Touch of Evil

Migration Francisco Cantú hätte Claas Relotius die Verifikationsmarken für die aztekisch temperierten Albträume zwischen Hinterhof und Höllenloch down in Mexico liefern können.
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Im Verlauf der Jahrhunderte verschob sich die nordamerikanische Grenze zu Mexiko immer weiter nach Süden. Im Vertrag von Guadalupe Hidalgo wurden 1848 die Machtverhältnisse festgeschrieben. Mexiko war seit der Frühzeit seiner Unabhängigkeit in besonderem Maß der Monroe Doktrin unterworfen, die sich zunächst gegen den europäischen Einfluss und altweltlichen Kolonialismus richtete – Amerika den Amerikanern. Mexikaner wurden als Vaqueros und Erntehelfer zu einem Bestandteil der US-Ökonomie. Es sind darüber Filme gedreht und Bücher geschrieben worden, die den Leichtsinn festhalten, mit dem sich Reisende zwischen den Staaten bewegten. Lange ließ sich die Grenze leicht passieren. Daran erinnert der ausschweifende Rechenschaftsbericht des Grenzschützers Francisco Cantú. Cantú hätte Claas Relotius die Verifikationsmarken für die aztekisch temperierten Albträume zwischen Hinterhof und Höllenloch down in Mexico liefern können. Relotius‘ am Schreibtisch halluziniertes Panoptikum hat seinen Ursprung im Rausch der Wahrheit. Es gibt alles, einschließlich der selbstermächtigen Gringo-Grenzgänger, die mit Sturmgewehren Migranten jagen und aus der lateinamerikanischen Verzweiflung ein Spiel gemacht haben.

Tausende ungesühnter Frauenmorde in einer mexikanischen Grenzstadt schreien nach unbestechlichen Ermittlern. Super-Profiler sind auf eigene Kosten im Einsatz.

Cantú kommt aus einer mexikanischen Familie, in der man sich bis zur Generation der Großtanten darauf berief, spanisch zu sein. Er macht seine Arbeit so menschenfreundlich wie möglich. Er dient dem US-Grenzregime da, wo der Colorado nach Mexiko fließt, um im Golf von Kalifornien zu münden. In „No Man‘s Land“ skizziert Cantú den Prozess einer Verhärtung. Die nomadische Armut ist zu einer Gangsterware geworden. Schleuser und Schlepper verschleppen ihre Opfer, lagern sie in „Schattenhäusern“ und erpressen die Angehörigen.

Im Niemandsland wird man leicht zum Namenlosen. Leichen landen auf dem Müll. Ihre Verstümmelungen entsprechen einer Symbolsprache. Und immer heißt es: Don’t mess with el mensajero del diablo. Ach so, Cantú hat Politik studiert und steht als Agent der United States Border Patrol restriktiven Auslegungen der Vorschriften kritisch gegenüber. Nebenbei gelingen ihm schicke Landschaftsschilderungen.

Francisco Cantú, „No Man‘s Land - Leben an der mexikanischen Grenze“, aus dem Englischen von Matthias Fienbork, Hanser, 239 Seiten, 22.-

08:34 13.01.2019
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