Mentaler Zaun

#TexasText/Jamal Tuschick „Alles ist vielleicht nicht klar, nichts vielleicht erklärlich, und somit, was ist, wird, war, schlimmstenfalls entbehrlich.“ Christian Morgenstern

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„Wer seine Taktik auf seinen Feind abstimmt und deshalb den Sieg erringt, kann ein vom Himmel geleiteter Anführer genannt werden.“ Sunzi

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„Bewege dich nur, wenn ein Vorteil zu erringen ist.“ Sunzi

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„Der Wert einer ganzen Armee ... hängt von einem Mann allein ab: Dies ist der Einfluss des Geistes.“ Sunzi

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“Some people think Karate is in the mind, but if you don’t condition your body, it’s not Karate.” Takara Shintoku

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“The study-trail is never-ending.” Kyudo Mugen

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„I was told to train day and night.“ Shinjo Kiyohide

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„Whether you awake or asleep always think about Karate.“ Matsuda Hirokazu

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„(Karate) is like how a strong sword requires the process of heating, hammering and cooling the metal repeatedly.“ Kanji Uechi

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„Alles ist vielleicht nicht klar, nichts vielleicht erklärlich, und somit, was ist, wird, war, schlimmstenfalls entbehrlich.“ Christian Morgenstern

Mentaler Zaun

메리bedeutet auf Deutsch Maria. In Japan machte sich die katholische Koreanerin Maria Park als Kanon Takeshi unauffällig. Sie verhehlte ihren Glauben und gab sich buddhistisch. Sonst hätte Honoka Yukishiro Sensei sie nicht akzeptiert. Die Meisterin entstammte einem Klan, dessen größter Stolz die Verwandtschaft mit der Tokugawa Dynastie war. Shōgun Tokugawa Iemitsu hatte nach einer Reihe von Niederschlagungen christlicher Aufstände in den 1630er Jahren die katholischen Portugies:innen* des Landes verwiesen und Japan dichtgemacht. Honoka Yukishiro Sensei war zu vornehm, um ihre Vorurteile zu veröffentlichen. Gleichwohl hätte sie eine bekennende koreanische Katholikin nicht unterrichtet. Sie lehrte Gōjū-Ryū-Karate in einem alpinen Dōjō. Um es zu erreichen, musste man sich von einem Hubschrauber abseilen.

Maria kam in der Gegend von Dangjin in Chungcheongnam-do im koreanischen Südwesten am Gelben Meer zur Welt. Ihr Elternhaus stand nicht weit von einer Kirche, als einem Produkt französischer Missionsanstrengungen. In Japan waren Katholiken eine Minderheit. In Korea hatte der Katholizismus gar nichts zu bestellen. Christenverfolgung war lange Staatsziel und ist es noch in Nordkorea. Bis in die Neunzehnhundertfünfzigerjahre war Pjöngjang das koreanische Zentrum des Christentums.

Maria wuchs auf einer isolierten Glaubensinsel auf. Man erzählten sich da am liebsten Märtyrer:innen*geschichten. Französische Geistliche waren zum Sterben nach Korea gekommen. Sie hatten den Passionsweg gewählt, um ihren Spirit zu testen.

Die Kirche von Hapdeok wurde 1929 zum Trotz der Christ:innen*verfolgung erbaut. Sie war ein Kristallisationspunkt des koreanischen Katholizismus.

Die katholische Mission erreichte Korea erst 1794 auf Geheiß von Papst Pius VI. als geheimes Kommandounternehmen. Der James Bond des Vatikans hieß Pierre Grammont. Der Bischof wirkte im Untergrund. Das prägte die Gemeinde. Die Gläubigen fühlten sich gleichermaßen auserwählt wie stigmatisiert. Legten sie neue Gärten auf (in ihrer Generation) nie umgegrabenem Boden an, beschädigten sie manchmal mit dem ersten Spatenstich einen Knochen, der ein killing field ankündigte. Der Tod hatte nichts zu sagen.

Yoga-Mumien

Marias Eltern starben, bevor das Mädchen zwölf war. Maria wurde von ihren Geschwistern getrennt und an buddhistische Verwandte abgegeben, die das Mündel vor dem Waisenhaus bewahrten. Maria erlebte die Veränderung als Deportation. In der neuen Umgebung wurden die Leute zwar steinalt, verbrachten aber die Hälfte ihres Daseins in dem lächerlichen Zustand von Yoga-Mumien. Man traf Hundertjährige, die Räder schlugen und in den Spagat fielen, sobald das Fernsehen anrückte. Sie schämten sich nicht für ihr zahnloses Lachen.

