Trouble Tourism

Divided Cities Festival Der Architekt Ciarán Mackel erinnerte im Literarischen Colloquium daran, dass es eine Zeit gab, in der von Belfast bis Bologna überall in Europa Autobomben explodierten.
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Der Architekt Ciarán Mackel erinnerte auf dem Rewriting the Map-Festival: Literature and Urbanism in Divided Cities im Berliner Literarischen Colloquium daran, dass es eine Zeit gab, in der von Belfast bis Bologna überall in Europa Autobomben explodierten. Das war eine revolutionäre Zeiterscheinung.

Ein Moment des Friedens am Wannsee, rechts Sinéad Morrissey. Als Kind erlebte sie, dass ein katholischer Name reicht, um Ärger in einer protestantischen Gegend von Nordirland zu kriegen.

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Der revolutionäre Kampf folgt einem Prinzip. Man provoziert staatliche Repression und entschleiert so die Hässlichkeit im Bestehenden bis zur Kenntlichkeit des Bösen. Mit der Erwartung, dass sich das Volk gegen die Machtmaschine empört.

Die Revolutionäre leiten eine Regression beim Staat ein, die sie erfasst. Schnell werden die Aktionen zum Selbstzweck und ergeben sich aus Überlebensnotwendigkeiten bis hin zur Beschaffungskriminalität. Auch da, wo es einer revolutionären Gruppe gelingt, sich als normative Kraft auf ein Milieu auszuwirken, fehlt ihr die Gewaltlegitimation. Situativ funktioniert sie wie ein entmachteter Staat, der seine Ansprüche nicht mehr durchsetzen kann. Die fehlende Gewaltbasis erzeugt ein Ungleichgewicht. In dieser Krise geht die revolutionäre Truppe zum Terror über und erhöht so den Druck auf sich selbst. Die Zeit der Autobomben ist gekommen. Ihren Platz in der Hierarchie der revolutionären Mittel findet die Autobombe kurz vor der Gruppenerosion.

Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg sieht Emily Bereskin ein ausgebranntes Auto auf einem Bürgersteig der wegen der sogenannten Murals bekannten Rossville Street im Bogside Distrikt von Derry. Sie gibt ihre Verwunderung preis.

„Nothing to worry about“, sagt ein Begleiter. „Some teenager left that there as a gift for the tourists.“

Man könnte auch von einem nicht unbedingt ironischen Kommentar zum Trouble(s) Tourism reden. (Die Iren bezeichnen den Nordirlandkonflikt als Troubles.) Das ausgebrannte Fahrzeug symbolisiert ein bestimmtes Konfliktstadium. Es taucht auf wie ein Menetekel. Leute, die in den Konflikt verwickelt waren, reden gern von dem Bau der Titanic auf einer Belfaster Werft als dem irischen Großereignis des 20. Jahrhunderts. Das Schweigen der Kombattant*innen wird in stehenden Redewendungen gelehrt. Bogside war eine Hochburg des irischen Nationalismus. Die Murals sind Wandbilder. Sie dokumentieren Konfliktgeschichte in einem patriotischen Kontext. Auf einer Art Ortseingangsschild stand einst You are now entering Free Derry.

Stärke kennt keine Scham

Der gallische Dorfcharme wird den Sicherheitskräften in den Sechziger- und Siebzigerjahren entgangen sein. Auch in dem Geist von Boside dräut eine Grenze. In der befreiten Zone kam zu der normativen Kraft die „legitime“ Polizeigewalt der IRA. Drei Dinge lassen sich an dieser Stelle gut erkennen.

Erstens. Keine Gruppe kann dauerhaft ungeregelt Gewalt ausüben. Sie braucht das Einverständnis der ihrer Gewalt Unterworfenen.

Zweitens. Ohne ein Zusammenspiel von normativer Kraft und „legaler“ Gewaltpraxis halten Unterworfene nicht still.

Drittens. Der Staat behauptet sich gegen solche Sezessionen wie in Free Derry schamlos. Er nimmt die unattraktiven Wirkungen der Regression/Repression in Kauf. Siehe hierzu auch die Interventionen der Bundesregierung gegen die RAF.

Angeführt von Gusty Spence, stellten Peter Wards Mörder dem jungen Mann eine Frage

Während Autobombenexplosionen eine Stagnation der revolutionären Kraft signalisieren, sprechen beinah zufällige Tötungen im öffentlichen Raum die Sprache des Übermuts, der jedem Anfang innewohnt. Mackel erwähnt Peter Ward, dem nach Mackels Darstellung ersten Toten der Troubles. Tatsächlich war Ward der Zweite. Dazu morgen mehr.

Ward starb am Abend eines sonnigen Tages im Juni Sechsundsechzig auf der Belfaster Shankill Road. Seine Mörder, angeführt von Gusty Spence, stellten Ward eine Frage. Die Antwort identifizierte ihn als Katholiken.

Es war die Frage nach seinem Arbeitsplatz. Weder das Aussehen noch die Mundart unterschied die einen von anderen Nordiren.

Ward kam gerade aus einem Hotel, in dem in jenen Jahren The Dubliners auftraten. Es hätte auch jeder andere sein können, so schmal war diese Grenze – beinah unsichtbar. Man musste sich erst informieren. Weil das ein unhaltbarer Zustand war, vertrieb man später im Jahrzehnt Leute aus ihren Wohnungen, um religiös homogene Nachbarschaften zu konstituieren.

Aus der Ankündigung

Anlässlich des 30. Jubiläums des Mauerfalls in Berlin richtet das Literarische Colloquium Berlin ein Festival zu Literatur, Kunst und Urbanismus in geteilten Städten Europas aus. Mit Gästen aus Belfast, Mostar, Nikosia und Berlin diskutieren wir das Zusammenspiel zwischen der spezifischen räumlichen Struktur dieser Städte und der Kunst, die dort entsteht. Zusammen mit Schriftsteller·innen, Architekt·innen, Stadtplaner·innen, Historiker·innen sowie Performance-Künstler·innen werden die Folgen innerstädtischer Grenzen auf kollektive Wahrnehmung und das kollektive Gedächtnis beleuchtet und die Mittel aufgezeigt, mit denen Grenzen aufrechterhalten, aber auch umgangen, überwunden und aufgelöst werden. Wir setzen uns mit den Folgen langjähriger Teilung und Exklusion in Teilen des Kontinents auseinander und nehmen unterschiedliche urbane Konstellationen in den Blick.

Bald mehr.

12:08 30.07.2019
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