The West Memphis Three Trial

Leslie Jamison widmet sich in ihrem Report „Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer“ auch den 'West Memphis Three'
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„Ihr Leid beschert Sylvia Plath einen privaten Holocaust“, schreibt Leslie Jamison. Ist das bei Suhrkamp keinem aufgefallen?

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Kettenraucher:innen hinter Maschendrahtzäunen

„In Paradise Lost sieht man eine Menge Highways. Man sieht deswegen so viele Highways, weil West Memphis sehr viele Highways hat. Die Stadt liegt da, wo sich zwei der größten Fernstraßen des Landes – die Interstate 55 und die Interstate 40 – am Mississippi kreuzen.“

„Das verlorene Paradies – Die Kindermorde in Robin Hood Hills“

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Die Autorin bemerkt auf dem Schauplatz ihrer Recherche „viele Menschen mit schiefen Zähnen. Nur die Zähne von (Rechtsanwält:innen und Polizeibeamt:innen) sind hier gerade“. Die Beobachtung sagt auch etwas über den von Jamison persönlich überblickten Zeitraum aus. Das Amerika ihrer Kindheit und Jugend zog den weißen Limes der Zahnkosmetik über die Demarkationslinien der High Society hinaus. Der Kronenkult kennzeichnete nun auch die Mittelschicht markanter als jede Automarke. Bleaching entsprach auf diesem Feld einer neuen Norm. Deshalb fallen der anspruchsvoll aufgewachsenen, mit den Standardmerkmalen ihrer Klasse ausgestatteten Jamison schiefe Zähne sofort als Armutsmerkmal auf. Wäre sie älter, könnte sie sich vielleicht daran erinnern, dass viele zeitgeschichtlich relevante Persönlichkeiten des XX. Jahrhunderts weniger makellose Zähne hatten als heute die meisten Establishmentakteure.

Leslie Jamison, „Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer“, aus dem amerikanischen Englisch von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp, 12,-

Armut, Jamison spricht von „white trash“, definiert Opfer und Täter in einem sadistisch-satanistisch gedeuteten Mordfall. In den Täterrollen agieren auf einer brüchigen Basis vorgeführte, achtzehn Jahre nach der Verurteilung eher halbherzig rehabilitierte und freigelassene Personen, die zum Verhaftungszeitpunkt Jugendliche waren. Die Leichen ihrer vermeintlichen Opfer fand man in einem Forst namens Robin Hood Hills, einem Höhepunkt des West Memphis Three Trial*.

*“On a warm sunny May day 1993 three eight-year-old boys set off on a bike ride around their hometown of West Memphis, Arkansas.” Quelle

Man ahnt Versäumnisse der Zivilgesellschaft und das Versagen des Rechtsstaats. Beschuldigt wurden Damien Echols, Jason Baldwin und Jessie Misskelley. Jamison befasst sich zumal mit Damien Echols, der für sich erstaunliche Lösungen fand und in keiner Resilienzstudie übergangen werden sollte. Er entdeckte die große Freiheit in sich, während er im Todestrakt seiner Hinrichtung entgegen atmete, bis das Urteil abgewandelt wurde.

Die Unterwanderung der Wirklichkeit

„Wenn alle Gründe dagegen sprechen, und man es trotzdem durchzieht - das sind die Erfahrungen, von denen wir später erzählen.“ Charlie Engle, Spiegel Online am 30.04.2018, 08.55 Uhr

„Mark Jefferson behauptet, dass Sentimentalität eine Frage der Entscheidung sei. Seiner Theorie nach wählen Menschen die verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit, um in Reaktion darauf etwas zu empfinden. Er beschreibt Sentimentalität als spezifische Ausprägung einer vererbten Verzerrung, einer Fiktion der Unschuld.“

Die Unterwanderung der Wirklichkeit verlangt nach dem Komplementär „der Boshaftigkeit“. Aus gefühlslasch und gemein entsteht „vulgäre Antipathie“. Leslie Jamison addiert die Positionen und ihre anayltischen Klimaxe so, dass sie wie Laborresultate im Umkreis von Experimenten mit Pilzkulturen erscheinen. Sie fürchtet die „überspannten Gesten … (und) gebrochenen Versprechen“ der Sentimentalen.

Doch was widerfährt uns, wenn wir Sentimentalität abweisen? Jamison zählt auf: „Ermattung, Ironie, Kühle.“ Wieder scheint das Schlechte gleich gut verteilt. Wer es darauf anlegt, kann alles Mögliche im „sentimentalen Zyklus“ wiederfinden: Schuldgenuss, die stumpfe Vermählung mit dem Tragischen, die Flucht in „verflüssigte oder eingefrorene Ersatzgefühle“.

