Nordkoreanische Personenkultästhetik

#TexasText/Jamal Tuschick Serena Hideyoshi - Nordkoreanische Personenkultästhetik

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„Whether you awake or asleep always think about Karate.“ Matsuda Hirokazu

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Stau- und Zähflüssigkeitsgemeinschaften

Ich wohne schon lange nicht mehr in der Stadt. Die größte Abweichung von meinen Erwartungen an einen naturnahen Alltag ergibt sich aus dem Zwang zur Automobilität. Aufhaltendes Fahrverhalten gehört zum Komment im Landkreis. Dörfliche Debatten drehen sich um Tempodrosselungen. Gleichzeitig bemerke ich immer mehr Kadaver auf dem Asphalt.

Alle möglichen Verkehrsteilnehmer:innen* erzeugen mit ihren Fahrzeugen Stau- und Zähflüssigkeitsgemeinschaften. Unter der Zivilisationskritik zeichnet sich aber eine Idylle ab. Ich streiche die Prisen eines gemächlichen Lebenswandels ein.

Guten Tag, mein Name ist Tomoe Vancouver. Ich bin die Sicherheitschefin der Ritterlichen Schwestern zu Kassel. Unsere Ordensgeschichte reicht zurück bis zum Jahr Tausend. Die Erstgründerin war eine Ahnin unserer Äbtissin und Shihan Maeve von Pechstein. Die Neugründung fand 1980 im geheimen Dōjō der Feministischen Karateschule Pechstein statt. Es gibt einen offiziellen, in allen Medien präsenten Bereich, und eben die klandestine Zone, die zu kennen ich als mein größtes Privileg erachte. Nichts macht mich stolzer als die Zugehörigkeit zu den Schwurschwestern um Maeve und um unsere Weltmeisterin Amina Krasota-Eisenfuß. Amina erstritt und verlor den Titel in den 1980er Jahren. Trotzdem erscheint sie nicht nur mir als unabsetzbare Karatekönigin. Dabei ist sie bescheiden, eine Physiotherapeutin frei von Allüren. Der weltfrauliche Auftritt liegt Amina nicht. Ihre Schwester Anzu neigt dazu, in die Vollen zu gehen.

Ich bringe hier noch mal was zu Anzu, so wie sie damals war, als in Kassel Karate hochkochte:

Anzu, zwanzig, Kasselerin von Geburt, Japanologie-Studentin in Göttingen, DM-Dritte im letzten Jahr, lebt Budo. Kein Tag ohne Training. Anzu bleibt da nicht stehen, wo die meisten von uns innehalten, sei es aus Erschöpfung der Ressource, oder aus Loyalität gegenüber unserer Meisterin Maeve.

Anzu erweitert ihr Repertoire in Lehrgängen. Sie ist die Frau in der Highend Version eines Trainingsanzugs, mit dem skeptischen Blick, der gerümpften Nase und hochgezogenen Braue, der wahnsinnigen Umhängetasche und ewigen Wasserflasche, die ihre Wochenenden in der vollendeten Tristesse von Vorstadtturnhallen verbringt, um bei Welt- und Großmeistern oder israelischen Nahkampfexperten totsichere Messerabwehrtechniken zu lernen. Je länger Anzu übt, umso mysteriöser erscheint ihr das Genre. Ihr Interesse an spirituellen Gewinnen verfliegt gerade. Die geistige Dimension, der erzieherische Wert, die Persönlichkeitsschulung wurden zu Begriffen im Nebel. Anzu quält die Befürchtung, das wahre Karate in Deutschland zu verpassen. Da ist niemand so wie die fliegenden Tiger in ihren Träumen. Um sicher zu gehen, das ganze Paket aufgeschnürt zu haben, bucht sie ein Jahr Karate in einem Dōjō am Fuß des Kumotori im Okuchichibu-Gebirge.

Shihan Nagai unterrichtet da Kyokushin Karate. Er bewahrt das Erbe des Stiertöters Ōyama Masutatsu. Anzu begreift, dass Bewahrung in Japan ein Wert an sich ist. In den Bergen walten Kräfte, die nicht in die Welt expandieren. Karate ist ein Vehikel (eine Auslegung) des Japanisch-seins. Die Nicht-Japaner:innen* unter den Meisterschüler:innen* bleiben auf die höflichste Weise vom innersten Kreis ausgeschlossen. Anzu fühlt sich geprellt. Sie tröstet sich mit der Verehrung des zuvorkommenden Akio.