Langlebigkeit galt als spirituelle Leistung. Greise Gymnastikgurus genossen Verehrung. Maria ahnte nicht, dass sich hinter dem Fitness-Gewese oft weiter nichts verbarg als eine Allianz autoritärer Süffel, deren Väter und Großväter mit der japanischen Besatzungsmacht kollaboriert hatten.

In dieser Sphäre praktizierte man eine dem Shotokan Karate nachempfundene Kampfkunst nach den Regeln von Choi Hong Hi. Chois Taekwondo ist eine japanisierte Spätlese. Ich schweife ab. Dass im 20. Jahrhundert auf der japanischen Hauptinsel popularisierte Karate, entspricht nicht zuletzt einem japanisierten Naha Te und Shōrei Ryū. Die Okinawa Stile unterscheiden sich von jüngeren Auslegungen auf der Hauptinsel. Okinawa Te war eine bäurische Reaktion auf ein Waffenverbot im Königreich Ryūkyū und das Produkt eines Kulturaustauschs mit China. Es kam aus schierer Notwendigkeit und wurde als Selbstverteidigung gegen Schwerbewaffnete gelehrt. Auf Okinawa trafen mit Schwertern, Messern, Lanzen, Bögen und Lassos bewaffnete, mitunter marodierende Vollstrecker staatlicher Interessen auf Leute, die nur ihre körpereigenen Waffen und ihre Werkzeuge besaßen. Daraus ergaben sich Szenerien ohne Beispiele in der Gegenwart. Man ging von einer unsportlichen Begegnung aus, bei der ein Reiter sein Pferd auf einen Fußgänger treibt, oder bei der ein Angreifer den Angegriffenen mit einer über zwei Meter langen Lanze gleichermaßen attackiert und distanziert.

Vertiefe dich nun in die Ursprünge und sortiere deine Gedanken auf gutem Papier. Lass deinen Atem ruhig fließen. Unterbrich dich zuzeiten und betrachte das Geschehen auf der Straße vor deinem Fenster.

Eine Armee ohne ihren Tross ist verloren; ohne Proviant ist sie verloren; ohne Versorgungslager ist sie verloren. Sunzi

Marias Ziehfamilie verstärkte Versorgungslinien der Kkangpae. Jo-Pok (조폭) oder Jojik-Poklyeokbae (조직폭력배) oder eben Kkangpae nennt man in Korea kriminelle Vereinigungen. Offiziell existieren sie nicht. Mehr als eine Regierung erklärte ihnen den Krieg, um gelegentlich auf sie zurückzugreifen. Maria geriet aus dem katholischen Untergrund in einen kriminellen. Ihre Versorger:innen* waren traditionelle Parteigänger:innen* eines Syndikats, das als Straßenbande während der japanischen Okkupation gegründet worden war. Ihr erster Anführer, Kim Du-han, genannt Uisong (1918 – 1972), galt landesweit als bester Faustkämpfer. Nach Jahrzehnten als Oberkrimineller ging er in die Politik und starb hochgeachtet. Seine Nachkommen sind Säulen der Gesellschaft.

„Deine Pläne sollen dunkel und undurchdringlich sein wie die Nacht, und wenn du dich bewegst, dann stürze herab wie ein Blitzschlag.“ Sunzi

Maria bereiste Japan als Agentin des Vatikans, verband sich kurz mit der Japanischen Roten Armee, und tauchte dann als Kanon Takeshi in Honoka Yukishiro Senseis himmlischem Dōjō im Hida-Gebirge zugleich auf und unter. Sie verschwand vom Radar der Dienste.

Archaisch und aristokratisch

Honoka Yukishiro Sensei unterrichtete in einem Wolkentheater. Die Natur ließ es sich nicht nehmen, dramatisch aufzutreten. Sie überwältigte die Schülerinnen gemeinsam mit Honoka Yukishiro Senseis charismatischer Erscheinung. Alles war Fluidum, Sendung, Zen - archaisch und aristokratisch. Kanon Takeshi verwandelte ihre Unzulänglichkeit in Karate und Naturverbundenheit. Sie verlor ihr armes Ich an den Kosmos. Sie vermählte sich mit der Leere und gelangte in einen guten Stoffwechselkreislauf.

