Zwischen Seilschaft und Sekte

#TexasText/Jamal Tuschick Vor dem Kampf gegen Joe Louis am 19. Juni 1936 ließ Max Schmeling die kryptische Bemerkung fallen: „I have seen something“.

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Es ist wichtig zu wissen, dass Karate seinem Wesen nach modern ist und keine historische Verankerung in den japanischen Kriegskünsten hat. Solange massiv bewaffnete und armierte Krieger:innen* sich Duelle lieferten, spielten körpereigene Waffen eine völlig andere Rolle als in zivilen Gesellschaften mit ihrem verkappten Faustrecht. Im Dschungel der Städte hat Karate seine große Zeit noch vor sich. © Jamal Tuschick

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„Man kann wissen, wie man siegt, ohne fähig zu sein, es zu tun.“ Sunzi

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“Don’t fight. Take control. Eliminate in your opponent the desire to keep fighting.” Yoshio Kuba

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„Den Sitz der Seele mit dem Messer suchen.“ Heiner Müller

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Vor dem Kampf gegen Joe Louis am 19. Juni 1936 ließ Max Schmeling die kryptische Bemerkung fallen: „I have seen something“.

Was hatte Schmeling gesehen?

Der Herausforderer hatte gesehen, dass Louis die Deckung aufgab, sobald er einen kurzen rechten Haken setzte. Unbewusst entblößte der Gigant das Kinn. Der Rest ist Geschichte. Die Deckungslücke machte den Favoriten zum Scheinriesen. Der krasse Außenseiter, die Wetten standen zehn zu eins gegen Schmeling, schlug den Favoriten k.o.

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“(Chu Shong Tin) would always say that the secret to his remarkable body control and power was in the energy released through uprightness and decompression of the spine.” Sifu Nima King, wing_chun_origins, Quelle

Zwischen Seilschaft und Sekte

Eine Kasseler Szene aus dem Jahr 2000. Maeve von Pechstein absolviert ihren Kiez-Parcours. Die Untadelige mischt sich unter Hinz und Kunz. Sie steht mit allen auf vertrautem Fuß und bleibt doch beim Sie in jedem Fall. Aus jeder Begegnung zieht Maeve eine Prise Bewunderung. Nur beim Tomaten-Duc verfehlt die illuminierte Aura ihre Wirkung. Dem Enkel eines auf den Saumpfaden der sozialistischen Bruderhilfe und der Wiedervereinigung via Rostock nach Kassel gelangten Việt cộng-Dschungelkriegers fehlen die Antennen für Aristokratinnen.

„Als die DDR Geschichte wurde, waren die (Vietnames:innen*) mit rund 60.000 Menschen die größte Gruppe von (Ausländer:innen*) im ehemaligen (Arbeiter:innen*- und Bäuerinnen*staat.)“ MDR Zeitreise

Maeve zählt zu den stärksten Motoren des Gōjū-Ryū Karate, dessen chinesische Wurzeln gut zu erkennen sind. Wie jeder Karatestil wurde Gōjū-Ryū auf Okinawa transformiert. Oder um es mit Maeves Neffe und Ziehsohn Cole zu sagen:

“Karate is the crowning glory of multi-racial culture.”

Maeve ließ Cole so ziemlich alles lernen: Westliches Boxen, Ringen, Gōjū-Ryū und Kyokushin Karate, Taekwondo, Vovinam Viêt Võ Dao, Wing Chun, White Crane Gong-fu.

„Karate reflektiert ein kulturelles Erbe. Es formt dich. Denk nicht daran, dass auch du es formen könntest.” Maeve von Pechstein

Maeve kultiviert die Existenz einer Emerita in ihrem eigenen Dōjō. Sie redet gern mit Schüler:innen* aus der spartanischen Keimzeit, deren Enkel:innen* unter absurd luxuriösen Bedingungen in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Hanshu Bushū Tsukushi ließ es sich nicht nehmen, zur Einweihung der in Coles Regie entstandenen Multiplex-Wellness-Mall persönlich zu erscheinen. Von der alten Karateschule Pechstein reden nur noch Nostalgiker:innen*.

In Coles Flow-to-go-Taj Mahal herrscht Airportatmosphäre.

