Überintegriert

Migration Eine Geschichte der Gastarbeit XVIII. - In der Sehnsucht nach Homogenität steckt ein Wille zur Abspaltung, Verminderung, Verkleinerung.
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Jahrzehnte später sitzt Luciano in dem Laubengang der Besenwirtschaft, die zur Wildemann Mühle und zu dem von Karl Mildenberger gegründeten Reiterhof gehört, den Fred übernommen hat. Fred ist ein Enkel von Micha und Micha behauptete, seine Herkunft zurückverfolgen zu können bis in die Ära der Chasaren.

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Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

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Amiran erzählte mir seine Geschichte mit der Erwartung, dass ich daraus eine glänzende Biografie mache, die er seinen Kunden mit auf den Weg geben kann. Daraus wurde nichts. Stattdessen stiegen wir immer tiefer in die Keller unspektakulärer Tatsachen. Amiran zahlte gut und freute sich über meine Einfälle. Da ich mich keinen Einschränkungen ausgesetzt sah, blieb ich munter und interessiert. Alle drei Monate besuchte ich ihn an einem Wochenende, er holte mich am Bahnhof ab, lud mich zum Essen in einem Landgasthof nach meinem Geschmack ein und unternahm mit mir Spaziergänge in der Klingenbacher Aue, einem Moor mit eigenem Klima. Bei einer dieser Begegnungen arrangierte Amiran ein Treffen mit seiner ersten Freundin. Daraus ergab sich eine Brieffreundschaft zwischen Hanna und mir. Im Gegensatz zu dem herkunftsindifferenten und in seiner Gleichgültigkeit stilsicheren Amiran problematisierte Hanna ihre kurdisch-türkische Familiengeschichte in Aufwallungen und Abschweifungen. Wir beide hatten viel über ethnische Differenzen und Dominanzgesellschaften nachgedacht. Ich hatte mich mit der Migration als Journalist ein Vierteljahrhundert über Wasser gehalten. Das war unser unique selling point (siehe Böhmermann/Polak) . In einem Spiegel sieht man die Kontrastlosigkeit solcher geistigen Single-Existenzen so deutlich, dass man das nach einigen depressiven Anwandlungen wieder produktiv machen kann. Hanna redete und redete, das heißt, sie schrieb sich die Finger wund. Nicht immer ging es um Migration. Manchmal ging es auch um Gott, Magie und Impaktkrater.

Die Geschichte der Gastarbeit muss noch geschrieben werden.

Luciano war zehn, als ihn ein hartes Los zum Ernährer der Familie bestimmte. Er besprach sich mit der Großmutter, die noch längst nicht Vierzig war und keine Gelegenheit bekommen hatte, im Daseinsverdruss fett zu werden.

Im Grunde ihres Herzens war sie die übertrieben starke Minderjährige geblieben, die einem zurückhaltenden Jungen anvertraut worden war. Der Junge hatte bis zu seinem unnatürlichen Tod keinen Eifer, aber einen tiefen Ernst gezeigt.

Die Großmutter riet Luciano, seine Familie als Scherenschleifer zu ernähren. Doch sah ihn nie jemand etwas anderes abziehen als sein Rasiermesser.

Die Familie drängte sich in San Luca über dem Chemiemonsun einer Wäscherei. In ihrem Dorf herrschte ein Regime gelockerter Leibeigenschaft. Verbrecher bestimmten Lebensläufe, angeblich von jeher.

Seit dem Tod seiner Mutter war Luciano die Stütze seiner Großmutter und nach ihr die wichtigste Person im Haus. Er ging in sich und fand da auch eine Lösung. Er besorgte sich eine Polaroid-Kamera und bat an der richtigen Stelle um Genehmigung für eine Ambulanz. Fortan fotografierte Luciano Touristen. Für die Abzüge verlangte er einen fairen Preis. Das Geschäft lief gut. Luciano vergrößerte sein Revier. Endlich klapperte er wie ein Scherenschleifer die Küste der Götter ab.

Die Westküste Kalabriens steigt über dem Tyrrhenischen Meer auf. Etrusker, Griechen, Römer, Vandalen, Normannen, Genueser, Spanier und Franzosen waren Luciano vorausgegangen. Er kam nach Gioia Tauro, bekannt für seinen Containerhafen. Kolumbianisches Koks erreicht da Europa. Die Importeure tarnen sich als Olivenölmagnaten. Man kümmerte sich um den jungen Mann. Sein anstelliges Wesen schrie nach Verwendung. Die Arbeit als Fotograf lehrte Luciano das Handwerk des Regisseurs als einer Spielart der Herrschaft. Er inszenierte Szenen lebhafter Freude und stellte einmalige Augenblicke. Mochten sich die Leute fühlen wie sie wollten, auf seinen Fotos sahen sie gut aus. Luciano begriff, dass er sie in Sekunden neu erschuf. Er war ein Verführer von Männern und Frauen, die ihm nichts bedeuteten. Er verachtete sie. Ihre Leichtgläubigkeit fand er lächerlich.

Ein Bekannter seiner Großmutter nahm Luciano mit nach Tropea. Vierzig Meter über dem Meer sitzt die Siedlung auf einem Felsen. Man sieht Stromboli. Luciano verwandelte wieder Leute in Bilder. Am besten gefielen Luciano jene, die sich nicht bewegen ließen, die in ihrer Gleichgültigkeit die Kraft für eigensinniges Verhalten entdeckten. Sie nahmen sich die Fischplatte vor, schlenkerten eine Nudel zum Mund und schenkten sich nach, während ihre Angehörigen und Freunde auf den Strandräuber hereinfielen.

Jahrzehnte später sitzt Luciano in dem Laubengang der Besenwirtschaft, die zur Wildemann Mühle und zu dem von Karl Mildenberger gegründeten Reiterhof gehört, den Fred übernommen hat. Fred ist ein Enkel von Micha und Micha behauptete, seine Herkunft zurückverfolgen zu können bis in die Ära der Chasaren – einer kaukasischen Macht am Kaspischen Meer, die von der Kiewer Rus im 10. Jahrhundert aus der Bahn geworfen wurde, so dass wir heute nicht mehr viel über das Reich der Chasaren wissen. Die Waräger-Ruderer sind uns aber so vertraut fast wie Gegenwärtige. Ihre Prominenz mag sich jeder anders erklären. Ich verliere mich gern in der Doppelgesichtigkeit dieser Migranten, die Handel trieben, wo ihnen Raub nicht praktisch erschien.

Hello again. Ich schreibe seit Monaten an einer Geschichte der Gastarbeit und habe eben zwei sehr unterschiedliche Biografien zusammengelegt, ermächtigt von der Tatsache, dass Luciano und Micha in Finkenherd zuhause waren. Micha ist schon lange tot und Luciano lebt schon lange in Hainweiler.

Luciano führt immer noch ein Restaurant in Finkenherd. Er hat die Mädchennamen der Finkenherder Ehefrauen parat sowie die Berufe ihrer Väter und alle einheimischen Stammbäume und großväterlichen Eigenarten. Für ihn beginnt die Dritte Welt an einer Gebietsgrenze, die außer ihm keiner kennt. Er karikiert Integration in der Übererfüllung – Luciano ist überintegriert in einem abstammungshörigen Milieu.

Wo Herkunft wichtiger ist als Effizienz, da herrscht die Vergangenheit über die Gegenwart. Das ist die wichtigste Bedingung für Homogenität. In der Sehnsucht nach Homogenität steckt ein Wille zur Abspaltung, Verminderung, Verkleinerung.

Micha war Produktionshelfer im Kasten. Seine Söhne und Töchter haben zwar studiert und sich verstreut, doch sind sie ihre ehelichen Verpflichtungen in einem Rahmen eingegangen, der vor ihnen noch in der Sowjetunion abgesteckt worden war. Sie vererbten ihre Bergweltgesichter. Freds Züge beglaubigen den Herkunftsriemen. Seit drei Jahren managt er den Reiterhof neben der Wildemann Mühle. Da erreicht die Salm beinah Finkenherd. Der Bach streift die Klingenbacher Aue (ein weiterwachsendes Moor mit eigenem Klima) und bricht aus der Wildemann Schlucht in die Fulda. Nichts markiert die Gegend stärker als die Hochburgruine Blasenstein auf einem singulären, im Landkreis Bärenbuckel genannten Basaltbrocken. Die Burg erfüllte grenzsichernde Aufgaben. Entlang ihrer Kriechgänge und vorgelagerten Schanzen verliefen Grenzen. Da endete einmal das Christentum.

