„Sport ist für mich wie Zähneputzen.“ Vitali Klitschko

#TexasText/Jamal Tuschick „In der heutigen Realität ist es so: Wenn du am Leben bist, gesund und nicht verletzt, dann muss es dir gut gehen.“ Vitali Klitschko

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„In der heutigen Realität ist es so: Wenn du am Leben bist, gesund und nicht verletzt, dann muss es dir gut gehen.“ Vitali Klitschko, Quelle

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“I was surprised to learn … that this (ascetic training) greatly influenced my karate. I found I was able to move without thinking in a natural and mysterious way while I practiced. Moreover, I attained a perception and could quickly see things before they occurred. I could anticipate what was going to happen.” The Life Story of Karate Master Gōgen Yamaguchi by Graham Noble, Quelle

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”Energy does not lie and touching hands is the only way to find out … (if) somebody can control you … makes you feel like you are standing on ice.” Sifu Sergio, #1700sinternalwingchun

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„I’d rather have the prayers of a good woman in a fight than half a dozen hot guns: she’s talking to Headquarters.“ Frank Boardman Eaton aka Pistol Pete

Diese Essenz passt zu jener:

“Do not use muscular force, use your mind.” Sifu Nima King“

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„Die Phantasie (der Künstlerin) ist keine creatio ex nihilo.“ Sie schöpft aus der „empirischen Realität“ auch da, wo „Dilettanten und Feinsinnige“ die Brücke zwischen Kunst und Wirklichkeit nicht sehen können. Adorno

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Die Japanisierung des Karate im Gegenlicht der Okinawa-Dreschflegelkultur

„In Japan wird ... in Wortkombinationen oft ... das Zeichen der … Tang-Dynastie (618 bis 907) mit der japanischen Lesung „Kara“ als Bezeichnung für Chinesisches (verwandt).“ Quelle

In den auf Okinawa geläufigen Bezeichnungen dessen, was schließlich als Kara-te kodifiziert wurde, überlebte der chinesische Ursprung. Siehe To-de - China Hand. Auch Kara bezeichnet China (Quelle). Im XX. Jahrhundert legte man aus politischen Gründen Wert darauf, die Parallelbedeutung leer zu exponieren. Ohnehin hatte es Karate schwer auf der Hauptinsel Anerkennung und Anschluss an den Budo-Betrieb (im Geist eines entfeudalisierten Bushido) zu finden. Pioniere wie Funakoshi Gichin und Miyagi Chōjun stießen sich am hermetischen Charakter der japanisch-postaristokratischen MMA.

Antizipation

Graham Noble erzählt in The Life Story of Karate Master Gōgen Yamaguchi (Quelle) wie unbekümmert Streets-smart (通りスマート) sein Titelheld als Studierender unterwegs war. Gōgen Yamaguchi und seine Adepten 叩く sich munter (im Geist des politischen Lagerdenkens) mit ihren Opponenten. Im Straßenkampf evaluierten sie ihre Skills. Das Training schnitt Yamaguchi auf raue Bedürfnisse zu. Yamaguchi lehrte, was hinhaute und ihm in den Kram passte. Doch dann trat er, legitimiert von Miyagi Chōjun, das Gōjū-Ryū-Erbe an. Als Line-Holder vollzog er eine Metamorphose. Yamaguchi begab sich in den sakralen Raum des Karate. Er absolvierte die Zazen-Sitzhölle auf dem vulkanischen Gipfel des Kurumayama in der Präfektur Nagano. Er initiierte und illuminierte sich auf dem Weg der Götter; so lautet die korrekte Übersetzung von Shintō. Mit Askese formte er sich bis zum Verschmelzungspunkt mit seiner Kunst.

“I was surprised to learn … that this (ascetic training) greatly influenced my karate … I could anticipate what was going to happen.“ Quelle

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Das wollte ich auch können. Ich stellte mir die Antizipationsvortrefflichkeit als eine Art Radar vor, während ich in Waldau Läden abklapperte. Gern besuchte ich Tante Almut. Sie verkaufte immer lustig Käse- und Speckkuchen im Korridor zur Backstube Schlipp. Ich zählte seit meinem dritten Lebensjahr zur Kundschaft. Zum Bäcker gehen, war eine Leidenschaft. Mir gefiel die Strecke, sie war mit dem schönsten Umweg meiner Kindheit verbunden. Ich bummelte und trödelte und träumte mit offenen Augen. Außerdem war ich ein passionierter Gleisbettgänger, mit einem früh entwickelten Sinn für die Schönheit stillliegender oder zumindest schwach frequentierter Schienenstränge. Einst hatte das Dorf einen Bahnhof gehabt. Davon übriggeblieben war ein überwucherter Steig über Schienen. Sie führten schnurrgerade sonst wohin. In weichen Kurven bogen von der Hauptstrecke Gütertransportwege ab. Sie dienten nur noch selten genutzten Verbindungen zwischen unseren Großbetrieben im Industriegebiet und dem Hauptbahnhof. Eine Strecke hatte ihr eigenes Tal. Die Wände eines künstlichen Canyons engten das Tal ein. Auf den Kämmen wuchsen Brombeersträucher von der Bevölkerung weitgehend unbeachtet in dornigen Verschlingungen grimmig zusammen. Nie sah ich da jemanden das Fest einer Beerenlese begehen. Die Fronten des Reiterhofs, meines Kindergartens und eines bäurischen Anwesens begrenzten die innerdörfliche Perspektive. Entlang der Rückseiten floss der Michelbach. Ab und zu patrouillierte der alte Schreiber mit seinem Schäferhund auf dem Pfad zwischen Bach und Feldern. Schreiber sah aus wie Wolfgang Thierse. Er war bei der Stadt im öffentlichen Dienst kein kleines Licht. Er wohnte mit seiner Frau und einem Sohn im Elternhaus. Erfüllt von einem nachstellenden Misstrauen, war Schreiber die Unfreundlichkeit in Person. Sozialdemokrat war er vielleicht nur wegen des richtigen Parteibuchs. Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls habe ich ihn nie etwas Sozialdemokratisches sagen hören, so wenig wie andere regelmäßige Teilnehmer:innen* an den Ortsvereinssitzungen. Wir müssen darüber noch reden.

