Späte Schmidtjahre

#TexasText/Jamal Tuschick Nicht die Werke der Schwestern Brontë oder eine Schwärmerei für Jane Austen hatten Nanami eine romaneske Existenz nahegelegt. Vielmehr gab Henry James ihren Sehnsüchten passende Betonungen.

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Maximale Kompetenz

Nicht die Werke der Schwestern Brontë oder eine Schwärmerei für Jane Austen hatten Nanami eine romaneske Existenz nahegelegt. Vielmehr gab Henry James ihren Sehnsüchten passende Betonungen. Nanami wollte Philologin werden und dem Andenken wenig populärer Schriftstellerinnen* dienen.

Einen Vater hatte sie nie gehabt und entbehrt. Als Tochter der an die Gesamthochschule berufenen Chicagoer Stadtplanerin Electra Mulligan war Nanami in den späten Schmidtjahren nach Kassel gekommen und im Zuge der ersten Vernetzungsmanöver in Maeve von Pechsteins Wilhelmshöher Karateschule akkreditiert worden. Ihre Mutter, organisiert in Rete al Femminile (è l’associazione internazionale), hatte bereits in der Vorbereitungsphase ihrer Umsiedlung die Kasseler Persönlichkeit mit der maximalen Frauenselbstverteidigungskompetenz auf Herz und Nieren prüfen lassen. Schließlich ging es um einen wesentlichen Sozialisationsbaustein. Freiwillig überließ Electra nichts dem Zufall. Tauchte sie auf, sah man vor allem Zähne. Sie erinnerte Maeve an den weißen Hai. Electra verliebte sich in Katja, einem in Kassel gestrandeten Berliner Urgestein. Die beiden taten sich zusammen, während Nanami unter Maeves Fittichen Zuflucht suchte. Ihr Leben war Karate und Literatur. Sie fand, das war ein gutes Leben.

Ein bisschen was zur politischen Folklore jener Ära

Kein Mensch redete mehr von einem Wandel durch Annäherung. Die UdSSR wurde von einem Schauspieler im Weißen Haus, der sich von George Lucas‘ Krieg der Sterne inspirieren ließ, plattgerüstet.

Reagan bezeichnete das implodierende Imperium als Reich des Bösen. Er dämonisierte den Gegner. Ich greife vor. Dann fiel die Mauer und Katja kehrte (wie an unsichtbaren Fäden gezogen) zurück in die abgewirtschaftete Mitte Berlins. Alles leiert, schrieb sie. So ein Leben könnte einem zusätzlich geschenkt werden, man müsste es kurzerhand zu anderem Leergut packen. Berlin ist …

Lothar Trolle sagt: „Man hat Adressaten. Wenn man die eines Tages nicht mehr spürt, wird es … (Leerstelle wegen Sensitiv writing) und man muss es lassen“.

Frau/man wird steril.

Katja vergewisserte sich eines biografischen Standardtextes unserer Generation. Die Nähe zum bewaffneten Kampf bis zur Verblendung entschlossener Genoss:innen* gehörte dazu. So wie der individuelle Abstand zur Gewalt und die Gitarren unter dem Mond von Alabama. Electra enttäuschte Katjas reduziertes Weltbild.

Von Haus aus weltläufig - Mehr zu Nanami

Nanami biss sich gewohnheitsmäßig in die Unterlippe. Sie jobbte im Heimwerkerparadies und guckte Filme im Love-Story-Stil. Sie bewältigte große Strecken auf ihrem Skateboard. Sie wusste von der Zweifelhaftigkeit der Zweisprachigkeit zu Zeiten Friedrich Schleiermachers (1768 - 1834).

Im Jahr ihres Abiturs, als Amerika in den Fokus ihrer Freundinnen rückte, erkor Nanami den Landkreis Kassel zu ihrer Domäne. Nichts erschien widersinniger als die Selbstbeschränkung einer von Haus aus Weltläufigen. Nanami eiste Maeves Großneffen Cole aus seiner Position als grandioser Beobachter des Dōjō-Betriebs seiner Großtante. Sie spann ihn ein. Sie isolierte ihn und machte ihn empfänglich für ihre Ideen. Die vorstädtisch auf Buntsandstein, Keuper- und Muschelkalkrücken gesetzten Dörfer sind älter als der historische Kern Kassels an der Schlagd.

Nanami und Cole bezogen ein Jagdhaus der Försterei Fahrenbach. Sie hatten beide noch nie malerischer gewohnt. Im Garten stand der schiere Knorz in surrealen Verschlingungen.

Die Eingesessenen nannten die Gegend das Alte Land.

Aus Nanamis Aufzeichnungen

Ich verbrachte meine Freizeit in der Söhre, dem Königsforst, der seit Karl dem Großen Erwähnung findet und die längste Zeit als feudaler Wirtschaftsraum genutzt wurde. Die Landgrafen und Kurfürsten jagten da. Ein reiches Revier galt ihnen mehr als die Belange der Bauern, die Wildschweine von ihren Äckern nur harmlos vertreiben durften, was schließlich auch den Verheerenden klar war.

Auch die Wuchsschäden kratzten keinen Fürsten, obwohl er vom Holz nicht zuletzt lebte. Auf der hundert Meter langen Bahn einer Sturmschneise sah ich zum ersten Mal einen Hirsch in seiner natürlichen Umgebung. Ich stand gegen den Wind.

Unsere nächsten Nachbarn waren vietnamesische Flüchtlinge, Boatpeople. Xuan arbeitete in Lohfelden als Koch in dem Restaurant eines Verwandten, den er Onkel nannte. Er lief jeden Tag quer durch den Wald, er war ein leidenschaftlicher Fußgänger. Seine fluffige Art verriet mir, dass er in einer Kampfkunst zu Hause war.

Ich hatte schon mit einigen Vietnames:innen* trainiert und sie als athletische Pragmatiker:innen* ohne den Biss der Besessenen kennengelernt. Ich sprach Xuan auf Bruce Lee an.

Bald mehr.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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