Originalnierentischinterieur

#TexasText/Jamal Tuschick Das Epochenereignis der elisabethanischen Renaissance war die Zerschlagung der Armada. Sie beendete die spanische Vormachtstellung auf den Weltmeeren.

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“Not accepting even one inch less than 100 percent of your honest feelings.” Bruce Lee

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“Running water never grows stale. So you just have to keep on flowing.” Bruce Lee

Sozialdemokratischer „Heidenhaushalt“

Das 19. Jahrhundert kannte eine urbane Randerscheinung, die in der Literatur zur geisterhaften Existenz wurde. Das war der Nerd aus der Gosse, das prekäre Kind mit dem absoluten Gehör oder einer noch poetischeren Gabe. Es lungerte auf den Freitreppen der Opern- und Theaterhäuser herum und verschaffte sich illegal Zutritt zu sensationellen Aufführungen. Es komponierte und dichtete in der Kloake, atmete berauschende Dämpfe ein und erlag rechtzeitig der Schwindsucht. Wen die Götter lieben.

Keno Teichmann wähnte sich in der Rolle eines Lieblings von Göttinnen. Er hielt es für ausgeschlossen, auch nur achtzehn zu werden. Keno lebte im permanenten Jetzt und wurde so erstaunlich unangestrengt steinalt.

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Das Epochenereignis der elisabethanischen Renaissance war die Zerschlagung der Armada. Sie beendete die spanische Vormachtstellung auf den Weltmeeren. Die maritime Suprematie ging über auf das Vereinigte Königreich. Britannia, rule the waves! Kein anderer Vorgang wirkte so stark auf die Zeit, in der Shakespeare wirkte. Trotzdem ist an keiner Werkstelle direkt davon die Rede. Es sind Spiegelungen der Großwetterlagen eines Jahrhunderts, „die das Material eines Schriftstellers bilden“. (Heiner Müller) Auch „Viel Lärm um nichts“ schert Sieg und Niederlage über den Epochenkamm. Der dramatische Horizont glüht in der Hitze einer geschlagenen Schlacht. Im Schlepp heimkehrender Sieger beugt sich ein gefangener Renegat. Don John (Juan) ist der Stiefbruder des triumphierenden Don Pedro. Seine Inferiorität steht ihm auf der Stirn geschrieben, sie stand schon in den Sternen vor seiner Geburt. Ihm fehlen ein paar Zentimeter zur standesgemäßen Größe. Später, wenn die Macht zu ihrem Bestand Verbrüderung verlangt, heißt es: „Wir finden schon eine Frau in deiner Größe“.

Das ging Hiromi Mühlbach im Café Cipolla durch den Sinn, während sie die merkwürdigste Konstellation im Raum auf sich wirken ließ. In dem Originalnierentischinterieur, das dem Schauplatz sein Alleinstellungsmerkmal gab, gastierte Margarete Leise im Beisein eines nachrangigen Verehrers ihrer Tochter Iris. Keno Teichmann verausgabte sich in der hochgestellten Gesellschaft, indem er vom Expressionismus über Elvis Presley bis zum Dinosaurier im japanischen Kino alles Mögliche in eine Klammer zog. Die Ikonografie des 20. Jahrhunderts. Pophistorische Hintergründe. Vietnamkriegsfolklore.

„Viel Lärm um nichts“, dachte Hiromi gnadenlos, aber nicht angewidert. Sie kannte Keno aus der Karateschule Pechstein. Er war der „Dichter“ (O-Ton Lien Beauregard-Lighthouse) in Iris‘ Basket of deplorables (in Vorwegnahme eines Wortes von Hillary Clinton, die in dieser Romanzeit noch lange keine internationale Ausstrahlung besitzt).

Margarete Leise verkörperte die katastrophische Würde und das unklare Amt ihres Mannes Heinrich, dem Ben Witsch der hessischen SPD, mit der Grandezza einer Ministergattin. Hessen war ein sozialdemokratischer Erbhof, die bürgerlichen, nicht über die Gewerkschaft aufgestiegenen Spitzenkräfte der Partei verhielten sich wie Schranzen. Sie tradierten die Beamt:innen*überheblichkeit der kurfürstlichen und landgräflichen Bediensteten, die ja von Gott persönlich auf ihre Plätze als Gärtner und Bergbauinspekteure gestellt worden waren.

Bis die Preußen 1866 kamen, war Kassel Residenzstadt gewesen. In den sechs Jahrhunderten gräflicher Herrschaft hatte alle Freiheit beim Fürsten allein gelegen. In Kassel war die bürgerliche Emanzipation aufgehalten worden. Immerhin hatte es den hugenottischen Einfluss gegeben. Manche Meister der Macht gaben sich auch in den 1970er Jahren noch so, als sei Hessen-Kassel eine feudale Angelegenheit. Heinrich war so ein Meister.

“A man who has attained mastery of an art reveals it in his every action.” Yamaguchi Gōgen

Heinrich hatte für alles seine Leute. Ansagen, die den Nachwuchs betrafen, machte seine Frau. Margarete nahm Keno freundlich auseinander, um herauszufinden, mit wem ihre Tochter Zeit verschwendete. Das war eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten von Adoleszenten. Iris distanzierte ihre Mutter, ohne laut zu werden.

„Mama, das geht dich nichts an.“

„In diesem Haus gibt es nichts, was mich nichts angeht.“

Dialoge wie auf einer Bühne.

Margarete war eine Karlshafener Dupont. Ihre hugenottischen Vorfahren waren in Kassel zu den Zeiten des einzigen katholischen Landgrafen Hessens katholisch geworden. Die Nachkommen protestantischer Religionsflüchtlinge hatten freiwillig die Religion ihrer Verfolger:innen* angenommen. Margarete war in ihrer Familie konfessionell isoliert. Glaubensfragen wurden da diskutiert. Das kannte Keno nicht. Er stammte aus einem sozialdemokratischen „Heidenhaushalt“.

Iris bekannte sich vehement zum Christentum ihres evangelischen Vaters. Sie erklärte sich im Geist der kämpfenden Kirche Lateinamerikas. Der Reigen vollzog sich zwischen Weltrevolution, gesunder Ernährung, Che-Guevara-Verehrung, esoterischen Freiübungen und Hava Nagila.

Iris wünschte sich von ihren Liebhabern eine Radikalität, die sich mit ihrem gesellschaftlichen Ehrgeiz nicht gut kombinieren ließ.

„Willst du nicht mein Baader sein, lad ich mir nen anderen ein.“

Keno vertrat in dem kostbaren Ensemble der jungsozialistischen Elevinnen den angeblich waschechten Proletarier. Er hätte diese Rolle nicht gekriegt, wäre er einer gewesen. Wie man damals Türk:innen* in Fernsehkrimis, sofern sie überhaupt vorkamen, mit Jugoslaw:innen* besetzte, so spielte der Sohn kleinbürgerlich-beflissener Leute den herb aufgewachsenen Arbeiter:innenspross.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
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