Tresengrandiosität

Leslie Jamison Der Suff und das Schreiben sind im Iowa'er Kontext dominanzgesellschaftliche Abweichungsmittelmäßigkeiten
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„Verworrenheit und harsche Brüche“ als dominanzgesellschaftliche Abweichungsmittelmäßigkeiten

„Sollte John Berryman das tatsächlich geglaubt haben – dass das Trinken ihm dabei half, die fatale Intensität seiner eigenen poetisch visionären Kraft auszuhalten?“

Die Personalisierung von Absturzgeschichten mündet in aberwitzigen Redunanzen und witzlosen Zuordnungen. „Verworrenheit und harsche Brüche“ lassen sich in jedem Fall feststellen. Der eine kommt aus Connecticut, ein anderer aus Louisiana. Sobald die Kandidat:innen den Campus von Iowa City erreicht haben, gehen sie dazu über, die familienferne Freiheit im Verein mit dem Reputationsgewinn als Verlängerung der Kneipenkreditlinie zu erleben. Das ist ein sozialer Übersetzungsfehler.

Leslie Jamison, „Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung“, aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp, 18.-

Jamison verdient aufmerksame Leser:innen auch deshalb, weil es ihr gelingt, den puritanischen Urschlick und Mutterboden freizulegen. Sie gräbt so tief, dass man ganz einfach versteht, wie konventionell diese amerikanische Avantgarde bleiben muss; da sie ein Produkt der weißen Mittelklasse ist, das von den Pilgrim Parents vorgebetet wurde. Der Suff und das Schreiben sind im Iowa'er Kontext dominanzgesellschaftliche Abweichungsmittelmäßigkeiten. Und so stößt man jemanden auch auf eine Weise vor den Kopf, die alle Nimby-Bedingungen erfüllt. Die Barrymans und Carvers können sich gar nicht so daneben benehmen, dass ihr Verhalten sie ausschließt. Sie bleiben nicht nur im Rahmen, sie reüssieren sogar als Vorbilder.

Sie stiften Legenden. Sie beweisen mit ihrer Extrawurstigkeit, wie daheim sie im Haus des Homo Faber sind, als Ingenieure der Selbstzerstörung und der Sprache. Sie kommen nach Hause, wenn der nüchterne Nachbar seinen Morgenlauf absolviert. Jeder ist froh, nicht in der Haut des anderen zu stecken. Das ist auch ein Irrtum. Man steckt in einer Haut und kommt nicht raus.

Denken Sie an die ketterauchenden Rationalist:innen vergangener Tage. Das waren staubnüchterne Selbstmörder:innen, die sich selbst für absolut mitteschnittig hielten. Heute würde jede(r) schreien, wie krank ist das denn. Vor dreißig Jahren waren das die maßgeblich Gesündesten weit und breit.

Tresengrandiosität

In Iowa City treibt Leslie Jamison ihre eigene Recherche du temps perdu voran. Auf ihrerVoyage au bout de la nuit passiert die mit Burroughs im Gepäck als Invisible Woman Reisende die Atolle, an deren Gestaden berühmte Vorgänger:innen episch strandeten. Ich trete das so pompös und mythenschwül breit wie Jamison selbst, obwohl ich weiß, dass im Dunstkreis der Iowa State University zu Beginn des Jahrtausends eine extrem schüchterne, von Peinlichkeitsallergien gezeichnete Debütantin mit Harvard-Meriten in die Arena trat, um in den Fußstapfen von Dinosauriern der allertrivialsten Tresengrandiosität entgegenzustreben.

Die junge Frau „fühlt (sich) hingezogen zu eben jenen verstörten Funken eines charismatischen Chaos“ in einer kanonisierten, historisch extrem gut gesicherten Sphäre akademischer Verwilderung. Jamison bemüht Susan Sontag, die neben anderen bemerkte, dass das bürgerliche 19. Jahrhundert „Krankheiten zum inneren Dekor des Körpers zählte, Gesundheit hingegen für banal hielt.

Die berühmten Vorgänger:innen schwelgen (im Pathos ihrer ewigen Bedeutungsgegenwärtigkeit) in Begründungsräuschen. Der Suff ist ihnen heilig im Jetzt der verdunsteten Jahrzehnte. Jamison sucht nach Geniezeichen bei den Epigonen aus der eigenen Kohorte. Sie stört es nicht, als Trophäe wahrgenommen zu werden. Im Gegenteil, Jamison erlebt das erotische Interesse der Kommilitonen als Aufwertung, nach einer Mauerblumenjugend.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber meines Erachtens stapelt Jamison mitunter so tief, dass man ihr als älterer Mensch gar nicht mehr in die Degradierungskeller nachsteigen will. Für mich riecht der ganze LJ-Braten nach einer total effektiven Verwertung bis zum schäbigsten Kneipen-Beifang. Jamison ist produktiv bis zum Anschlag. Sie jobbt als Patientinnendarstellerin und wumms, schon macht sich daraus ein Buch. Sie haut sich fünf Wodka Tonic in einer Studierendenspelunke rein und rauscht dramatisch auf in einem imaginären Defilee mit den Großmeister:innen ihrer Zunft.

