Tschekistischer Gewalt-Diskurs

Ministerium für Staats... Erich Mielke predigte den tschekistischen Gewalt-Diskurs. Der MfS-Chef postulierte Skrupellosigkeit: „Hinrichten, wenn nötig auch ohne Gerichtsurteil.“
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Struktur einer kriminellen Vereinigung

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) beschäftigte neunzigtausend offizielle Mitarbeiter:innen. Die Akteure wurden eingeschworen auf die Devise:

„Sicherheit geht vor Recht.“

Erich Mielke predigte den tschekistischen Gewalt-Diskurs. Der MfS-Chef postulierte Skrupellosigkeit:

„Hinrichten, wenn nötig auch ohne Gerichtsurteil.“

Mielke schwadronierte über Ausflüge mit Tötungsabsichten im Feindesland. Käme es zu Festnahmen und Verurteilungen der Attentäter:innen, sollten die Delinquent:innen revolutionär-reuelos vom Leder ziehen:

„Jawohl, den hab‘ ich im Auftrag meiner proletarischen Ehre erledigt.“

Wolfgang Welsch, Widerstand. Eine Abrechnung mit der SED-Diktatur, Lukas Verlag, 379 Seiten, 30,-

Der in einer leidvollen Praxis mit den Stasi-Methoden vertraut gemachte Autor entschlüsselt die „Struktur einer kriminellen Organisation“. Zum ersten Mal fiel Welsch der Stasi 1964 nach einem gescheiterten Fluchtversuch in die Hände. Von jetzt auf gleich sah er sich „einer Gewalt ausgeliefert, die (er) nicht für möglich gehalten hatte“.

Aus der Ankündigung

Wolfgang Welsch beschreibt die Strukturen des Ministeriums für Staatssicherheit sowie seiner Auslands-Spionage-Abteilung und geht dabei auf die Mittel und Methoden der Stasi ein, die bis hin zu Entführungen und Mordaufträgen reichten.

Im Zentrum seines neuen Buches jedoch steht der Widerstand gegen die SED-Diktatur. Flucht, Fluchthilfe und Ausreise sind für ihn originäre Widerstandshandlungen, wohingegen der Autor der Bürgerrechtsbewegung widerständiges Verhalten weitgehend abspricht. Weder die Kirchen noch die verschiedenen dissidenten Bewegungen leisteten per se Widerstand, sondern neigten dazu, das sozialistische System nur reformieren zu wollen. In den Medien, in der Literatur und in der Forschung werden diese Vorgänge teilweise schief und undifferenziert dargestellt, beklagt der Autor. Die gängige Aufarbeitung der SED-Diktatur sei insofern gescheitert, als den SED- und MfS-Opfern nicht Gerechtigkeit in Form einer angemessenen Restitution gewährt wird. Dagegen sind die Täter ungeschoren davongekommen, belastende Akten wurden ungestraft vernichtet. Die Bundesrepublik Deutschland hat es bis heute versäumt, ihr damaliges Versagen gegenüber der Gewaltherrschaft einzugestehen; die Gerechtigkeit ist auf der Strecke geblieben.

Zum Autor

Wolfgang Welsch, geboren 1944, absolvierte die Oberschule und studierte in Ost-Berlin Schauspiel, bis er nach einem Fluchtversuch 1964 von der Stasi verhaftet wurde. Nach seinem Freikauf 1971 studierte er in der Bundesrepublik Soziologie und Politik und promovierte 1977 in England. Daneben verhalf er vielen Menschen zur Flucht aus der DDR. 1981 überlebte der Widerstandskämpfer gegen die SED-Diktatur nur knapp mehrere Mordanschläge von Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit. Er ist als Publizist und Politologe tätig. Für seine Verdienste um die Menschenrechte wurde ihm 2015 im EU-Parla­ment Strasbourg die Robert-Schuman-Medaille verliehen.

18:25 05.07.2021
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