Cole unterrichtet Karate im Wechsel mit seiner Frau. Nanami beruft sich auf eine familiäre Verbundenheit mit Itosu Ankō (1832 - 1916), einem Untertanen im Königreich Ryūkyū auf Okinawa Hontō. Die Leute auf Okinawa sind naturalisierte Japaner:innen*. Sie verfolgen sich zurück bis zu einem Volk mysteriösen Ursprungs und unterliegen seit tausend Jahren chinesischen und japanischen Einflüssen. Auf Okinawa fanden im Mittelalter Umwandlungen des Gong-fu statt. Itosu Ankō reformierte und popularisierte Okinawa-Te (Tode). Er schuf eine entschärfte Version seiner Kunst und lehrte nur im engsten Kreis jenes (auf dem Primat der tödlichen Technik zugeschnittene) Original, das seit den Kodifikationen des Bushido stets in Geheimgesellschaften weitergegeben wurde. Itosu Ankō unterrichtete die Karate-Neuerer:innen* seiner Zeit. Chibana Chōshin (Shorin-Ryū), Mabuni Kenwa (Shitō-Ryū) und Funakoshi Gichin (Shōtōkan-Ryū) lernten von ihm.

Cole behauptet, dass die Fischköpfe auf dem Archipel der Hundertjährigen, wie Okinawa auch genannt wird, Gong-fu (in seiner Stilvielfalt) nicht richtig verstanden hatten und Karate aus Missverständnissen und einer falschen Praxis entstanden sei. Nanami widerspricht selbstverständlich.

Never stop the flow - The steaming eighties in review

Guten Abend, mein Name ist Runa Novalee-Schneider. Ich war dabei, als Cole abhob und die Karateklitsche seiner Tante in einen Wohlfühl-Totalisator verwandelte. Das geschah am Ende eines langen Anlaufs, der um 1980 begann. Damals behauptete Cole, er könne - im Verein mit Unterstützer:innen* (den Sherpa Sisters) - jede durchschnittliche Karateka* wenigstens bis zur Deutschen Meisterin befördern, und zwar ohne das branchenübliche Gelobt-sei-was-hart-macht-Programm.

Cole versprach: Kein Krafttraining. Kein Power-Trimm-dich nach den Vorgaben der Erich-Deuser-Ära. Keine Tempoläufe über die Herkuleskaskaden.

“Combat is a question of intelligence”, erklärte Cole. “The art consists in being able to decompress your joints under pressure.”

See for this purpose:

“(Chu Shong Tin) would always say that the secret to his remarkable body control and power was in the energy released through uprightness and decompression of the spine.” Sifu Nima King, wing_chun_origins, Quelle

Es gibt zwei Hauptversionen der Geschichte. Beide Fassungen haben einen gemeinsamen Ursprung in Maeves 1970 am Wilhelmshöher Lokalbahnhof gegründeten Karateschule Pechstein. Die in Japan aufgewachsene und mit Karate von Kindesbeinen an vertraute Koryphäe unterrichtete in einem schlichten Fichtenholzrahmen. Der Raumspray roch nach Kiefern.

Maeve zieht noch immer die Linie einer Tradition weiter, die eben nicht so weit in die Vergangenheit reicht, wie viele glauben. Karate gehört nicht zu den antiken Zen-Künsten. Während Maeves Interpretationen den Budo Path gediegen breittreten, erschließt sich Cole die Sache auf der Fährte ihrer Gong-fu-Genese.

Cole bleibt im Flow. Oft sieht es so aus, als müsse er an sich halten, um nicht auf der Stelle zu tanzen. Wann immer sich jemand in seiner Gegenwart gelöst bewegt, steigt er ein und macht mit.

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Wie gesagt, zwei Versionen. Die Siegerinnen schreiben die Geschichte, so wie man sie erinnern wird. Ich war lediglich eine Sherpa Sister. Ich unterstützte Heldinnen. Ich trug meinen Teil zu ihrem Erfolg bei.

Nach dem Training war vor dem Training. Das Band der Zusammengehörigkeit sollte jeden Tag fester gewirkt werden. Niemand aus dem Kreis der Verschworenen durfte sich separieren. Der Kaderkomment changierte zwischen Seilschaft und Sekte. Wir ballten uns in der Dōjō-Sauna zum unorthodoxen Hot-Yoga. Der muschelförmige Spa-Bereich schloss die psychedelisch designte Wunderbar ein. Wegen der weißen Frottee-Pareos, die wir vorschriftsmäßig in dieser Zone trugen, nannten wir den Barbesuch unseren Mekka-Moment.

Cole animierte uns, Kampfverläufe zu analysieren. Oft zog er Lien zu Demonstrationen heran. Cole liebte es, seinen Überlegungen syntaktische Prägnanz zu geben:

“Her first move was a preparation. My first move was an attack.”

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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