Fred erscheint als verkappter Aussteiger, der sich nicht traut, dem Überfluss zu entsagen und sich auf einem Parkplatz am Rand der Welt in ein stillgelegtes Auto zurückzuziehen. Als Kind war er oft im Kasten; natürlich kennt er Amiran. Er will sich nicht zu dem Unternehmer äußern.

Wie du dich drehst, überall stößt du auf Migration, angefangen bei den Sachsen die hier von den Franken und zu Franken gewordenen Unterworfenen verdrängt wurden. Hanna behauptet, auch Amiran sei einst geschichtsinteressierter und der Landschaft seiner Kindheit und Jugend zugewandter gewesen als er nun zuzugeben bereit sei.

Wir gehen weiter, weg von Fred und seiner unbedeutenden Abwehr. Aus der Ferne sieht der Hof aus, als stünde er in Texas.

„Er mag dich nicht“, stellt Hanna fest.

„Kennst du ihn gut?“ frage ich ohne Interesse.

„Er war in mich verliebt, als ich die politische Kurdin gespielt habe. Das war nicht meine beste Zeit.“

Ich stelle mir Hanna in einem an den Haaren herbeigezogenen Furor vor.

Amiran stößt zu uns, er unterbricht uns gnadenlos, wie stets gibt den Gastgeber; selbstverständlich bezahlt er nicht nur die Zechen im Schluchthof, sondern auch unsere Übernachtungen da. Ihm zuliebe dreht sich das Gespräch einmal wieder um den alten Analphabeten, der in Siebzigerjahren aus sich einen Fabrikherrn gemacht hat, nach der vollständigen und unerklärlich rabiaten Verdrängung des Gründervaters Anton Schlosser. Mainschuh stand kurz vor der Pleite. Es kam zu Entlassungen und als wieder Leute gebraucht wurden, griff der neue Chef nicht mehr zurück auf die im Maschinenraum zu Arbeitern in festem Lohn aufgestiegenen Tagelöhner und ihren Nachkommen aus der Gegend. Er vermied auch die Beschäftigung von Gastarbeitern aus Portugal, Spanien, Italien, Griechenland und der Türkei.

Amirans Großvater gab südvietnamesischen Flüchtlingen, die über das Südchinesische Meer so desperat geflohen waren, wie die Leute jetzt über das Mittelmeer kommen, den Vorzug. Ferner stellte er Emigranten aus der Sowjetunion ein, die lange vor den deutschstämmigen Spätaussiedlern und anderen GUS-Auswanderern nach Deutschland gekommen waren. Das waren Juden, die vom Judentum nichts oder nur wenig wussten, so wie Amirans Großvater sich in seiner Differenz auf nicht mehr beziehen konnte, als auf die Tatsache, dass seine Ahnen aus Georgien in das Osmanische Reich eingewandert waren und da eine sichtbare, wenn auch nicht anerkannte Minderheit gebildet hatten. Sie waren anders geblieben und am Ende war das die einzige Information, die diesen Großvater erreichte. Sie reicherte die Armutsbilder seiner Kindheit an.

Er begründete seine Einstellungsentscheidungen mit zwei Argumenten:

Die Neuen besitzen die Pionierenergie der Auswanderer. Sie sind genügsam, ausdauernd, dankbar.

Die Neuen haben nichts außerhalb des Kastens. Ihr Leben in Deutschland geht von der Fabrik aus. Bereits in Finkenherd erwarten sie Erniedrigungen.

Amirans Großvater machte aus Anton Schlossers Heimsauna (neben dem Atombunker) einen Freizeitraum für seine Produktionshelfer*innen. Das Angebot wurde weitgehend ignoriert. Alle hatten etwas Besseres zu tun, als abzuhängen. Während kein Vietnamese lang blieb, nutzten die Russen die Fabrik dauerhaft als Ausgangspunkt ihrer Expansionen. Sie bereiteten ihren Nachkommen in Finkenherd den Boden und blieben in den überkommenen Heiratsgemeinschaften. Amirans Vater hatte fast nur noch Russen um sich und nicht einen Autochthonen mehr.

Einwanderer waren also an der Verdrängung von Einwanderern beteiligt. Sie hegten die gleichen Vorurteile wie die Leute aus der Mehrheitsgesellschaft.

08:55 09.11.2018
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