Französische Null

Literatur Mehr zu "Frostmond" - Frauke Buchholz gelingen überzeugende Charakterbilder.
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Hangover-Blues - Was zuvor geschah

Eine Wasserleiche motiviert das Geschehen. Der durch Prozesse des Elementaren geschleuderte Körper einer Fünfzehnjährigen, die schwanger starb, verdirbt dem frankokanadischen Polizisten Jean-Baptiste LeRoux den Hangover-Blues nach einer wilden Nacht. Jean-Baptiste identifiziert die Tote als Jeanette Maskisin …

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Der Tod einer schwangeren Ausreißerin setzt den Roman in Gang. Jeanette stammt aus einem Cree-Reservat in der kanadischen Tundra. Nun müssen Jean-Baptiste LeRoux und sein Kollege Ted Garner die urbane Komfortzone verlassen.

Überzeugende Charakterbilder

Frauke Buchholz gelingen überzeugende Charakterbilder. Ihre Ermittler ergänzen sich in vollkommener Gegensätzlichkeit. Jean-Baptiste LeRoux hängt am Tropf eines städtischen Lebensstils. Wildnis beunruhigt ihn auch da, wo sie als Slum zum urbanen Saum wird. Immerhin Jean-Baptiste die Verachtung für das indigene Elend in kanadischen Reservaten. Den tendenziell sexsüchtigen und ganz bestimmt alkoholkranken Montrealer treiben Vorurteile nicht an; während Ted Garner von Ressentiments gesteuert wird. Dafür quält den anglophonen Profiler aus Saskatchewan nicht die Angst vor den Kleinausgaben unserer ausgestorbenen Riesenfauna. Jeder Bär muss darauf gefasst sein, von Ted am Kragen gepackt zu werden. Rabiat verschafft sich der Vollblutpolizist Zutritt und Abneigung auf den Schauplätzen seiner Investigationen.

„Gab es hier Bären? Bestimmt. (Jean-Baptiste) war in Montreal geboren und hatte sein ganzes Leben in der Stadt verbracht. Diese Stille machte ihn nervös.“

Frauke Buchholz, „Frostmond“, Roman, Pendragon Verlag, 288 Seiten, 18,-

Ted hält Jean-Baptiste für eine Riesenpfeife, gleichsam für eine französische Null. Aber auch das Führungspersonal in der Exklave erscheint ihm bodenlos unzulänglich. Der weißen Spürnase fehlen Antennen für eine Gefahr, die von einer naturnahen Daseinsform rührt. Bei diesen First-Nationalisten sitzen die Messer locker. Jedenfalls suggeriert das die Geschichte.

In der Kammer eines Cousins der Ermordeten entdeckt Ted einen Steel Action Repetierer. Der Polizist fragt sich, wie so eine Waldslumbewohner zu einer teuren Büchse kommt.

Ist das schon Rassismus?

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Laurentischer Schild

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Spätherbstliches Nirgendwo

Die Ermittler überfliegen den Laurentischen Schild, der den geologischen Kern des Kontinents exponiert. Er „besteht aus archaischem und proterozoischem Kristallingestein. Die weltweit bislang ältesten bekannten Gesteine (sind) mehrere Milliarden Jahre alt.“

Gemessen an erdgeschichtlichen Marken erscheint die Geschichte der humanen Erschließung des Raums als Pups im Abendwind.

Prekäre Elternhausverhältnisse

Jean-Baptiste LeRoux und Ted Garner landen schließlich in einem spätherbstlichen Nirgendwo namens Niskawini. Sie müssen sich mit allem beeilen, denn wenn erst einmal der Frost seine Zähne in das wilde Fleisch der Erde geschlagen hat, bringt keine Buschfliegerin die Polizisten zurück in die Zivilisation. Ein Kollege von der Niskawini Police Force pickt Jean und Ted sowie die eingesargte Leiche (der im Alter von fünfzehn Jahren ermordeten Jeanette Maskisins) in einem schwarzen Van auf.

Der Stammesbeamte Jérôme Voyageur verstreut Tabak auf dem Sargdeckel.

Jean und Ted erfahren, dass Jeanette nicht nur außerordentlich hübsch war, sondern auch den Ehrgeiz aufbrachte, ihre prekären Elternhausverhältnisse zu überwinden.

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Kanadischer Femizid

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„Küsschen links, Küsschen rechts.“

Die Gerichtsmedizinerin macht jedem schöne Augen. Jedenfalls behauptet das der ewige verkaterte Ermittler Jean-Baptiste LeRoux. Abgesoffener kann kein Held sein als dieser Sergeant der Sûreté du Québec. LeRoux nennt die Koryphäe „die Lamartine“.

