Topografischer Rand

#Berlin Die Gefälligkeit des Rheingaus dient einer erstrangigen Leidensgemeinschaft als Milieu. Karoline von Günderrode trifft Heinrich von Kleist in Winkel am Rhein ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Das Reich, in dem wir zusammentrafen, senkte sich herab wie eine Wolke, die sich öffnete um uns in ein verborgenes Paradies aufzunehmen.“ Bettina von Arnim über den Kreis der Romantiker:innen, in dem sich Karoline von Günderrode in Friedrich Carl von Savigny verliebte.

*

Die Bewohner:innen verstimmter Innenwelten erscheinen fantomas an einem idyllischen Saum. Gleichzeitig verkörpern sie die personelle Peripherie eines depressiven Gipfeltreffens in Christa Wolfs Kein Ort. Nirgends.

*

Die Autorin erfindet der Gefälligkeit des Rheingaus eine erstrangige Leidensgemeinschaft. Zwei Jahre vor ihrem Selbstmord trifft Karoline von Günderrode (in der Fiktion) den Suizidalen Heinrich von Kleist in Winkel am Rhein. Beide sind Gäste der Brentanos. Bettina, Kunigunde und Clemens vertreten die Familie. Ferner zugegen sind Kunigundes zum Ministeramt befähigter, als bedeutenster Jurist einer Ära hochgeschätzter Gatte Friedrich Carl von Savigny, Clemens Gattin Sophie, der Universalgelehrte Christian Gottfried Daniel Nees und ... die Liste bleibt unvollständig. Den Unterschied macht, ob Kleist die spätere Frau von Arnim ignoriert, da die Günderrode seine Aufmerksamkeit stürmisch okkupiert. Mit Clemens Brentano kann die Dichterin einen abgewiesenen Verehrer vorweisen. Friedrich Carl von Savigny ist ihre erste große Liebe. Sie verfolgt nicht nur Kleist, Savigny übersieht eine Geste. Seine Zurückhaltung begründet er mit Motiven des verheirateten Mannes.

Wer liest so etwas noch? Wen interessiert das? Als der Literaturnobelpreis nach Malibu geht, ist das weltweit die Nachricht des Tages. Zuckerberg & Zimmermann. Auf Facebook begrüßen Verehrer:innen die Stockholmer Entscheidung; nach Jahrzehnten des Kopfschüttelns endlich Zustimmung. Eine ergraute Moderne kommt noch einmal zurück auf die Cover der Welt. Don’t Think Twice, It’s All Right.

Eingebetteter Medieninhalt

Hunter S. Thompson widmete Fear and Loathing in Las Vegas seinem Helden Bob Dylan. Auf Thompsons Beerdigung lief Mr. Tambourine Man.

Wer weiß das noch? Wen interessiert das?

10:42 22.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare