Kiyoshi Ikizu - Der propriozeptive Sinn*

#TexasText/Jamal Tuschick *„Propriozeptoren versorgen das Gehirn mit einem Körperschema.“ Maksem Manler

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*„Propriozeptoren versorgen das Gehirn mit einem Körperschema.“ Maksem Manler, Quelle

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“The purpose of Siu Nim Tao* is to train the brain to accept the idea of not using force.” Chu Shong Tin, zitiert nach Maksem Manler, Quelle

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“*Siu Nim Tao translates as Little Idea/Thought and this should be taken literally. By performing Siu Nim Tao in our mind whilst simultaneously doing the form physically, we are actually training our Nim Tao to command our movement. In other words, we are reprogramming our body’s ability to follow our intention.” Maksem Manler, Quelle

Sauberer Fortschritt

Ein Kasseler Vorstadtsonntagvormittag im Flutlicht des magischen Frühlings Neunundsechzig. Die dahinplätschernden Routinen am Saum der Seligkeit enden je. Vom Anblick der neuen Nachbarin gedopt, legt der Bundestagsabgeordnete und Studienrat Kaito Ikizu eine seinen Sohn Kiyoshi erschreckende Hilfsbereitschaft an den Tag. Frau Ikizo, eine so perfekt ins Bild passende Person, das sie eine Jeans für sich nicht passend findet, beobachtet die Szene am Küchenfenster. Vier Monate später vereint die erste bemannte Mondlandung die Welt vor den Bildschirmen. John Updike stellte den großen Menschheitsschritt (Neil Armstrong) ins Zentrum seines Rabbit-Romans „Unter dem Astronautenmond“.

Zeitlich sind wir vor den Horizont der Apollo 11-Mission. Das Personal bewegt sich auf den Start der Raumkapsel zu. Vater und Sohn der Familie Ikizu haften an einem Homo-Faber-Weltbild. Die maschinelle Überwindung menschlicher Beschränkungen fasziniert sie bis zur utopischen Dimension. Den gesellschaftlichen Aufbruch von Achtundsechzig beurteilen sie kritisch. Die Wallfahrt zum Mond erleben sie als Hochamt. Sie feiern den sauberen Fortschritt.

Was beinah völlig in Ordnung zu sein scheint und Applaus für Normerfüllung erheischt, ist in Wahrheit ein Desaster. Frau Ikizu erträgt den erotischen Radius ihres Mannes nur sediert. Kiyoshi flieht vor den elternhäuslichen Krisen in die Karateschule Pechstein. Sie liegt praktisch an der nächsten Ecke in Kassels schönstem Stadtteil.

Zwanzig Jahre später

Kiyoshi zieht einen Finger durch den Staub auf dem Vertiko, und die Erinnerungen stellen sich ein. Sein Vater fing viel an und brachte wenig zu Ende. Die losen Enden seines Lebens möchte Kiyoshi zusammenfügen. Eine Hüpfburg, die Kaito Sensei einst unfertig in den Garten stellte, blieb so, während die winterharte Lebensbaumhecke ständig in Form gehalten wurde. Nesthocker Kiyoshi unterscheidet den Lärm der Rasenmäher vom Lärm der Laubbläser.

Bettines Töchter verdienen sich im Garten ihr Taschengeld. Die Mädchen buhlen um die Gunst des Liebhabers ihrer Mutter. Sie beobachten genau, wie er auf ihre Verehrer reagiert. Der Nachwuchs dreht Extrarunden um das Anwesen. Achtzehnjährige in Luxuslimousinen oder anders auffällig Fahrzeugen. Naokis Ältester fährt einen blauen Mustang aus der großen Zeit von Steve McQuinn. Das versteht Ichiro unter Stil und Klasse. Er interessiert sich für beide Schwestern, ohne Spannungen auszulösen.

Jades und Realys Schwarzer Erzeuger kam als Student aus Haiti nach Deutschland. Alles Weitere steht in den Sternen. Bettine behauptet, in ab und zu auf der Straße zu sehen. Sie fürchtet eine Voodoo-Verbindung ihrer Töchter zu dem Mysteriösen.

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Das Uferrelief der Wilhelmstaler Bucht sieht wie ein Dschungelsaum am Amazonas aus. Alles wächst, wie es der großen Gärtnerin in den Tropen gefällt. Schilf, Lilien, Wurzelstöcke, Stauden und Büsche verschlingen sich bis zur Verwirrung der Eindrücke. Kiyoshi steuert einen Fluchtpunkt seiner Kindheit an. Er befährt die Fulda in einem Einbaum der Rosenheimer Faltbootwerft Klepper. Er war so sonderbar, sich für Gleichaltrige nicht zu interessieren. Kiyoshi las Bravo, um sich über andere Kinder zu informieren. Ihn verätzte ihre Spottlust, wie jeden Außenseiter. Kiyoshi erwartete von Erwachsenen, dass sie ihn vor Kindern in Schutz nahmen und als konservativen Finanzexperten respektierten.

Bei niedrigem Wasserstand schießt Vegetation durch die Schlammdecke. Steht das Wasser hoch, zerreißt es das Ufer.

Das Kajak treibt ins Schilf der Bucht. Ein Schiefermassiv buckelt am Ufer. Auf einem hakenförmigen Sporn zerfallen Mauern.

Der Volksmund nennt den natürlichen Hafen Kilians Becken. Kilian war ein irischer Missionar. Er organisierte Massentaufen, die aufgrund heiß diskutierter Formfehler Wiederholungen nach sich zogen. Mit den Wiederholungen kritisierten schottische Missionare das Prozedere ihrer irischen Kollegen, die oft nicht gut Latein konnten und ihre eigenen Taufformeln hatten.

Vorgebliche Mönche lehrten kultische Reinheitsrituale zum Zweck der Selbstheilung. Sie verbreiteten ihre Druidenlektionen und Diätpläne unter christlichen Vorspiegelungen. Die an die Scholle gebundene Bäuerin kam nie weiter, als ihr Heimweg reichte. Eine Tagesreise brachte sie ans Ende der Welt. Ihren täglichen Radius teilte sie mit dem Vieh. Ihre Stellung im Universum war ihr schleierhaft geworden.

Die neue Religion wurde in eine magische Praxis überführt. Der Weinberg des Herrn konkretisierte sich im königlichen Weinberg, der strafende Gott im strafenden Amtsinhaber. Vorsichtshalber sagte man alle Schutzformeln auf, die man kannte. Der christliche Text ergänzte ältere Wörter auf einer mythologischen Grundlage. Noch lange nach der ersten Jahrtausendwende beschwerten sich Geistliche über ‚heidnische‘ Andachtseinsprengsel.

Die Ir:innen* legten Waldgärten an und inspirierten einen vertrauten Umgang mit Heil- und Giftpflanzen. Sie predigten christliches Wasser und tranken magischen Wein.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino

Jamal Tuschick