The Lion of the Senate

Barack Obama Für das Washingtoner Establishment ist Edward M. Kennedy der Löwe des Senats und (trotz der Ereignisse vom 18. Juli 1969) ein Supermann des Fortschritts.
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Für das Washingtoner Establishment ist Edward 'Ted' Kennedy der Löwe des Senats und (trotz der Ereignisse vom 18. Juli 1969) ein Supermann der Innenpolitik. Förderer*innen eines Aufstrebenden empfehlen Barack Obama, Ted einzuspannen.

„Sie müssen mit Kennedy reden“, heißt es allgemein.

Barack Obama, „Ein verheißenes Land“, auf Deutsch von Sylvia Bieker, Harriet Fricke, Stephan Gebauer, Stephan Kleiner, Elke Link, Thorsten Schmidt, Henriette Zeltner-Shane, Penguin Verlag, 42,-

Jack war der erste Katholik auf dem amerikanischen Thron. Ich glaube, Joe ist erst der zweite. Biden rangiert noch im Mittelfeld, als sich Barack Obama für das höchste Amt im Staat warmläuft. In Washington redet er mit den Meistermacher*innen. Für Leute, die Hillarys Abneigung gegen den basket of deplorables teilen, ist Ed der große alte Mann des Senats. Unbefangenere Zeitgenoss*innen erkennen in diesem Kennedy stets den Armleuchter unter den Gesalbten aus Boston, Massachusetts. Kaum zu glauben, dass er als Bruder von Jack und Bob ins Rennen geschickt wurde. Ted fiel so ab neben den Mummmaschinen, zumal neben Jack, diesem Kanonenbootfahrer im Korsett. Obwohl Jack sich oft kaum aufrecht halten konnte, bot er den Bürger*innen seines Landes den show’esken Anblick eines Hyperalerten. Transhistorisch erstrahlt der schönste US-Präsident im weißen Court-Licht des ewig fitten Players.

Nie wurde aufgeklärt, was da eigentlich los war:

„In der Nacht vom 18. auf den 19. Juli 1969 starb Mary Jo Kopechne im Wagen des US-Senators (Edward Moore Kennedy). Ein Unfall, kein Zweifel. Aber steckte Alkohol dahinter, Untreue oder sogar eine versuchte Vergewaltigung?“ Quelle

Obama erlebt Ted als „lebende Legende“. Von den Bürgerrechten über den Mindestlohn bis zur allgemeinen Krankenversicherung engagierte sich der letzte Kennedy in Machtnähe für progressive Vorstöße.

„Mit seiner massigen Statur, seinem riesigen Schädel und der weißen Mähne füllte er jeden Raum aus.“

Der Autor bemüht sich um eine schillernde Darstellung des mit dem goldenen Löffel im Mund geborenen Türöffners. Vor Publikum rauscht Ted auf. In den Kulissen gibt er den klappernden Onkel. Ted ist so, so erzählt es Obama, wie sein Büro, „voll Charme und Geschichte von Camelot bis Cape Cod“.

„Im sanften Nachmittagslicht“ lassen sich Barack und Ted „im Allerheiligsten“ nieder. Die Jalousien sind „teilweise heruntergelassen“. Der altgediente Haudegen offeriert auf der Ofenbank seiner Karriere Einblicke in die Washingtoner Eingeweide. Er serviert Erinnerungen an Ränke als Schwänke.

„Derbe Geschichten. Lustige Geschichten. Gelegentlich schweifte er ab.“

Eine Binse von besonderer Güte:

„Es lief nicht wie geplant, aber es kommt, wie es kommen muss, nehme ich an.“

Das variiert: Erst hatte ich kein Glück und dann kam Pech dazu.

So wie ich es sehe, hat Old Ed dem Frischling nichts zu sagen.

„Er verstummte, in Gedanken versunken.“

Obama stellt sich vor, wie die Brüder in Teds Gedächtnis aufmarschieren. Alle starben einen gewaltsamen Tod. Alle waren begabter, doch nur das Baby der Familie überlebte. Ich finde, der Autor macht zu wenig aus der Konstellation. Wie ist das, wenn du alt wirst in dem Wissen/ die Besten hat es hingerissen? Du warst mal in Paris/ Sie waren Paris und Hektor im Plural der Prärogative/ Sie waren zwei Brüder auf einem Thron/ Ein Paar so inniglich, dass sie gemeinsam marylierten ...

An einem anderen Tag

Plötzlich bricht es aus Michelle: Ich hasse Politik. Obama springt seiner Frau sofort bei und verspricht ihr das Blaue vom Himmel.

„Schatz, ich habe nicht gesagt, dass ich kandidieren werde.“

Das ist ein Politiker*innensatz aus dem Handbuch der Verlogenheit. Seit Monaten schleicht Obama um den heißen Brei herum und bequatscht Entscheidungsträger*innen. Er poliert sein Charisma in jedem Publikumsspiegel.

Gleich mehr.

Die Verlagerung der Entscheidungen aus dem Parlament in die Ausschüsse, von Johannes Agnoli vor langer Zeit in „Transformation der Demokratie“ analysiert, nennt Obama „undurchsichtige Transaktionen, gedeichselt hinter verschlossenen Türen“.

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Barack Obama „fühlt sich aus den Angeln gehoben“. Er lehnt sich zurück, zündet sich eine Zigarette an … auf seinem Weg in den Senat von Illinois. Zum ersten Mal hat er Konkurrent*innen aus dem eigenen Lager aus dem Wettbewerb „gekegelt“.

„Die anständigere Form von Politik … muss erst einmal warten.“

Woah. Hätten Sie das für möglich gehalten? Dass sich Barack Obama zu einem Mangel an Anstand bekennt? Da kommt noch was:

„Auch wenn ich am liebsten fair spiele, verliere ich doch nur ungern.“

Michelle & Barack - die beiden Bildschönen heiraten im Oktober 1992 in einem trauten Tumult. Hunderte feiern mit in prominenter Ausgelassenheit. Obama hat sich an die Spitze von „Vote“ gestellt, „einer der größten Wählerregistrierungskampagnen in der Geschichte Illinois“. Michelle arbeitet im Ressort für Stadtentwicklung der Chicagoer Verwaltung. Das Paar schwelgt im Glück mit Eigentumswohnung und direkten Anschluss an genug Familienmitglieder, um sich rundum gut aufgehoben zu fühlen.

Obama flirtet mit den Koordinaten der ehelichen Frühzeit. Ist doch alles da. Was will man noch außer eigenem Nachwuchs.

„Ein normales Leben. Ein ausgefülltes, glückliches Leben. Eigentlich hätte das gereicht.“

Doch dann ...

gesteht Obama Streitereien mit seiner Frau. Sie kümmert sich ums Baby, während er eben doch Karriere macht. Nicht dass Sie glauben, das wäre die klassische Rollenverteilung. Es ist nur einfach so, dass Obama lieber die Versprechen einlöst, die er der Menschheit gegeben hat. Ich sage dies als Freund.

„Mir fiel wieder ein, was ich mir zu Malias Geburt geschworen hatte: Meine Kinder sollten mich kennenlernen und mit der Gewissheit aufwachsen, dass ich sie über alles liebte und sie für mich an erster Stelle kamen.“

Die ersten Sporen

Obama verdient seine ersten Sporen im republikanisch dominierten Senat von Illinois. Als „Neuling der Minderheitenpartei“ zählt er zu den „Pilzen, weil man sie mit Mist füttert und im Dunklen lässt“. Die Verlagerung der Entscheidungen aus dem Parlament in die Ausschüsse, von Johannes Agnoli vor langer Zeit in „Transformation der Demokratie“ analysiert, nennt Obama „undurchsichtige Transaktionen, gedeichselt hinter verschlossenen Türen“.

Gleich mehr.

Mitfühlende Politik

„Träum weiter, Barack.“

So endet fast jedes Wortgefecht mit Kommilitonen. Die Engagierten bestreiten, dass sich eine progressive Person mit Amerika identifizieren kann. Man haut dem Idealisten US-Invasionsschlagzeilen um die Ohren. Es hagelt Einwände gegen eine positive Wahrnehmung der Vereinigten Staaten.

1983 endet für Obama die Schonfrist an der Columbia. Das richtige Leben verträgt selten große Ideen, so sagt es der Resümierende. Obama wird Community Organizer in Chicago. Sein Genie verliert sich im Detail. Er räumt Parks auf, organisiert „die Entfernung von Asbest aus Sozialwohnungskomplexen“ und richtet ein Nachmittagsprogramm für Schulkinder ein.

Er kooperiert mit zwei Klassikern: der alleinerziehenden Mutter und dem „irischen Priester, der die Türen seiner Kirche jeden Abend öffnete, damit die Kids … eine Alternative zu den Gangs hatten“.

„Ich kassierte so viele Abfuhren und Beleidigungen, dass ich irgendwann die Furcht vor ihnen verlor.“

Als Sozialarbeiter brennt Obama im Fegefeuer der Bürokratie. Ständig begegnen ihm Akteure, die Dinge verändern können, es aber nicht tun. Das frustriert den geborenen Macher.

„Was wir brauchten, war die Macht Gelder zu verteilen.“

Obama nimmt Maß am Bürgermeister von Chicago. Harold Washington setzte sich mit einer Graswurzler-Kampagne gegen seine Rivalen durch. Er verbesserte die Situation der Unterprivilegierten unter schwierigsten Bedingungen. Sein Stil zeigte beides: Grenzen und Chancen mitfühlender Politik.

Obama will eingreifen und ausgleichen: zu Gunsten jener, die nie zuvor Nutznießer*innen struktureller Begünstigung waren.

Zug – Gegenzug

Nun stoßen wir wieder auf das Phänomen koinzidierender Kräfte. Obama erinnert daran, dass Washington mit seinem Programm Bevölkerungsgruppen ansprach, die nie zuvor an einer Wahl teilgenommen hatten. Sie existierten in gesellschaftlichen Räumen, die auf die lieblosteste Weise unter Wohlfahrtsgesichtspunkten von weißen Entscheidungsträger*innen betrachtet worden war. Sie gehörten schlicht und ergreifend nicht zu Ansprüche formulierenden Teilnehmer*innen am öffentlichen Verkehr. Vielmehr unterlagen sie einer staatlichen Mündelwirtschaft, die ihnen gar nicht gerecht werden sollte.

Die neuen Parteigänger*innen waren lange als Gegenständen von soziologischen und administrativen Betrachtungen denunziert worden. Nun traten sie zum ersten Mal aus ihrer Objektverhaftung in Partizipationsprozesse ein. Und siehe da, sie waren die Mehrheit. Auf die nun Washington zugriff.

So bekamen die Bedürfnisse der Armen zum ersten Mal eine potente politische Agenda.

Nach diesem Muster wird Obama Präsident werden. Doch noch sind wir nicht so weit. Erst einmal immatrikuliert sich Obama an der Harvard Law School. Während er seine Skills verbessert, beobachtet er, wie die Superenergie der Wähler*innenmobilisierung, die Washington zum Bürgermeister gemacht hat, „verpufft“, weil es für sie kein Reservoir der Nachhaltigkeit gibt. Der Entladungskraft fehlt ein Transformationsboden.

Smart bis zum Abwinken

Obama begegnet Michelle Lavaughn Robinson. Sie ist „unglaublich smart“. Mit fünfundzwanzig firmiert sie bereits als Associate in der Kanzlei Sidley & Austin.

“Her buffed walnut desk. Her view from the 47th floor overlooking Lake Michigan. Recruiting law students. The money.“ Quelle

Michelle nimmt das Greenhorn unter ihre Fittiche. Sie führt Obama zum Kopierer und zum Mittagstisch. Sie verführt ihn allein mit der Bereitschaft, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken als es die Professionalität gebietet.

Michelle wiegt sich in seiner Unbedingtheit und dreht Schleifen aus seinen Widersprüchen. Alles ist einerseits und andererseits. Einerseits will Obama einen Wandel im System. Andererseits kämpft er gegen das System. Einerseits will er in die Politik gehen. Andererseits will er kein Politiker sein.

Als „Kind der South Side“ von Chicago ist Not für Michelle stets „nur eine Entlassung, nur eine Schießerei entfernt“. Allein die Familie macht sie zur Löwin. Obama kann sich darauf verlassen, dass Michelle ihm den Rücken stärkt.

Die beiden sind groß genug, um „den toten Winkel des anderen im Blick zu behalten … Wir konnten ein Team sein.“

07:53 06.12.2020
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