Mentale Stärke - Die Überlegenheit im Kopf

#TexasText/Jamal Tuschick In den 1980er Jahren dominierten Daley Thompson und Jürgen Hingsen den Zehnkampf. Dabei fiel auf, dass Hingsen, der den Weltrekord drei Mal verbesserte, seine Bestform nur in Wettkämpfen fand, die er ohne seinen stärksten Gegner bestritt.

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Athletische Erektionsstörung

In den 1980er Jahren dominierten Daley Thompson und Jürgen Hingsen den Zehnkampf. Dabei fiel auf, dass Hingsen, der den Weltrekord drei Mal verbesserte, seine Bestform nur in Wettkämpfen fand, die er ohne seinen stärksten Gegner bestritt. In jeder direkten Auseinandersetzung deklassierte ihn der Brite. Thompson brachte den Rivalen nach Belieben aus der Fassung. Amina Krasota-Eisenfuß, unsere Kasseler Karateweltmeisterin, führte Hingsen stets als Paradebeispiel für mentales Versagen an. Sie sprach von athletischen Erektionsstörungen. Ihr Spott sollte uns eine Lehre sein. Mentale Stärke war ein Trainingsziel. Mindforce zählte zu den Grundbegriffen im Fortgeschrittenentraining der 1973 von Maeve von Pechstein in Kassel gegründeten Karateschule Pechstein.

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Nach dem ersten Zionistischen Kongresses vor 125 Jahren im August 1897 notierte Theodor Herzl: „Fasse ich den Baseler Congress in ein Wort zusammen - das ich mich hüten werde öffentlich auszusprechen - so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet.“ Aus der Jüdischen Allgemeinen, Quelle

Well, das nenne ich selbstbewussten Optimismus.

Geschlossener Harmoniekreislauf

In Giovanni Vergas Roman „Die Malavoglia“ beleben die Titelheld:innen einen ionisch-sizilianischen Flecken mit Ausblick auf die zerklüfteten Isole dei Ciclopi. Den Familiensitz kennzeichnet ein Mispelbaum im Vorgarten. Wie ein heraldisches Motiv taucht das Wahrzeichen in der örtlichen Legende als Synonym für die Malavoglia auf. Will man an einem von ihnen kratzen, strapaziert man ein zur Metapher geronnenes Bild aus dem kulturellen Gedächtnis der Einheimischen. Darin droht ein Sturm dem Baum mit Entwurzelung. Die Naturgewalt hört auf den Namen Tramontana.

Rauschhaftes Erleben der Vernetzung sämtlicher Kompetenzzentren

An der kroatischen Adria kündigt der Tramontana schönes Wetter an. Es erwacht ein Tag, da üben Serena Hideyoshi und Sensei Cole von Pechstein, der als Colt Winchester in Lubbock, Texas, zur Welt kam, im Schatten des Dinarischen Orogens und an einem dalmatischen Strand in einem geschlossenen Harmoniekreislauf eine Form, die in keinem Prüfungsprogramm der Karateschule Pechstein auftaucht. Sie stehen „Die kleine Idee - Siu Nim Tau“. Manche begreifen die Form als ertüchtigenden Einstieg in das Wing Chun Gong-fu. Cole weiß es besser, seit er als Zehnjähriger (nach drei Jahren Klausur in einem Karatekloster auf Okinawa) in der chinesischen Provinzkapitale Fuzhou sein Wing Chun-Studium aufnahm. Man kann die „kleine Idee“ ein Leben lang üben und solange neue Verknüpfungen zwischen den Körperarealen genießen. Es findet eine kreatürlich gesteuerte Vernetzung der Kompetenzzentren statt. Die Praktizierenden überwinden jene natürliche Unvollständigkeit, die ihnen die Vulnerabilität der anderen ständig vor Augen führt, während sich ihre innere Topografie synchronisiert.

Serena erlebt das im Souterrain des Begreifens. Cole, hochbegabt und nach Kampfkunstmaßstäben so exklusiv und erfolgreich ausgebildet, wie eine in Harvard summa cum laude promovierte Zeitgenossin, teilt mit der Bemühten ein seltsames Glück. Er liebt es, Serenas Fortschritte zu beobachten. Die geringe Entwicklungsgeschwindigkeit rührt ihn nicht nur. Sie weckt Empfindungen am Rande des Geschehens, das Cole mit sich assoziiert.