Schreiber war ein Freund von Onkel Klaus, dem Mann von Tante Almut. Schreiber und Onkel Klaus bauten viel im/am Haus, mal in/an dem einen, mal in/an dem anderen. Selbst die Zwinger auf ihren Grundstücken waren Kleinode mit Schmiedekitsch und Drechselwerk.

Ich weiß nicht, warum Schreiber in meiner Erinnerung nicht erloschen ist. Er war nicht wichtig in meinem Leben. Ich bewahre der Widersprüchlichkeit seiner Persönlichkeit kein besonderes Andenken; ich erlebte extreme Typen; die Provinz ist ein Eldorado des Eigensinns. Seelisch Obdachlose vor Fernsehern in großen Häusern … der Vater eines Freundes war im Polizeidienst angeschossen worden und wartete im Rollstuhl die Jahre ab, die der Täter anders absitzen musste. Als der Schütze wieder freikam, erschoss der Vater erst ihn, bevor er sich selbst erschoss. Beides mit Ansage. Jahrelang täglich.

„Ich warte nur noch, bis das Schwein wieder draußen ist.“

In der Zwischenzeit hatte ihn die Mutter meines Freundes verlassen und einen Kollegen ihres Ex-Mannes geheiratet.

Der Irrsinn grassierte. Wahnsinn muss man sich leisten können. Die meisten Leute im Dorf waren nicht bloß mit dem Überleben beschäftigt. Sie hatten Spielräume, die sie monoman mit aberwitzigen Haustieren, Versandhausreizwäsche und den Konsultationen von Wahrsager:innen* ausfüllten.

Zum Beispiel Klaus. Er verachtete Buchwissen. Wohl wissend, dass ich mich zu Büchern hingezogen fühlte, predigte er meinen tauben Ohren die Freuden des tätigen Lebens. Er war so strunz stolz auf seine Heimwerkerleistungen. Er liebte es, überlange Kabel hinter sich herziehend, mit einer Schlagbohrmaschine auf seinem Grundstück spazieren zu gehen. Er wallfahrte und lustwandelte im Eigentum.

Wir, das heißt meine Familie, waren arme Schlucker. Mein Vater hielt sich mit etwas so Sinnlosem wie SPD-Parteiarbeit auf. Das war Zeitverschwendung. In der Zeit konnte man einen Zaun geradeziehen, oder was für die Frau bauen, solange man sie noch hatte.

Die Frau konnte einem eh leichter zu viel werden als das Haus und noch eine Garage, die zunächst nur als Stauraum und für eine günstig erstandene Tiefkühltruhe neben die natürlich zum Haus gehörende Doppelgarage demnächst gebaut werden wollte.

Wir hatten keine Garage. Noch lebten wir in der Siedlung. Mein Vater hatte viel zu lange zum Stamm der Fahrradfahrer:innen* und Busnutzer:innen* gehört. Ein Befremden nahm allmählich dem vertrauten Anblick von Vätern an Haltestellen oder auf Fahrrädern die Selbstverständlichkeit. Mit solchen Vätern war nicht alles in Ordnung.

Fiktive Unreife

Es gab keinen „normalen“ Mann im richtigen Alter, der nicht Vater gewesen wäre. Kinder gehörten dazu. Man war nicht komplett ohne Familie. Die Anstrengung, als Kinderloser Achtung zu ernten, hätte jeden fertiggemacht.

Das machte es allen leicht. Auch Almut und Klaus waren normal mit ihren zwei Plagen, die, und genau da trennte sich die Spreu von Weizen, beim Vater blieben als die Ehe platzte. Nach der Scheidung von Onkel Klaus nahm Tante Almut ihren Mädchennamen wieder an. Sie nannte ihre Befreiung eine Niederlage, um bei der Verwandtschaft und im Bekanntenkreis nicht zu unabhängig rüberzukommen. Dann tat sie auch noch so, als sei sie in der Niederlage bis zur Verblödung verjüngt worden. Tante Almut gefiel sich in einem Zustand fiktiver Unreife.

Tante Almut wohnte jetzt bei ihrem Bekannten in Bergshausen und pendelte ins Dorf. Sie nahm den Bus, sie zahlte den Preis. Sie blieb sich treu und verkaufte so sonnig wie eh und je Plundergebäck und Bienenstich. Den Speckkuchen gab es nur mittwochs.

Ich vergaß mich in den Backstubengerüchen. Die Mischung aus Pflaumenmus und Nougat schmeckte meiner Nase am besten.

Ich trug das Brot davon und nagte am Knust, so dass es hoffentlich nicht auffiel. Frisches Brot war für mich eine Delikatesse. Nur war frisches Brot nach einem verbreiteten Aberglauben ungesund. Deshalb gab es selten frisches Brot.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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