Die Koreanerin verbarg ihren katholischen Glauben vor den japanischen Buddhistinnen*, die sie trotzdem nicht zu ihrer Nonnengemeinschaft zählten. Kanon Takeshi war die Rabin, die den Tod ankündigt. Frau durfte ihr auch nicht von links nach rechts über den Weg laufen, ohne ein Unglück heraufzubeschwören. Fiel eine antike Tasse der Unachtsamkeit zum Opfer oder zog ein Ofen nicht richtig, hieß es hinter vorgehaltener Hand, Schuld daran trüge allein Kanon Takeshi. Politiker:innen* und Geschäftsleute, die in Honoka Yukishiro Senseis Karatekloster das Japanische in seiner ursprünglichsten Form suchten, spielten in Kanon Takeshis Gegenwart auf jugun ianfue an, auf die koreanischen Trostfrauen der kaiserlichen Militärmaschinerie. Das korrumpierte Kanon Takeshi. Sie begriff den geistigen Überbau und die Charakterschule nicht mehr als das Wesentliche des Unterrichts und nickte die stets ausschweifenden Erklärungen nur noch ab. Ein Jucken begann sie zu plagen. Honoka Yukishiro Sensei gab ihr ein Pulver und das Jucken hörte auf. Eine Reihe von Krankheiten versuchten sich bei Kanon Takeshi einzunisten. Als gute Äbtissin schickte Honoka Yukishiro Sensei die Krankheiten weg, in liebloser Fürsorge. Es kam der Tag, da fand Honoka Yukishiro Sensei es nötig, der Außenseiterin den Abschied nahezulegen.

Kanon Takeshi fühlte sich verstoßen.

Das Geheimnis der offenen Faust

Honoka Yukishiro Sensei brachte ihren Schülerinnen* weiche Schläge bei. Solche Schläge geben keine Energie an den Rückstoß ab. Sie produzieren eine Impaktkette mit zwei Einschlägen. Erzielt wird die Kraft mit der flachen Hand oder einer offenen Faust. Die offene Faust leistet die Arbeit eines Hohlraumhammers. Die Kammer kann alles Mögliche beherbergen. Als nachstürzende Masse erzeugt zum Beispiel Öl den Schlag-auf-Schlag-Effekt als Materialschock. Der Schock entfaltet seine Wirkung wie ein Teilmantelprojektil in weichem Gewebe.

Es gibt sogar einen Sucker Punch, den man kommen sieht, als weichen Schlag. Er ergibt sich in einem Spiel mit der Evolution. Man kalkuliert Reflexe, die den Gegner davon abhalten, das Richtige zu tun. Deshalb trennt sich die wahre Karate-Persönlichkeit vom menschlichen Überlebensmodus. Sie verwandelt sich, bis sie komplett kontraintuitiv aufgestellt ist. In der Verbindung mit körperlicher Abhärtung schafft Kontraintuition eine unsichtbare Panzerung.

Zwanzigjähriges Urgestein

Eine Vorstufe bildet der mentale Zaun. Marias Tochter Puma, ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten, geboren und aufgewachsen in Kassel, Sportstudierende im zweiten Semester, Vize bei den DM-Vollkontaktmeisterschaften in diesem Jahr, verschrien als humorbefreite Schleiferin, als eine, die zum Lachen in den Keller geht, lehrt Elevinnen der Leistungsgruppe in Meisterin Maeves Wilhelmshöher Dōjō die Synchronisierung von Mühelosigkeit und Vorwärtsspannung im Verein mit dem mentalen Zaun und der Flankenstrategie. Dazu bald mehr.

Pumas Mutter hat die Aspergerin Maeve von Pechstein vor Jahren förmlich übergeben, in einem Ritus von Meisterin zu Meisterin. Nun gilt der Schwur.

Stur unterrichtet Puma die Voraussetzungen für ansatzloses Handeln. Ihr zur Seite steht ausgerechnet die nicht weniger verstockte Lien. Die beiden konkurrieren um Maeves Aufmerksamkeit. Lien erklärte sich einst selbst zu Maeves Tochter, und Maeve nahm die Herausforderung an.

Bald mehr.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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