Verflucht, verbannt und geächtet

#TexasText/Jamal Tuschick Nanami Mulligan - Verflucht, verbannt und geächtet

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„Früher haben Karate Meister nichts anderes als Karate gemacht ... Jetzt muss ein Mann arbeiten, Geld für seinen Lebensunterhalt verdienen, fernsehen, eine Familie haben. Natürlich kann er nicht die gleichen Höhen erreichen ... “ Tetsuji Murakami

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„Diesseits bin ich gar nicht zu fassen.“ Paul Klee

Der Künstler wähnte sich „dem Herzen der Schöpfung näher“ als die meisten.

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“There’s only one thing that counts. It’s who lives to write the verdict on the others.” Gore Vidal

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„Meine Familie väterlicherseits scheint mir keinesfalls aus Verwandten zu bestehen. Es sind gute Leute, die ich in einer Postkutsche kennengelernt haben könnte, aber es war falsch, mich mit ihnen zu verbinden.“ Journal des Goncourt, 16. März 1857

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„Je klüger der Mensch, desto weniger ist er darauf gefasst, dass eine simple Kleinigkeit ihm zum Verhängnis wird.“ Dostojewski

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„(Faschist:innen*, Kommunist:innen*, Katholik:innen*): Keiner mochte Pier Paolo Pasolini. Doch wer brachte ihn um? Seit vierzig Jahren rätselt Italien.“ Aus einem Spiegel im Jahr 2015

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“There are no more human beings, only strange machines colliding towards each other.” Pier Paolo Pasolini

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„Wir wissen alle, was eine Emotion ist, bis wir gebeten werden, sie zu definieren.“ Jan Plamper

Kassels klügste Köpfe

Der DDR-Dramatiker Heiner Müller assoziiert den Mercedesstern über Berlin mit dem herausgehauenen Zahngold der im Holocaust Ermordeten. Die Geschichte findet statt „zwischen Gewalt und Vergessen.“ „Heimat ist, wo die Rechnungen ankommen.“

Der BRD-Agitprop-Aktivist, zwanghafte Schwerenöter und ewige Juso-Vorsitzende Holger Müller verbindet Stalin mit Schmidt. Er predigt „Kein Mensch, kein Problem“ (J. Stalin) und „Mein Herz gehört dem Kopf“ (A. Schmidt). Holger macht seine sozialistischen Schäfchen mit der russischen Spielfigur des „überflüssigen Menschen“ vertraut. Der Überflüssige fällt ins Fach des lamentierenden Selbstmörders. Beispielhaft ist der in die Provinz verbannte Lehrer. Zu Recht hält er sich für verflucht und geächtet. Auf dem Tschechow-Theater reißt er sich das Hemd auf, nachdem er seine Familie um den Hof gebracht und so ins Unglück gestoßen hat.

Der ewige Mieter Holger M. erklärt: „Zu einem vollwertigen Bürger befördert erst Eigentum. Kein Eigentum bedeutet Ausschluss und Ausschuss.“

So geht Dialektik zu der Zeit als Cole von Pechsteins Generation sich anschickt, das Zepter in die Hand zu nehmen und über Kassel hinaus zu wirken.

Überall präsentiert sich „ein freigelegter Oberarm“ (Marie-Luise Scherer) der anmutigsten Darstellung, überall ist „ungeheurer Alltag“ (Michael Rutschky), obwohl die Kunde davon „aus der Hölle kommt“ (Theodor W. Adorno).

Holgers politpädagogischer Eskapismus fußt in einer Manier, mit der Henry Mayhew (1812 - 1887) in der Hochzeit der Afrika-Expeditionen und der spekulativen Ethnologie sich der Armutsarchaik vor der eigenen Haustür widmete. Mayhew trieb Völkerkunde in den Gassen von London und unterschied Stämme von Klans. Hundedieb war zu seiner Zeit ein anerkannter Beruf.

Holgers ergebenste Anhänger:innen* nennen sich Holgers Hundediebe.

Es ist stets die gleiche Leier auf einer Skala der Variantenarmut. Vorgedrehte Zigaretten in einer originellen Box. Der R4 oder die Ente. Die Kerzen auf dem verwitterten Sims. Das verzogene Fensterkreuz. Dalís zerlaufene Uhren. An der nächsten Ecke eine Kneipe, in der Alexis Korner‘s Blues Incorporated aufgetreten sind.

Zur Erinnerung

Cole, zwanzig, geboren in Lubbock, Texas, aufgewachsen bei seiner Kasseler Großtante, der Karate-Großmeisterin Maeve von Pechstein, amtierender Vollkontaktkarateweltmeister, Anwärter auf das 100-Man Kumite (Hyakunin Kumite), Haupttrainer in Maeves Dōjō, liiert mit Nanami Mulligan, wohnhaft im Wald (Nanami und Cole wohnen im alten Jagdhaus der Försterei Fahrenbach tief in der Söhre), schwört jeden Donnerstagabend sein A-Team in der Kurhessentherme ein.

Das ist ein Kulttermin für Kassels klügste Köpfe.

Auch die angehende Regisseurin Iris Leise mischt mit. Die Luft brennt, wenn Iris über ihre Ufer tritt. Die Spannungsgeladene bemerkt kaum die ruhige Abwehr der Eingeweihten. Maeves Adorant:innen* treffen sich ständig im Park Wilhelmshöhe, um da gemeinsam Tempel der Kontemplation aufzusuchen. Sie verlängern ihre Reise durch die Labyrinthe der Kontraintuition, während Iris solche Exerzitien verdächtig findet.

Soziale Lethargie, Reservoir der Relevanz und Cappuccino-Schaummotive

Maeves Schüler:innen* entwickeln ihren Spirit. Iris nennt die Kultivierung selbstverblödende Esoterik. Die Karateka* streben Satori an. Iris denunziert die tägliche Versenkungspraxis. Sie wirft den Semi-Illuminierten soziale Lethargie vor. Sie spricht von Politikverweigerung. Als Abiturientin mit fünfzehn Punkten in allen Fächern vermutet die Tochter der Kasseler Kulturdezernentin in sich ein Reservoir der Relevanz. Die Brillante begehrt Cole und ebenso die Physiotherapeutin und Karateka Amina Firebird, die Iris‘ Adduktorentendopathie behandelt. Nach jeder Therapiestunde badet Iris im Abklingbecken der Unzufriedenheit. Sie fühlt sich eingereiht in das Heer jener, die ihrem Alltag erotischen Kleinmist abzuringen versuchen.

Gelangweilt ist Iris von ihrem politischen Wegweiser und Geradenoch-Liebhaber Holger. Zum ersten Mal erlebt sie den ergrauten Jungsozialisten und -gesellen gekränkt und laborierend. Iris diagnostiziert von oben herab den Überdruss des zwanghaften Verführers. Seine Kombinationen von Adorno und Nico, von „Fun ist ein Stahlbad“ und „Walk On The Wild Side“ erscheinen ihr nun abgeschmackt.

Morgen mehr.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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