Wenn der ewig blaue Depp von nebenan als ISU-Dozent aufdreht

Jamison unterschlägt den Reiz der Konstellation. Aus ihrer Isolation gesprengte, hoch heikle Schreibidiot:innen geraten als Vorturner:innen von Kreativschreiber:innen in einen Sog individueller Bewunderung und offizieller Wertschätzung. Unter ihren Jünger:innen sind immer welche, die ihre Körper ins Spiel bringen. Die Begünstigten revanchieren sich mit Verstiegenheiten und die kursieren dann als letzte Wahrheiten. In Wahrheit sind das freibierbasierte Brunstlappenbinsen.

Weißer Rausch/Scharfe Nachtbilder

In manchen Romanen vollzieht sich das Tagesgeschäft in der Unschärfe eines verkaterten und sonnenbrillendunklen Blicks; während Nachtbilder gestochen scharf erscheinen. Leslie Jamison erzählt ihre Geschichte einer Genesung mit großer Sympathie für das schwarze Suff-Setting. Nach einer Faustregel von Jack London unterscheidet sie hellsichtige von schwachsinnigen Trinker:innen. Sie beschreibt die Saufhöhlen- und Räucherkammeratmosphäre im universitären Geltungsbereich. Jenseits der akademischen Demarkationslinie beobachtet die Autorin im Kontext der Sucht ganz andere Szenen; wenn auch alle Akteure vor der selben Postkartenkulisse ihre Krankheit verleugnen. Alle sehen Maisfelder bis zum Horizont. Doch die Landwirt:innen und Armeeveteran:innen machen sich nicht gemein mit dem Exaltierten, die sich von Halluzinationen illuminiert wähnen, und den Budikenzauber fetischisieren.

Die Dozent:innen sagen: Keine Kultur ohne Rausch. Die Rancher:innen halten halsstarrig dagegen.

„Für sie (ist) der Rausch kein mythischer Brennstoff, sondern eine tägliche, betäubende Entlastung.“

Sie leben in ihren eigenen Trugburgen. Immerhin können sie darin nicht Opfer der Verstiegenheit werden, „die fatale Intensität (der) eigenen poetisch visionären Kraft“ mit Alkohol gegen größere Gefahren zu versichern.

Lieber ein Schwein schlachten als ein Buch lesen, sagte man in meiner Kindheit zur Abwehr von Intellektualität.

Ein einsamer Tod beendet ein geselliges Leben

Seine überbordende, breit dokumentierte Hilfsbereitschaft erklärte der Schriftsteller Andre Dubus mit einer katholischen Prägung.

Geboren 1936 in Lake Charles, Louisiana, wächst Dubus unter Schwestern auf, die Baton Rouge und Lafayette heißen. Er absolviert die Christian Brothers’ Cathedral High School und studiert amMcNeese State College.Dubus verkörpert den Typus (die amerikanische Figur) des professionellen Lebensretters, wenn auch nicht im Baywatch-Surfer- oder Bodyguard-Style. Dubus zählt zu jenen muskulösen Christen, die zu den Marines gehen und im Glauben unter Druck immer fester werden. Er verlässt die Armee als (mit Patricia Lowe) verheirateter Hauptmann. So erwachsen nimmt er ein Zweitstudium an der Iowa State University auf. Ich überspringe einiges, um gleich darauf zurückzukommen.

Dubus, inzwischen ein Autor “of some distinction”, geschiedener Vater von vier Kindern, Dozent am Bradford College in Massachusetts, und Partner einer Studentin, beginnt “a rocky hand-to-mouth existence that would take (him) from one run-down former mill town to another along ... (the) Merrimack River“.

Eines Tages wird er als helfender Zeuge eines Unfalls von einem Auto erfasst und irreversibel verletzt. Schließlich stirbt er einsam am Herzschlag.