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Im nächsten Erzählaugenblick installiert sich Jamison in Fayetteville (West Virginia). Der Highway 19 teilt die Stadt. Das größte Ding vor Ort ist die New River Gorge Bridge. Die Autorin bemerkt Wohlstand, mit dem sie offenbar nicht gerechnet hat.

„Es ist früh am Morgen, und ich bin auf der Suche nach Vierteldollars. Die ... (City) ist beschaulich und voller stattlicher Häuser: Bergbau-Geld wahrscheinlich. Wir befinden uns im Herzen des Kohlereviers.“

Jamison ist auf dem Weg zu Charlie Engle, einem Extremsportler, der wegen Betrugs im Gefängnis sitzt und da Marathondistanzen absolviert.

„Charlie und ich haben uns vor zwei Jahren bei einem Ultramarathon in Tennessee kennengelernt, nur wenige Monate bevor Charlie des Hypothekenbetrugs überführt und zu zwanzig Monaten … verurteilt wurde.“

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Demographische Menagerie

Eine Weile jobbte Leslie Jamison als „Darstellerin von Krankheiten“. „(Medizinstudent:innen) mussten erkennen, woran sie (vorgeblich) litt.“ Nicht nur die diagnostischen Fähigkeiten wurden beurteilt. Auch das Einfühlungsvermögen unterlag einer Schätzung. Nach der viertelstündigen Begegnung füllte die Simulantin einen Evaluationsbogen über die Performances der angehenden Ärzt:innen aus.

Gemeinsam mit Kolleg:innen erfüllte/erfühlte Jamison Funktionen in einer „demographischen Menagerie: Da (gab) es die Sportskanone mit dem Kreuzbandriss und den Manager mit dem Koksproblem. Die Tripper-Oma (hatte) gerade ihren Ehemann betrogen, mit dem sie seit vierzig Jahren verheiratet (war)“.

Die Darsteller:innen verfügten über eine eigene Druckkammer im Krankenhaus; einen Raum, um Dampf abzulassen.

Am liebsten bewies Jamison ihr Mimikry-Talent in der Rolle einer „Dreiundzwanzigjährigen, die an einer sogenannten Konversionsstörung leidet. Die Trauer über den Tod ihres Bruders äußert sich bei (Stephanie Phillips) in Krampfanfällen.“

Soziale Lähmung

Laut Skript weiß Stephanie nicht, woher die Zuckungen kommen. Jede Verbindung zwischen ihrer Trauer und körperlichen Reaktionen erscheint ihr abwegig. Die Anfälle und den Verlust kriegt Stephanie nicht zusammen.

Bei einer ausufernden Party war der Bruder betrunken ertrunken. Bruder und Schwester hatten einen gemeinsamen Nebenverdienstarbeitgeber. Inzwischen geht Stephanie gar keiner Beschäftigung mehr nach. Ihr fehlt selbst die flachste Reflexionsebene. Deshalb versteht sie nicht, wie weitreichend ihre soziale Lähmung ist.

Aus der Ankündigung

In einer virtuosen Mischung aus Reportage, Kulturkritik und persönlichem Erzählen schreibt Leslie Jamison ein radikal aufrichtiges Buch über Empathie – und wird verglichen mit Susan Sontag, Joan Didion und David Foster Wallace.

Ist Empathie eine naturgegebene Qualität oder eignen wir sie uns kulturell an? Ist sie wirklich immer von Vorteil oder kann sie auch destruktiv wirken? Wo fängt Mitgefühl an, wo endet es? In ihren fesselnden wie schonungslosen Essays lotet Leslie Jamison genau diese Grenzen aus. Sie schreibt über das Verhältnis von Ärzten und Patienten, über Elendstourismus, über weiblichen Schmerz. Und sie führt ihren eigenen Körper ins Feld, beschreibt persönliche Leidenserfahrungen und beobachtet sich im Umgang mit sorgenvollen Mitmenschen.

Immer wieder stellt sie dabei die Frage, wie weit wir dabei gehen können, wie sehr wir uns in andere hineinversetzen können und weshalb sich Empathie zu dem Modephänomen unserer Zeit entwickelt hat.

Zur Autorin

Leslie Jamison, 1983 geboren, wuchs in Los Angeles auf, studierte in Harvard und promovierte in Yale. 2010 erschien ihr Roman The Gin Closet. Jamison ist die Autorin von Die Empathie-Tests, einem der meistdiskutierten Bücher 2015. Sie lehrt an der Columbia University und lebt mit ihrer Familie in New York.
15:05 04.08.2021
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