Aus dem Off/Serena erinnert sich

Kroation. Italien. Frankreich. Spanien. Ausgehend von Banyuls-sur-Mer, überquerten wir die Pyrenäen auf dem Chemin Walter Benjamin. Der Saumpfad führt via Cerbère nach Portbou an der katalanischen Costa Brava. Es war eine geführte Wanderung, eine lange Geschichtsstunde. Ich komme darauf zurück. Ich hielt Schritt. Der Rucksack wurde mir nicht zu schwer. Wo war die antriebsschwache, anti-athletische Person geblieben, für die ich mich so lange geschämt hatte? Meine Stärke war noch neu. Ich fürchtete, sie in jedem Augenblick zu verlieren . Ich war von mir so überwältigt, dass ich mich auf die Ausführungen unserer Führerin nicht konzentrieren konnte. Es ging wohl um Walter Benjamin, der im September 1940 ...

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Ich schalte mich kurz ein. Guten Tag, mein Name ist Graf Speer zu Schauenburg. Seit zwanzig Jahren unterrichtet mich Maeve von Pechstein in meinem Haus. Ich bin ihr reichster und intelligentester Privatschüler. Stets beglücke ich Meisterin Maeve (Sukii Shihan San) mit einer schottisch-japanischen High-Tea-Zeremonie im Anschluss an unser Exerzitium.

By the way, ich habe mein eigenes Dōjō, das, im verkleinerten Maßstab, dem Chiba Shūsaku Narimasa Dôjô nachempfunden ist. Für mich geht nichts über Karate, Schwertkampf und Geschichte.

Ich helfe Serena auf die Sprünge. Als Benjamin seinen letzten Fluchtversuch unternimmt, blockieren französische Schergen im Auftrag der Gestapo den Coll dels Belitres - Pass der Schurken. 1938/39 nutzten Republikaner:innen* die historisch ausgetretenen Schmuggler:innen*routen in die entgegengesetzte Richtung, nachdem die Hoffnung auf Freiheit zu Grabe getragen worden war. Im Februar Neununddreißig strömten und strandeten massenhaft Kombattant:innen* der weggebrochenen katalonischen Front (26. Abteilung) nach/in Südfrankreich. Viele wurden aufgegriffen und interniert im langen Winter der Anarchie. Der tragische Vorgang kursiert im kulturellen Gedächtnis als Retirada. Für die rechtsgerichtete französische Regierung war dieser Rückzug eine „Massenflucht (exode massif) der Unerwünschten“.

„Les réfugiés espagnols en 1939, des indésirables“. Quelle

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Lisa Fittko führte Benjamin über den ihr selbst noch unbekannten Coll de Rumpissar aka Ruta Líster (so benannt nach General Enrique Líster) nach Portbou, wo sich Benjamin (sehr wahrscheinlich) das Leben nahm. Ich kolportiere in Klammern die hier und da gestreuten Zweifel an einem Selbstmord.

Benjamin setzte sich der alpinistischen Anstrengung aus, obwohl ihm Lisa Fittko erklärt hatte:

„Aber sind Sie sich darüber im Klaren, dass ich kein erfahrener Führer in dieser Gegend bin? Ich kenne den Weg eigentlich gar nicht, ich selbst bin noch nie dort oben gewesen. Was ich habe, ist ein Stück Papier mit einer Wegskizze, die der Bürgermeister aus dem Gedächtnis gezeichnet hat.“ Quelle

Lisa Fittko registrierte die außerordentliche Höflichkeit des gezeichneten Schriftstellers.

„Was für ein merkwürdiger Mensch, dachte ich. Kristallklares Denken, eine unbeugsame innere Kraft, und dabei ein hoffnungsloser Tollpatsch.“ Lisa Fittko

Lisa und Hans Fittko führten 1940/41 über dreihundert Menschen über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien.

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Zu den Personen, die Benjamin das Leben zur Hölle machten, zählte der in der Bundesrepublik unbehelligt ergraute und vergreiste Legationsrat Ernst Kundt (1883 – 1974). Anfang der 1940er Jahre stand er einer Kommission vor, die seinen Namen trug. Er fahndete federführend nach deutschen Antifaschist:innen* in südfranzösischen Internierungslagern, um sie der Vernichtungsmaschinerie zuzuführen. Ferner organisierte er die Überwachung der Fluchtrouten nach Spanien. Seinem Befehl gehorchend, patrouillierten Gardes mobiles, so Lisa Fittko in ihren Aufzeichnungen, auf den Passagen in die Freiheit. Die Einheiten waren im 19. Jahrhundert als Hilfstruppe der Armee gegründet worden. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs dienten sie - nach einem Abkommen im Rahmen des Waffenstillstands von Compiègne (22. Juni 1940) - kollaborierenden Mannschaften und Offizieren als Auffangbecken.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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