Die Autorin überliefert einen von Dubus studentischen Empathie-Exzessen im trüben Licht einer Kneipe namens „Airliner“, siehe“Oldest bar in Iowa City. Welcome to The Airliner, where our famous pizza has kept us an Iowa City hotspot for over 7 decades. Our passion is quality products:“

„AlsRichard Yatesmal wieder eine schwere Zeit durchmachte, bot ihm sein Student Andre Dubus an, ihm seine Frau auszuborgen.“

KleineKneipenkunde/Cashonly

Mit spürbarem Genuss veröffentlicht Jamison ihre Kneipenkenntnisse. ImDeadwoodkommt (in der Keimzeit eines neuen Jahrtausends) dieAngry Hournoch vor der Happy Hour und lockt mit sturzbachartigen Preisnachlässen.

Aus den Kommentarspalten

“The Deadwood is a dive bar through and through. The carpets aren't new, the bartenders don't put up with attitude, and it's cash only.”

Ich muss wieder darauf hinweisen, dass die Autorin ihre Geschichte einer Genesung einigermaßen freihändig erzählt. So behauptet Jamison, sie sei nirgendwo anders als an der Iowa State angenommen worden. Wikipedia weiß es besser: „... studierte an der Harvard University, besuchte den Iowa Writers’ Workshop und promoviert seit 2016 an der Yale University.“

Drink & Drive Community

„Wir zwei haben zusammen nichts anderes getan, als zu trinken.“

Diese Essenz einer Freundschaft charakterisiert das Verhältnis vonRaymond Carver&John Cheeverin Iowa.

“When we were teaching in the Iowa Writers’ Workshop in the fall semester of 1973, he and I did nothing but drink … We made trips to a liquor store twice a week in my car.” RC,Quelle

JOHN CHEEVER AND RAYMOND CARVER AT THE IOWA HOUSE

Bei Jamison heißt es „Zu Hause hatte (Cheever) seine Flaschen unter dem Autositz versteckt und seinen Eistee mit Gin versetzt. In Iowa musste er keine Fassade mehr wahren. Carver fuhr ihn jeden Morgen zum Getränkemarkt – der öffnete um neun, also fuhren sie um Viertel vor neun los –, und Cheever machte die Autotür schon auf, bevor der Wagen gänzlich zum Stehen gekommen war.“

Jamison beansprucht eine künstlerische Freiheit, die den Leser dazu zwingt, sich auf Rückstöße der Narration gefasst zu machen. Das erzählende Ich ist einmal wieder nicht identisch mit der trockenen Autorin. Jamison extrahiert Hörensagen und universitäre Memorabilia. In Carvers Erinnerung öffnet der Schnapsladen um zehn, und zwei Mal pro Woche ist nicht jeden Tag.

Die Zitate noch einmal zum direkten Vergleich:

Raymond Carver: “When we were teaching in the Iowa Writers’ Workshop ... he and I did nothing but drink … We made trips to a liquor store twice a week in my car ... But the store didn’t open until 10:00 a.m ... (One) morning, John got out of the car before I could get it properly parked.”

Leslie Jamison: „Carver fuhr (Cheever)jeden Morgenzum Getränkemarkt –der öffnete um neun, also fuhren sie um Viertel vor neun los –, undCheever machte die Autotür schon auf, bevor der Wagen gänzlich zum Stehen gekommen war.“

Bei der Gelegenheit möchte ich anmerken, wie reizend ich immer schon den Standard-Abriss des Cheever’schen Universums finde.

„In satirischer Form warf er einen Blick hinter die Fassade der (in white suburbia) zur Schau gestellten Wohlanständigkeit und zeigte, dass sich hinterden kurzgeschorenen Rasenflächen, den immergleichen Vorgärten und Häusern eine gewaltige Leere auftat, die mit Alkohol, Partnertausch und Intoleranzgegenüber allem Fremden gefüllt wurde.“ Wikipedia

Das ist (nicht ganz) der amerikanische Achternbusch (aus dem Gedächtnis): „Die Gegend hier hat mich kaputt gemacht. Jetzt bleibe ich so lange hier, bis man der Gegend etwas davon anmerkt.“

Historische Abstürze

„Man kann wissen, wie man siegt, ohne fähig zu sein, es zu tun.“ Sunzi

Leslie Jamison liebt verwegene Vergleiche. Glühwürmer auf einem Gartenfest lassen sie an „Blicke eines schüchternen Gottes“ denken. Weiße Hosenbeine leuchten „wie Scheinwerfer in der Dunkelheit“.

LJ studiert an der Universität von Iowa. Unter den Laufwegen des akademischen Parcours fließen wie „unterirdische Wasseradern“ Eskapadenerinnerungsrinnsale.

