Teichmanns Aufzeichnungen

#TexasText/Jamal Tuschick „Die einen haben Angst vor dem Ende des Monats, die anderen vor dem Ende der Welt.“ Volksmund

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„Eine einzige angenehme Empfindung (kann) hinlänglich sein … allen vergangenen … Kummer vergessen zu machen“. Christoph Martin Wieland

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Therefore, use movements that have become natural to you, not necessarily movements that would be considered natural.” Gesehen auf Instagram, Quelle shuridojo

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“The secret principle of martial arts is not vanquishing the attacker but resolving to avoid an encounter before its occurrence. To become an object of an attack is an indication that there was an opening in one's guard, and the important thing is to be on guard at all times.” Gichin Funakoshi

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“Musubi dachi. I had never heard of that. We would just say, stand with your heels together.” Yagi Akihito

Heiß auf Schweiß

Im August-Bebel-Senior:innen*stift verbringen ehemalige Minister:innen*, höchste Staatsbeamt:innen* im fortgeschrittenen Ruhestand und sonst wie in den Farben der Sozialdemokratie nobilitierte Pensionär:innen* ihre irdische Endspanne in der Regie von Marcia Wieland. Die geborene Pechstein bekleidet den Posten einer Heimleiterin nicht nur. Sie wirkt auch als Rätin im Orden der ritterlichen Schwestern zu Kassel. Gremien und Präsidien sind ihre Domänen.

Marcia steht einer Familie vor, in der Madeleine alle Register einer höheren Tochter zieht. Bis gestern waren ihr die Schwärmereien der Freundinnen für „Angehörige des männlichen Geschlechts“, so gespreizt spricht sie mitunter, zu blöd, um sich offiziell zu beteiligen.

Doch nicht erst im Jetzt des Augenblicks steckt sie bis über beide Ohren in der allersüßesten Liebesmarmelade. Auf der anderen Seite des Geschehens gastiert Keno Teichmann, Madeleine seit Jahren vertraut als Katapartner in der Karateschule Pechstein.

Fast täglich performen Madeleine und Keno gemeinsam Shisochin Kata. Seit Monaten feilen sie an Synchronität und Präzision. Sie diskutieren die Authentizität ihrer Interpretationen der Traversen. Sie konsultieren Enzyklopädien und Bunkai-Koryphäen. Sie sind in aufwändige Karate-Korrespondenzen verstrickt. Überall auf der Welt ergründen Research-Kapazitäten historische und biomechanische Ausgangspunkte stilisierter Selbstverteidigungstechniken.

Nennt es eine Obsession oder sagt von mir aus Monomanie. Steckt nicht so oder so notwendigerweise Anziehungskraft in der Kollaboration? Zielt das Zusammenspiel wirklich nur darauf, das ursprünglichste Bild einer in Generationen nachgedunkelten Abstraktion (in einer Praxis der Hingabe) extrahieren,

Madeleine und Keno schwitzen einvernehmlich. Sie können sich riechen.

Gespenstisches Greisengemurmel

Keno besucht Madeleine im August Bebel, wo sie ihr Taschengeld aufbessert. Im Sog ihrer Vertrautheit und auf der Flucht vor dem gespenstischen Greisengemurmel separieren sich die beiden.

In der „Einfalt der Natur … von Mangel und Überfluss gleich weit entfernt“ (Christoph Martin Wieland) entfaltet sich das Menschengeschlecht nach seiner Art. Unter den gegebenen Umständen genösse es kein Pausenbrot. Es kann sich aber ganz und gar gehen lassen im Rausch der Sinne. So kommt es, dass Keno am nächsten Tag in seinem Tagebuch, das einmal unter dem Titel Teichmanns Aufzeichnungen legendär werden wird, der Nachwelt seine Verlobung mit Madeleine bekanntgibt.

Darunter macht er es nicht. In seiner Vorstellung bleiben Madeleine und er ewig in ihrer adoleszenten Vorzüglichkeit. Keno könnte sich sein Leben lang an Wieland halten. Bis zum Schluss wird „eine einzige angenehme Empfindung hinlänglich sein … allen vergangenen … Kummer vergessen zu machen“.

Solche Höhen der Ausgeglichenheit erreicht Madeleine nicht. In der Handlungsgegenwart legt ihr manche Lektüre und ein natürlicher Erfahrungsmangel zu glauben nah, sie herze einen Seelenverwandten, wenn sie Keno küsst.

Trotzdem bleibt es dabei: sie ist die Prinzessin, er der Frosch.

Seit Tagen versuche ich, die Kurve Richtung Karate zu kriegen. Ich rechtfertige meine Saumseligkeit, indem ich erkläre, dass viele Held:innen* dieser Geschichte eine sozialdemokratische Prägung haben; dass Literatur in Maeve von Pechsteins charismatischem Kreis eine große Rolle spielt; dass die Karateschule Pechstein den gesellschaftlichen Mittelpunkt der Wilhelmshöher Elevinnen bildet. Madeleine gehört Als Maeves Nichte zweiten Grades gehört Madeleine zum Stamm der Pechsteins: einem Kasseler Kosmos. Auf dieser Folie der Betrachtung sollte es niemand trivial finden, dass ausgerechnet der sozial fadenscheinige Keno als Madeleines erster Freund ins Spiel kommt.

Wie kann das sein? Was geht da ab? Schließlich gibt es genug höhere Söhne in Madeleines Reichweite.

Schneidende Handkanten

Feder und Schwert - Japanische Ritter begnügten sich nicht mit einer Kriegskunst. Das kam mir eben: dass die Verbindung von Literatur und Karate nicht dualistisch, sondern monolithisch sein könnte.

Guten Tag, ich bin Graf Nikolaus von Schauenburg. Zu euch spricht Maeves ältester, treuester, reichster und klügster Privatschüler. Ich habe mein eigenes Dōjō, das, im verkleinerten Maßstab, dem Chiba Shūsaku Narimasa Dôjô nachempfunden ist. Für mich geht nichts über Karate, Schwertkampf und Geschichte.

Es gibt Techniken im Spektrum schneidender Handkanten, die (obzwar mit leeren Händen) so geübt werden, dass ahnungslose Beobachter:innen* darin Messertechniken (geführt mit einem Krummdolch, Stichwort Handschar) zu erkennen glauben. Tatsächlich nutzt man die Kanten wie Klingen vermutlich seit dem Senneolithikum.

Abhärtungskatechismus

Madeleine und Keno härten ihre Handkanten. Sie schleifen Schärfe in die Schmalseiten. Sie leiern einen Abhärtungskatechismus herunter. Ihr Programm basiert auf basalen Einsichten vom dynamischen Wesen des Zweikampfes.

Stichworte: No-Inch-Power, Gleichzeitigkeit.

Simple Bewegungen, die an querfallende Mikado-Stäbe erinnern, vereiteln die Kraftentfaltung des/der anderen. Man sperrt mit einem Arm (frau/man nimmt der Gegnerin*/dem Gegner* die Bewegungsfreiheit) und absolviert den Abschluss mit einer Handkante nach dem Prinzip 1つの動き2つのアクション - one motion, two actions.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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