Akio und Anzu befleißigen sich gemeinsam des Lotussitzens. Für beide ist das noch schmerzhaft. Wird der Schmerz unerträglich, malt sich Anzu einen Tod auf dem Kissen aus.

Bei der ersten Fünfzehnstundenschicht führt sie Shihan Nagai durch die Sitzhölle. Das empfindet Anzu als Ermutigung. Sie gelangt zu der Überzeugung: Wer fünfzehn Stunden intensiv sitzen kann, schafft alles. Shihan Nagai dämpft die Euphorie. Er predigt:

„Löse dich von deinen Vorstellungen und Absichten.“

Anzu hält Shihan Nagai für einen Weisen mit Vorurteilen.

Rurale Episode

Nennen Sie es ruhig meine rurale Episode. Vielleicht ziehe ich morgen schon nach Saitama, der jüngsten japanischen Millionenstadt. Sie liegt in der Tokioer Agglomeration. Im Augenblick wohne ich am Saum eines Siedlungsrandes. Die Siedlung erweitert ein Straßendorf seit den frühen 1960er Jahren mit erheblichen Störungen der vertrauten Abläufe. Ich weiß das von einem in die Jahre gekommenen Siedlungskind; einem Verehrer, wie Sie sich denken können. Ich duldete Bert eine Weile. Er bildete sich etwas auf eine Vergangenheit als kommunistischer Straßenkämpfer ein. Dabei hatte er von Kampf keinen Schimmer. Ich musste ihn beschützen, wenn wir seine alten Feind:innen* trafen; oft in einer Arena zwischen den Klos im ersten Stock des Bürgerhauses, das Jahrzehnte als Volksschule gedient hatte und vom Kohortenmief imprägniert war, und einem (zum Bürgerforum im Rundentischstil) umgewidmeten Klassenzimmer, das alle außer mir seit der Kindheit kannten. Man stritt auf einem hallenden Korridor mit quietschendem Linoleumboden, stets auf die gleiche Weise idiotisch engagiert. Heute weiß ich, worum es ging, darum nämlich, Animositäten nicht ins Sediment sinken zu lassen, sondern sie fleißig am Leben zu halten.

Wem was gehörte, war im Weiteren ein unerschöpfliches Thema. Allerdings beschränkte sich das einschlägige Interesse auf das Dorf. Wohlstandszuwächse in der dazugekommenen, auf Äckern, die „Länder“ genannt wurden, einst in Rekordzeit hochgezogenen Waschbetonsiedlung, in der nun auch individuell gestaltete, mit Spalieren in den Vorgärten bürgerlich erscheinenden Eigenheime bildbestimmend waren, zählten nicht.

Nach den Begriffen des Dorfes konnte die Alte Schule, die jetzt Bürgerhaus war, nur, wer aus dem Dorf stammte, lange kennen. Folglich kannte Bert die Alte Schule nicht lange, obwohl er in ihr eingeschult worden war.

Bert zeigte mir die Gärten, in denen er Beete umgegraben, Versorgungsgräben gezogen und Drainagen verlegt hatte. In seiner Jugend waren Fertigbauhäuser der letzte Schrei gewesen. Sie wurden von Schüler:innen*, Studierenden und anderen Hiwis* binnen vierundzwanzig Stunden bezugsfertig gekloppt. Gestern noch Mieter:in*, heute schon Hausbesitzer:in* auf dem Weg zum Eigentum. Das war machbar, angesichts „der atomaren Bedrohung“, die für Endzeitstimmung sorgte. Die Rote Armee stand vor der Tür in Thüringen. Der Amerikaner wollte auf deutschem Boden gucken, was nukleartechnisch in der Vorhölle des Kollektivselbstmords möglich war. Schon Strauß hatte als Verteidigungsminister Mittel aus dem Giftschrank der Menschheit geordert, ungefähr zu der Zeit, als Willy Brandt den „blauen Himmel über der Ruhr“ forderte. Nun kaufte man alles billig beim Konsum und konnte sich in seinem Garten der Zierde widmen.

Mein Gewährsmann für den Kaff-Kosmos jobbte so vor sich hin. Er behauptete, den Krieg, den seine Eltern als Kinder erlebt hatten, in den Knochen zu haben. In seinem politischen Verein war Bert nie über den Bodenmarkierer, Plakataufhänger, Flugblattverteiler und Klapptischtransporteur hinausgekommen. Mit dem Willen zur richtigen Aussprache sprach er Fremdwörter besonders falsch aus. Savoir-vivre war ein Zungenbrecher. Savoir-vivre hatte man nicht zu haben. Der Fisch aus der Büchse genügte nicht nur, vielmehr gab es nichts Besseres vor dem Latrinenmenetekel „der schlechten Zeit“, die in den Kaffköpfen weiterging, mit Feuerstürmen, Brandleichengestank und Hunger als Merkmale eines städtischen Grauens, von dem man persönlich, Gott* sei Dank, verschont geblieben war.

Man besang die Haltbarkeit von Lebensmitteln in Büchsen. Die Konservenbatterien im Kellerregal verminderten eine tiefliegende Sorge.

Das halbe Hähnchen aus dem Wienerwald war ein Hochgenuss. Die größte erinnerte Delikatesse war ein Kotelett (mit Erbsen- und Möhrengemüse) in der Tagungsstätte auf dem Hohen Dörnberg.

Puristische Signatur

Mich faszinieren die Distinktionsgewissheiten kleiner Leute, die den Bogen nie überspannen und sich auf der Kirmes öffentlich übergeben, ohne Ansehensverluste zu riskieren. Von Bert löste ich mich technisch. Schließlich habe ich gelernt, zu kleben, und wer kleben kann, kann sich auch lösen.

Wer klebt, bewegt seine(n) GegnerIn*, ohne selbst bewegt zu werden. Wer nicht kleben kann …

Alle zwei Wochen fahre ich nach Kassel, um in der alten Heimat Dōjō-Luft mit Schwarzwälder Raumsprayduftnoten zu atmen. Maeves Nachfolger Cole führt die Karateschule Pechstein als Wellness-Taj-Mahal und Flowidum Mall. Er stimuliert und manipuliert die Beitragszahler:innen* nach Prinzipien und Regeln aus chinesischen Ratgeberschwarten für Unternehmer:innen*. Eine seiner ersten Maßnahmen als Chef lief auf die Vernichtung des ehrlichen Fußschweißmiefs hinaus. Er nahm der Schule den spartanischen Charakter und die puristische Signatur.

Nordkoreanische Personenkultästhetik

Heute kommen die Mitglieder* in einen gigantischen Spa voller wispernder Grotten, buddhistisch bebilderter Nischen, bizarr begrünter Brunnen, Wasserspender, Solen und Entspannungsoasen, die mit Zen-Binsen gepflastert sind. Leistungsträgerinnen leben in dem Wohlfühltempel wie in einem Internat. Überall haben sie Amina vor Augen. Unsere erste Weltmeisterin genießt den von Cole rigide verordneten, an der nordkoreanischen Ästhetik geschulten Personenkult überhaupt nicht. Amina ist bloß zu höflich, um den einnehmenden, in jeder Hinsicht überwältigenden Cole in die Parade zu fahren.

Stabile Perspektive

Aminas zweites Alleinstellungsmerkmal: sie war nie in Cole verliebt. Von jeher fand sie ihn überzogen. Anders als alle anderen, die unter seiner Ägide Titel gewannen, hat sie keine Dankbarkeit für Cole übrig. Die Verehrungs- und Bewunderungslust mancher Schwestern für „den ersten feministischen Vollkontaktkaratemeister“ (so stand es einst in den Kasseler Neusten Nachrichten) war Amina stets ein Dorn im Auge. Zu gut wusste sie, wie raffiniert und vorausschauend Cole in den Gewässern einer neuen Zeit navigierte. Die vielen Siegerinnen aus seiner Schule bescherten ihm kolossalen Zulauf. Sie halten ihn reich und geben ihm eine stabile Perspektive.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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