Suffschoten und Liquorlegenden werden zu Initiationstexten hochgejazzt.Die Debütantin memoriert Überlieferungen „alkoholbedingten Fehlverhaltens … (in) traumhaften Mythen ... Raymond Carver und John Cheever, wie sie in den frühesten Morgenstunden mit quietschenden Reifen auf Supermarktparkplätze (fahren), um ihre Alkoholvorräte aufzufüllen; John Berryman, der in der Dubuque Street anschreiben lässt“.

Leslie Jamison, „Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung“, aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp, 18.-

„Homer aus der Gosse“

“I fear those big words, Stephen said, which make us so unhappy.” James Joyce

Man vergisst leicht, wie Suff riecht und schmeckt. Seine natürliche Umgebung, die Kneipe, bleibt als Umschlagplatz von Ausdünstungen unschlagbar. Selbstverständlich wird überall geraucht. Die Kombination von Alkohol und Nikotin geht beim Austausch von Körperflüssigkeiten in eine furchtbare Verlängerung. Da riecht garantiert nichts besser als die vergessene Socke in der nie geputzten Ecke einer Umkleidekabine.

Die Autorin hört nicht auf, ein romantisches Bild von der saufenden Schriftstellerin zu zeichnen. Außerhalb ihrer Blase würde sie von jederfrau einer nüchternen Kritik ausgesetzt. In der Blase stolpert sie mitDenis Johnson* „in jene Schlucht … in der die gescheiterten Götter sich betrinken“.

Einst beschrieb derSpiegelJohnson als „großkotzigen Homer aus der Gosse“.

*„Er selbst sagte, unter anderem habe er Angst gehabt, keine Texte mehr schreiben zu können, wenn er einen langweiligen und nüchternen Lebensstil gehabt hätte.“ Wikipedia

Narrative Flaute*

*„Wenn Suchtgeschichten sich von der Dunkelheit nähren, von der hypnotisierenden Spirale einer fortgesetzten, sich ausweitenden Krise, dann erscheint die Genesung oft als narrative Flaute, als glanzloses Territorium des Wohlergehens.“

*

Iowa Apartments Near Campus – So heißt eine Agentur, die den Wohnraum für Studierende in Downtown Iowa City makelt. Da landet die Kalifornierin Leslie Jamison in der Dodge -, Ecke Burlington Street. Sie ist einundzwanzig und von jetzt auf gleich ständiger Gast auf den Gartenfesten der Nachbarschaft. Die akademischen Zerstreuungen folgen einem schlichten Schema mit Leuchtgirlanden, Glühwürmern, Grillgut, Stechmücken und „Einmachgläser voller Rotwein“.

„Ich war hier, um am Iowa Writers’ Workshop meinen Master in Kreativem Schreiben zu machen, einem Studiengang, der vor Geschichtsträchtigkeit nur so strotzte. Ich hatte den Eindruck, als verlangte der Studiengang in einem fort Beweise, dass man es verdient hatte, hier zu sein.“

Jamison bewegt sich in einem Milieu, das täglichen Alkoholkonsum als Normalität im Rahmen einer aufgeschlossenen Gemütlichkeit erscheinen lässt.

Nachts treibt die angehende Schriftstellerin Unruhe auf die Straße. „Ich (fuhr) raus aus der Stadt, vierzig Meilen auf der Interstate 80 nach Osten, zur größten Lkw-Raststätte der Welt“.

„IOWA 80 - der größte Truckstop der Welt - Nach seinem Ausbau 1996, der etwa 3,5 Millionen Dollar kostete, ist der Iowa 80 auch offiziell der größte Truckstop der Erde und allein schon aus diesem Grund ein Paradies für Trucker.“ Quelle

Jamison lässt ihre Rauschzeit aufleben. Vor einer Kulisse aus Campus und Maisfeld kokst sie zum ersten Mal in der Gesellschaft eines Kommilitonen, dessen Interesse ihr interessant genug erscheint.

„Eigentlich waren es ja immer die anderen, die wahrgenommen wurden, die Felicitys dieser Welt, aber jetzt legte dieser Typ hier Blood on the Tracks auf.“

Eingebetteter Medieninhalt

Rituelle Überschreitung

Mit fünfzehn trinkt sie zum ersten Mal heimlich. Die Überschreitung vollzieht sich beinah rituell in einer Gemeinschaft Gleichaltriger. Die Heranwachsenden formieren sich zu einer Geheimgesellschaft im Schutz eines Elternhauses. Abwesende garantieren die Abschirmung, während alle Anwesenden nicht wissen, wohin die Reise geht.

