meine Erwartungen werden von politischer Skepsis getrübt. Irgendwo sitzt immer ein Haken.

Die Brille bleibt im Auto.

Gemeinsam und ungezwungen wie gute Bekannte begeben wir uns in die Mitropa-Gaststätte; unterwegs sämtliche Blicke auf uns ziehend. Wir finden gleich Plätze. Das ist in DDR-Restaurants nicht selbstverständlich.

Arina Nikola heißt sie. Sie ist, zu meinem Erstaunen, Bürgerin der DDR, wohnhaft in Ostberlin. Und dabei keine Bühnenhoheit, keine Sängerin oder Schauspielerin, sondern Designerin im Modeinstitut der DDR . Ihr Aufzug ist eine Verkleidung. Nie im Leben dürfe sie so erkennt werden. Deshalb habe sie auf mich reagiert. Ich sei der harmloseste Zeuge ihrer Extravaganz.

Arina verdient sich auf der Messe etwas dazu, am Stand einer Westfirma im Dresdner Hof. Der Gegensatz zwischen ihrem Auftritt und den biografischen Marken im Spektrum des camouflierten Durchschnitts wirkt dramatisch und beruhigend zugleich.

Wir verstehen uns auf Anhieb. Arina vertritt bodenständige Ansichten im Brustton der Überzeugung. Sie dröhnt vor lauter Unbefangenheit. Kein bisschen prätentiös erscheint sie.

Das Exaltierte erschöpft sich im berauschenden Outfit. Arina hat eben ein Händchen für Effekt, denke ich. Die Aufmachung verhüllt ein unverblümtes Wesen. Jedenfalls stelle ich sie mir so dar.

Das Ministerium für Staatssicherheit überwacht alle Transitraststätten mit Kameras. Jeder weiß, dass MfS-Mitarbeiter:innen in der Gaststätte sind. Im Grunde herrscht Kontaktsperre zwischen BRD- und DDR-Bürger:innen. Das muss Arina klar sein. Trotzdem zeigt ihr Verhalten nichts Verstohlenes. Ich denke, sie ist so frei, sich über die Staatsräson einfach hinweg zu setzen. Ich finde sie aber auch ein bisschen zu locker im Klassenkampf.

Ich bin so geblendet, dass ich Arina automatisch ein starkes Interesse an mir unterstelle. Ich weiß, man nennt das Wunschdenken. Ich bin der Mann von Welt, ein Westler mit Reisefreiheit, und Arina ist die Frau aus dem Roman, den meine Phantasie geschrieben hat. Dazu bald mehr.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino

Jamal Tuschick