Tritt in den Arsch des Patriarchats

Meena Kandasamy in der Berliner Literaturwerkstatt
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Sie lebt mit Todesdrohungen. Ihre Bücher werden verbrannt. Ihre Gedichte sind Kampfansagen. Meena Kandasamy kommt als politische Dichterin auf die Bühne. Ihre Verbindung von feministischer Politik und feministischer Poesie folgt einer Dringlichkeit, die in Westeuropa keinen großen Resonanzraum hat.

Mit siebzehn legte Kandasamy los. Ihr erstes Gedicht zog seine Profite aus einem Zusammenhang von Sexualität und Kolonialismus. In der Literaturwerkstatt erklärt die Tamilin: Kultische Prostitution sei immer auch “Hochzeit mit einem Gott” gewesen. Die englische Besatzungsmacht habe das Tempelgeschehen säkularisiert und die Frauen davon abgehalten, indische Kunden zu akzeptieren.

Kandasamy formuliert es drastischer. Ihre Ästhetik des Protests sprengt die Klappen von jeder Sackpfeife. Jemand bezeichnete Kandasamys Hammerstil als “Tritt in den Arsch des Patriarchats”. Daran erinnert Claudia Kramatschek im Gespräch mit der Autorin, die als promovierte Linguistin ein akademisches Ass im Ärmel hat. Ihr th-freies Englisch rappelt wie ein alter Bus.

Sucht man Kandasamy auf Facebook, findet man nur aktivistische Mitteilungen. Sie ist ein Twitterstar. Die deutsche Skepsis gegenüber sozialen Medien ist ihr fremd. Lyrik bedeutet Intervention egal wo. Das Wetter soll erst dann eine Rolle im Gedicht spielen, wenn die Welt besser geworden ist.

Man nannte Kandasamy schon eine “one-woman, agit-prop literary-political movement”. Ich denke an Angela Davis, die hatte auch so eine Somnambuldynamik, als sie die erste Reihe der Welt aufmischte. In ihrem einzigen Roman, “The Gypsy Goddess”, beschreibt Kandasamy ein Massaker in ihrem Heimatstaat Tamil Nadu im Jahr von Mỹ Lai. Sie erzählt von einem Totalversagen der Justiz - dem institutionalisierten Ausbleiben der Gerechtigkeit. Kandasamy sagt, sie habe Maß genommen am Schicksal ihres Vaters, der seine tamilischen Wurzeln kappen musste, um überleben zu können. Ihm diente Bildung als Ausweg.

Kandasamys Vorbilder waren zuerst (de facto) “unberührbare” Schriftsteller. Die Autorin übertrug Außenseiterwerke in die Herrschaftssprache Englisch. Sie spricht von ihrem “Erwachen” in einem Klima der Repression und freiwilligen Selbstkontrolle.

Ihre poetischen Kollektionen heißen “Ms Militancy” (Fräulein Militanz, erschienen bei “Wunderhorn”) und “Touch”. Sie liest daraus vor, das poetische Ich liegt erst mal gefesselt auf einem Bett. Der Wörtermann kommt, es wird zum “Gefäß für seine Erektion”. “So aufgespießt ... tue ich so als ob.”

Eine “Teilzeithexe” taucht auf und “schmiedet Gold”. Hymenjäger nutzen die Nacht, mit dem Fazit: “Es wird kein Blut auf unseren Ehebetten geben.”

Erzählt wird von einem “prüfenden Fick für eine Affäre”. Geraten wird, den Kopf des Liebhabers mit Eiswasser zu kühlen.

Unruhe geht von Kandasamy aus. Sie wirkt wie ihre eigene Stellvertreterin. Sie flankiert sich mit wegwerfenden Bewegungen.

Sie trägt Unbehagen zur Schau. Sie eilt durch ihre Gedichte.

“Come, colonize me, kriech in die Höhlen meiner Landschaft, mach dir da dein Büro “.

“Bevölkere mich mit Liedern.”

“Füll die Leerstellen meiner Haut.”

Fräulein Militanz “bastelt eine Bombe aus ihrer linken Brust”. Sie verwandelt sich “in Pulverdampf”.

Sie wünscht sich ein Englisch, “dass weiße Zungen müde macht”. - “Ein Englisch, dass kleine braune und schwarze Menschen nicht verniedlicht.”

Sie oder ein anderes Ich verzeiht dem Gatten die Untreue. Er kommt pleite heim, sie liefert den Brautschmuck aus, er macht eine Bude auf, eine Woche später wirft man ihr den Mann im Leichensack vor die Füße.”

Literaturwissenschaftlerin Kramatschek führt die Motoren “Anger & Rage” an. Sie findet Kandasamys Gedichte “beweglich”. Sie hat dafür das schöne Wort “Gliederspiel”. “Man fühlt sich direkt angesprochen.” - Und reagiert wie auf spontane Äußerungen, obwohl jede Zeile akkurat angespitzt ist.

Kramatschek zitiert Kandasamy: “Sprache ist nie unschuldig.”

07:33 20.05.2016
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