Fußnote der Landesgeschichte

Helon Habila „Die Beziehung eines Schwarzen zu Europa bedarf stets einer Qualifizierung. Warum gehen Weiße davon aus, dass jeder Schwarze, der unterwegs ist, ein Flüchtling ist?“
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Portia, von ihrem Shakespeare ehrgeizig liebenden Vater so genannt nach einer Protagonistin des elisabethanischen Großmeisters, checkt ungerührt in Europa ein.

"We do pray for mercy."

Laura Carmichael speaks Portia’s lines from The Merchant of Venice, Act IV, Scene 1.

Eingebetteter Medieninhalt

Was zuvor geschah

Portia Kariku recherchiert die Todesumstände ihres Bruders David. Er wurde von seiner Frau, der Schweizerin Katharina, auf dem Baseler Bahnhof vor einen Zug geschubst. Gleichwohl bereist die Schwester Europa mit einem über das Verbrechen hinausragenden Interesse. Es gefällt mir, dieses Interesse ethnologisch zu nennen.

So geht es weiter

„Die Beziehung eines Schwarzen zu Europa bedarf stets einer Qualifizierung.“

Für Portia ist das eine neue Erfahrung. Die Tochter eines Schriftstellers mit der Attitüde des (im Verhältnis zum Despoten kongenialen) Dissidenten begreift Europa als den Groß(t)raum, in dem ihr Vater eine donnernde Identität aus dem Exil destillierte. Jahre hat die Familie in England gelebt. Die Vorbehalte der Diaspora-allergischen Mutter prägten Portias Wahrnehmung. Im Bauch der Unzufriedenen beschrieb sie die Rolle rückwärts nach Sambia.

Helon Habila, „Reisen“, Roman, herausgegeben von Indra Wussow, auf Deutsch von Susann Urban, AfrikAWunderhorn, 320 Seiten, 25,-

Ein politischer Umschwung erklärte die vehemente Kritik des Vaters an vormals in Sambia herrschenden Verhältnissen zur Fußnote der Landesgeschichte. Niemand gleich wo in Afrika zeigte mehr auch nur das leiseste Interesse daran. In Europa behielt James Kariku seinen Rang als Kenneth Kaundas schärfstem Kritiker.

Kaunda besteht noch in seiner Leibhaftigkeit, während (der erfundene) Kariku nach einer verspäteten Heimkehr die Gleichgültigkeit des Regimes mit seinem beleidigten Tod quittierte. Seither erscheint der interessierten Öffentlichkeit Portia als tüchtige Tochter einer historischen Persönlichkeit. Sie selbst geht verspielt mit intellektuellen Avancen um. Sie hat ein leichtes Herz und einen guten Schritt (mit dem sie Berlin abmisst). In der deutschen Kapitale versorgt sie sich mit Abwechslung im Easyjet-Airbnb-Netflix-Spektrum. Sie kommt von einem anderen Stern, sobald es darum geht, zu begreifen, dass viele Weiße reisende Schwarze für prekäre Migranten halten.

„Warum gehen Weiße stets davon aus, dass jeder Schwarze, der unterwegs ist, ein Flüchtling ist?“

Portia reagiert mittelständig-snobistisch auf die global standardisierten Konsumchancen. Ihre Performance definiert die Verwerfungslinie. Konkludent klärt die Akteurin den Status quo ab. Die Lektion: Finanzielle Spielräume bestimmen die Daseinskurse ohne Ansehen der Staaten und Personen.

Exotisch erscheinen Portia „Afrodeutsche, die keine Erinnerung an Afrika haben“, und von denen die Lehrerin bislang nur gehört hat. Attraktiv findet sie den Schwarzen Nachbarn ihrer Berliner Airbnb-Wohnung. Portia fängt sofort an zu flirten und zieht ihn in ihren Bann. Der Leser erkennt in dem Gefeierten Ginas Mann wieder. Sie erinnern sich: Viel Zeit verbrachte das alle Erwartungen auf Academia richtende und den männlichen Hemmungen zum Trotz verheiratete Paar in einer Zweiraumwohnung über einem Parkplatz in Arlington, Virginia. Bis Gina „das renommierte Berliner … Kunststipendium“ erhielt und die Eheleute sich in der deutschen Hauptstadt als arrivierte Zaungäste etablieren.

Gleich mehr.

„Schreiben ist ... ein politischer Akt“, sagt Helon Habila.

Eingebetteter Medieninhalt

Prison Dialogues

Portia Kariku recherchiert die Todesumstände ihres Bruders David. Er wurde von seiner Frau, der Schweizerin Katharina, auf dem Baseler Bahnhof vor einen Zug geschupst. Gleichwohl bereist sie Europa mit einem darüber hinausragenden Interesse. Es gefällt mir, dieses Interesse ethnologisch zu nennen.

*

Exotisch erscheinen Portia „Afrodeutsche, die keine Erinnerung an Afrika haben“, und von denen die aus Sambia gebürtige Lehrerin bislang nur gehört hat. Attraktiv findet sie den Schwarzen Nachbarn ihrer Berliner Airbnb-Wohnung. Portia fängt sofort an zu flirten und zieht ihn in ihren Bann. Der Leser erkennt in dem Gefeierten Ginas Mann wieder. Sie erinnern sich:Viel Zeit verbrachte das alle Erwartungen auf Academia richtende und den männlichen Hemmungen zum Trotz verheiratete Paar in einer Zweiraumwohnung über einem Parkplatz in Arlington, Virginia. Bis Gina „das renommierte Berliner … Kunststipendium“ erhielt und die Eheleute sich in der deutschen Hauptstadt als arrivierte Zaungäste etablieren.

Inzwischen ist Gina in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Der namenlose Erzähler des Romananfangs spiegelt sich glänzend in Portias Wahrnehmung.

„‘Can I help …?‘, wiederholte er. Er sah gut aus, nicht auf die goldige, gefühlvolle Denzel-Washington-Art, sondern zurückhaltender, vor allem wenn er … lächelte.“

Portia schnappt sich den Zurückgebliebenen und bummelt mit ihm durch Berlin und Basel. In einem Antiquariat lassen sich die Akteure so vernehmen:

“He looked at the title:Prison Dialogues, by James Kariku. ‘I remember this book. I had to study it for my secondary school finals’.” “’My father’, she said.”

Das Gewissen Afrikas

Der Namenlose übernimmt die Rolle, die ihm angetragen wurde. Das heißt, er flirtet zurück und kauft einer fliegenden Blumenhändlerin die Rose zum Drink in einer Bar direkt am Mauerpark ab.

Portia stammt aus einer Familie von Kenneth Kaunda*-Gegnern. Sie genoss ihre Erziehung im englischen Exil. Dem Vater gefiel das Nebelland besser als der Mutter, die es nach Sambia zog. Der akademisch gepolsterte Publizist klapperte die Vergabestellen von Stipendien und die Schauplätze der Begünstigungen in Europa ab. Während in seiner ersten Heimat niemand mehr wusste, wer er war, reüssierte er in der weißen Welt als „das Gewissen Afrikas“.

*„Kenneth David Kaunda (*1924) war von 1964 bis 1991 erster Präsident Sambias und einer der wichtigsten … (Akteure) der Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika.“

06:29 28.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare