Revolutionsfeuilleton

#TexasText/Jamal Tuschick Konrad Engelbert Oelsner/Sigmund Freud - Das „Feldherrentalent“ eines Granden der Französischen Revolution charakterisiert Oelsner so: Jener besitze „die Art von Scharlatanerie, welche den Soldaten führt, wohin sie will“.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Sehen Sie ferner https://jamaltuschick.de/index.php?article_id=4361

La Fayette soll dem König die Flucht aus Paris (nach Varennes-en-Argonne) erlaubt haben. Oelsner kolportiert im Stil einer Schnurre Folgendes: Ein Aristokrat verkleidet sich in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1791 als Sansculotte, nimmt eine Pike zur Hand und mischt sich unter die Menge, die zum Palais des Tuileries drängt. Er lässt sich in das Zimmer des geflohenen Königs schieben. Da weist ihm eine Kanaille des Hofs die Stelle, wo eine Geheimtür zu den Gemächern des Bischofs von Clermont, ich tippe auf François de Bonal, und des Abbé de l‘Enfant führt. Der adlige Abenteurer verstellt den Zugang und schützt so Standesgenossen, ohne Aufsehen zu erregen. Das weiß heute kein Mensch mehr.

*

„Welches Bild bietet Frankreich in den Wintermonaten des Jahres 1787. Sogar im Oeil de Boeuf* herrscht Schwermut und ein Gefühl der Unsicherheit, und die armen Unterdrückten dort meinen alle, man könnte selbst in der Türkei schöner leben.“ Thomas Carlyle, „Die Französische Revolution“

*Oeil-de-bœuf bezeichnete einen Salon in Versailles

Mimischer Einwand

„Der Gouverneur hat nur um der Etikette willen auf sich schießen lassen und die Festung (gleich) übergeben.“ Konrad Engelbert Oelsner in einem Brief vom 28. August 1792. Der aufgeklärte Chronist berichtet von der kurzen „Berennung“ der Zitadelle von Longwy. Das von Sebastien Le Prestre de Vauban (1633 - 1707) erdachte Fort gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Oelsner wirft dem Festungskommandanten „Feigheit und Verrat“ vor. Er bemerkt den ungenutzten „guten Verteidigungszustand“, und zählt auf, womit man sich den Feind vom Leibe hätte halten können, zum Beispiel mit 12000 Granaten und 168746 Kartuschen.

Das „Feldherrentalent“ eines Granden der Französischen Revolution charakterisiert Oelsner so: Jener besitze „die Art von Scharlatanerie, welche den Soldaten führt, wohin sie will“. Das sagt der Autor über den Marquis de La Fayette (1757 - 1834), der im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf der Seite der Rebell:innen kämpfte und dem die Nachwelt ein freundliches Andenken bewahrt. Sein Zeitgenosse Oelsner lässt zwischen Verrat und Unfähigkeit nichts Gemeines aus, um La Fayette in Szene zu setzen. Jeden Tag „entdeckt er eine neue Sünde“ des Militärs.

La Fayette soll dem König die Flucht aus Paris (nach Varennes-en-Argonne) erlaubt haben. Oelsner kolportiert im Stil einer Schnurre Folgendes: Ein Aristokrat verkleidet sich in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1791 als Sansculotte, nimmt eine Pike zur Hand und mischt sich unter die Menge, die zum Palais des Tuileries drängt. Er lässt sich in das Zimmer des geflohenen Königs schieben. Da weist ihm eine Kanaille des Hofs die Stelle, wo eine Geheimtür zu den Gemächern des Bischofs von Clermont, ich tippe auf François de Bonal, und des Abbé de l‘Enfant führt. Der adlige Abenteurer verstellt den Zugang und schützt so Standesgenossen, ohne Aufsehen zu erregen. Das weiß heute kein Mensch mehr.