In dem Verstoß steckt ein Vorstoß. Die Autorin schildert die Begleitumstände einer Unvermeidlichkeit. Die Jugendlichen trinken, was die Bestände hergeben, und so auch den „Chardonnay, der zwischen Orangensaft und Mayonnaise im Kühlschrank“ steht.

Perfekte Punkte

Fortan liegen Drogen nah. Ihre besitzergreifende Wirkung kommt nicht im Bewusstsein der Gefährdeten an. Die Sachen sind einfach nur in ihrer Reichweite. Eine Konfrontation mit der richtigen Reihenfolge, nach der sie in die Reichweite und in den Sog von Suchtstoffen geraten ist, käme ihr wie eine Verkehrung der Realität vor. Als die Pubertierende zum ersten Mal dem Begehren eines Jungen einen Finger reicht, ist Alkohol im Spiel. Der erste feste Freund „schießt sich gern ab“. Den Point of no Return überschreitet Jamison vollkommen arglos:

„Vielleicht hat der Beginn meines Trinkens auch weniger mit konkreten Momenten zu tun als mit dem Einschleifen von Verhaltensmustern – dem täglichen Trinken. Das begann in Iowa City“.

Die Autorin erreicht in den Zirkeln der lokalen Avantgarde „perfekte Punkte“ erst zwischen dem zweiten und dritten, dann zwischen dem dritten und fünften Wodka Tonic. Auf der Ziellinie „leuchtet (das) Leben von innen“.

Redundanz versus Originalität

Es ist gewiss auch für (wie mit der Brechstange) brutal Belehrte schwer, sich den suggestiven Wirkungen dieser Erinnerungen zu entziehen. Die meisten Alkoholiker:innen in meinen Fächern haben als Aktivsüchtige Meister:innenwerke der in mehr als einer Hinsicht ertrunkenen Literatur gelesen, ohne selbst die Flasche abzusetzen. Ich nenne Malcolm Lowrys „Unter dem Vulkan“. Der Roman schmeckt wie Tequila.

Das Fest des Lebens besteht für süchtige Schriftsteller:innen darin, Trinken, Schreiben und Lesen zu können so viel sie wollen/müssen.

Auf die Reihenfolge kommt es an.

„Von außen betrachtet mag das Trinken als willentliche Selbstzerstörung erscheinen – für (Alkoholiker:innen) ist es so unausweichlich wie der nächste Atemzug“, schreibt Jamison in einer Vorbemerkung.

Der Satz hat es in sich.

Die Brüder Grimm verwahrten sich gegen modische Originalität. Sie wollten die treue Überlieferung, die in der mündlichen Wieder- und Weitergabe den narrativen Kern im traditionellen Kleid transportierte. Märchenerzähler:innen legten ihren Stolz dahinein, feststehende Formulierungen variantenfrei (vulgo fehlerfrei) zu repetieren.

Der Text war Allgemeingut so wie die liturgische Liedlyrik.

In den Kreisen der Anonymen Alkoholiker:innen ächtet man die Eloquenz zugunsten der braven Einsicht, als Alkoholiker:in nichts Besonderes zu sein; keine besondere Geschichte zu haben. Das meldet jedenfalls Jamison.

Aus der Ankündigung

Manchem Künstler, von Raymond Carver über Billie Holiday und David Foster Wallace bis Amy Winehouse, erschien (Alkohol) gar ein Quell der Inspiration. Und auch Leslie Jamison trank, weil sie ihre Mängel verbergen und um jeden Preis besonders sein wollte. Doch dann war das Ausmaß der Selbstzerstörung so groß, dass sie sich Hilfe suchen musste. Und sie erkannte, dass sie erst genesen würde, wenn sie nicht mehr auf ihrer Originalität beharrte.

Mitreißend erzählt Leslie Jamison von ihrer Abhängigkeit und dem harten Weg hinaus. Davon, dass die Loslösung vom Alkohol bedeutet, sein Bild von der Welt und von sich selbst radikal zu hinterfragen und zu verändern. Die Klarheit ist eine persönliche und kollektive Geschichte des Trinkens und des nüchternen Lebens – klug, bewegend aufrichtig und von unverhoffter Schönheit.

Zur Autorin

Leslie Jamison, 1983 geboren, wuchs in Los Angeles auf, studierte in Harvard und promovierte in Yale. 2010 erschien ihr RomanThe Gin Closet. Jamison ist die Autorin vonDie Empathie-Tests, einem der meistdiskutierten Bücher 2015. Sie lehrt an der Columbia University und lebt mit ihrer Familie in New York.

07:59 16.07.2021
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