Eben fand ich einen Hinweis auf den Abbé. „In der Gestalt des Abbé l’Enfant rührt (die Orthodoxie) … wieder einmal von der Kanzel herab vernehmlich ihre Trommel.“ Thomas Carlyle, „Die Französische Revolution“

Mimischer Einwand

Oelsner fürchtete, dass die Freiheit auf der Strecke bleiben würde, gäbe man sie „den Hefen des Volkes“ preis. Das wollte ich gar nicht erzählen. Ich befasse mich noch mit Sigmund Freuds fleißig gesammelten und in Spielarten anekdotischer Evidenz illustrierten „Beispielen von Versprechen“. Freud entdeckte den „störenden Einfluss von etwas außerhalb der intendierten Rede“, so wie ein unbewusst gebliebener Gedanke, der sich vorgeblich zusammenhanglos einmischt.

Er erzählt von seiner Tochter. Noch ist Anna ein kleines Mädchen, und niemand weiß, dass sie ihre eigene Gravitation im epochalen Maßstab haben wird - ein Königreich des avancierten Selbst. Anna „schneidet ein garstiges Gesicht“ beim Biss in einen Apfel. Der Vater will den mimischen Einwand mit einem Reim quittieren:

„Der Affe gar possierlich ist, zumal wenn er vom Apfel frisst.“ (Warum nicht ist/isst?)

Freud kommt über Apfe nicht hinaus. Er doziert über den Wortbruch: „Dies scheint eine Kontamination von Affe und Apfel (Kompromissbildung) oder kann auch als Antizipation des vorbereiteten Apfel aufgefasst werden.“

Eine Wienerin möchte die Kritik an ihrer Familie mit einem Kompliment kaschieren. Doch offenbart sich die Abwehr im Versprechen. Freuds Patientin sagt, was sie meint, aber nicht zugeben will: „Man muss ihnen das eine lassen: sie haben alle Geiz“ (statt Geist).

Schön finde ich ferner den gescheiterten Versuch, der absichtlichen Zurückhaltung einer - nach den Begriffen der Zeit - Schlüpfrigkeit. Eine Touristin in den Dolomiten stellt im Rapport die Genüsse über die Entbehrung, dabei ihre Erfahrungen verleugnend. Die Urlaubsmärsche strapazieren sie. Angenehm wird es erst, wenn sie die „durchgeschwitzten“ Sachen ablegen kann. Ihren Darstellungsabsichten entsprechend, zählt sie Hemd und Bluse auf. Zurück hält sie Hose. Doch rutscht die Hose im nächsten Satz heraus: „Wenn man dann aber noch Hose kommt.“

Freud unterstellt der Sprecherin, dass sie Hose als „Verunstaltung“ von nach Hause erlebt.

Erfreulich indiskret

Die phonetische Nähe von Geist und Geiz, Hose und Haus lockt mich auf eine Rennbahn des Assoziativen. Freud kommt mir wie ein erfreulich indiskreter, vor allem jedoch phantasievoller Erzähler vor.

„Die gute Beziehung zwischen dem Namen Klapperschlange und Kleopatra erzeugt bei (einer Patientin) eine momentane Einschränkung des Urteils.“

Ausgangspunkt der prunkenden Deutung ist ein Traum, in dem ein Kind beschließt, „sein Leben durch einen Klapperschlangenbiss enden (zu lassen)“. Die Patientin rahmt ihre Schilderung mit Theaterbegriffen. Daraus schließt Freud, dass der Satz „Das Kind hat beschlossen, sein Leben durch einen Schlangenbiss enden“ in Wahrheit bedeutet: „Die Patientin hat sich als Kind vorgenommen, eine berühmte Schauspielerin zu werden.“

Das ist doch toll.

Die Patientin erwähnt ein zu ihrer Zeit bereits abgegriffenes und überholtes Trauerspiel von Adolf von Wilbrandt - Arria und Messalina. In der Deutung des Analytikers covert Messalina eine von der Patientin befürchtete Mesalliance ihres Bruders.

Ich extemporiere vor einer kontinental-viktorianischen Kulisse. Freud universalisiert seine Wiener Beobachtungen; so als böte nicht allein schon die Mundart Übertragungshemmnisse.

Zitiert aus Zur Psychopathologie des Alltagslebens.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden
%sparen