„Zuckersüße Stimme. Einladendes Lächeln. Harter Blick. Die hatte ihm gerade noch gefehlt.“

„Hoffentlich hast du gut gefrühstückt. Wir haben eine angeschwemmte Pocahontas. Schön durchweicht.“

Eine Welle der Übelkeit droht LeRoux wegzuschwemmen. Unter den achtzehn Frauen, die in den letzten fünf Jahren spurlos verschwanden, sind siebzehn Angehörige der First Nation. Siehe hierzu:

The story behind the story

Frauke Buchholz benennt selbst in einer Story behind the story ein Agens ihrer Produktivität:

„Die Idee zu diesem Buch resultiert aus meinem beinahe lebenslangen Interesse an (der amerikanischen First Nation). Als ich 1980 im Alter von zwanzig Jahren zum ersten Mal in einem Reservat in Nord-Alberta war, war ich beeindruckt von der Gastfreundschaft, Warmherzigkeit und dem grandiosen Humor der Cree. Ich arbeitete als Praktikantin einige Wochen in der Reservatschule und wohnte bei einer (indigenen) Familie, die mich aufnahm wie eine Tochter. Doch auch das Land Kanada mit seiner unglaublichen Weite und beinahe unberührten Wildnis hatte es mir angetan. In den folgenden Jahren reiste ich immer wieder quer durch das Land und besuchte regelmäßig meine Cree-Freunde im Reservat, fuhr mit ihnen zu Powwows und durfte an Zeremonien wie der Sweating Lodge teilnehmen. Als ich im Anschluss an mein Lehramtsstudium über zeitgenössische indianische Literatur promovierte, bereiste ich im Rahmen eines DAAD-Stipendiums viele Reservate in den USA, darunter die Blackfeet in Montana, die Sioux in South Dakota, die Navajo und Hopi in Arizona und New Mexico. Immer wieder faszinierte mich die Lebendigkeit und Stärke der Tradition trotz oft schwieriger Lebensverhältnisse.2014 reiste ich nach vielen Jahren erneut nach Kanada, dieses Mal (in die Provinz) Quebec. Die (frankophone Kapitale) Montreal mit ihrer einzigartigen Mischung aus nordamerikanischer und französischer Kultur begeisterte mich, so dass ich sie spontan als Setting meines Romans wählte. Das Tatopfer sollte eine junge Stadtindianerin sein. Mir schwebte ein Serienmord vor, alles andere war noch sehr vage. An diesem Punkt geschah etwas Seltsames: Im Internet stieß ich zufällig auf einen Bericht über das Verschwinden vorwiegend Frauen der First Nation in Kanada. Ich hatte vorher noch nie davon gehört. Je mehr ich recherchierte, desto traurigere Geschichten offenbarten sich. Das Schicksal dieser Frauen und Mädchen und die vielen unaufgeklärten Morde gingen mir ans Herz. Ich hatte mein Thema gefunden, doch vielleicht hatte das Thema auch mich gefunden. Dennoch ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich um ein fiktives Werk handelt. Das Reservat „Niskawini“ ist kein realer Ort, und der Ich-Erzähler vermittelt zwar Einblicke in die Lebensweise der Cree, doch bleibt er eine frei erfundene Romanfigur. Seine Gedanken und Handlungen sind genauso wenig repräsentativ für die Cree-Kultur wie die der weißen Protagonisten für die kanadische. Somit ist Frostmond vor allem eins: ein Krimi mit Lokalkolorit, der für spannende und anspruchsvolle Unterhaltung sorgen will!“

*

Die ersten Konfliktlinien, von denen der Roman profitiert, ziehen Grenzen zwischen ursprünglichen Daseinsformen und euro-kanadischen Formaten. Die zweite Spannung baut sich im Verhältnis zwischen den eingesessenen Polizisten franco-kanadischer Provenienz und dem hinzugezogenen anglo-kanadischen Profiler Ted Garner auf. LeRoux wittert in dem Mann aus Saskatchewan einen Karrierehengst.

Buchholz variiert ihr Genre mit altmodischen Valeurs. Eine schnucklige Marie versorgt die Beamten „im kurzen Rock und in (einem) eng anliegenden Pullover“ mit Kaffee. LeRoux „zwinkert ihr zu und (Marie) lächelt“ so einverstanden wie in den alten Tagen der unangefochtenen männlichen Vorherrschaft.

Auf Maries „sexy Hintern“ folgt Célines Zugänglichkeit. Gierig erwartet LeRoux die „im Musée des Beaux-Arts jobbende“ Künstlerin in einer Absteige. Er füllt seine Mittagspause nicht allein mit Vorfreude. Ich schenke mir die saftige Schilderung.

Garner hasst Teamwork

Der kaltäugige Profiler erkennt sofort eine Äquidistanz zwischen Geilheit und Trägheit im Fall des eingesessenen Polizisten, dem die ermordeten Frauen gleichgültig sind. Garner zieht LeRoux in eine Spirale der Effizienz, obwohl er „Teamwork hasst“. Er begegnet Sophie LeRoux. Die von Schopenhauer eingenommene, blendend schöne Gattin eines sexuell aushäusig-hyperaktiven Alkoholikers stillt den Hunger eines Mangels im Gespräch mit Garner. Der Fremde fühlt sich unbehaglich in erkalteten Verhältnissen.

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Pocken gegen Perlen

La fondation de Montréal: une histoire de coureurs des bois

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In Montreal steckt der königliche Berg. Als man anfing, den kanadischen Landschaftsmarken europäische Namen zu verpassen, wurden die einen mit den Perlen der anderen reich, während die Perlentaucher an den von Kolonisatoren eingeschleppten Pocken starben. Daran erinnert Frauke Buchholz in ihrem Roman Frostmond. Angesichts der „Schiffe im Vieux-Port de Montreal“ fokussiert eine jähe Rückblende die Keimzeit der Exploitation.

„1611 (wurde) am Fuße des Mont Royal (Real) der erste Handelsposten (errichtet). Damals fuhren sie in hölzernen Kanus stromabwärts, vollbeladen mit den Fellen von Bibern, Silberfüchsen, Mardern, Luchsen und Wölfen.“

In der Handlungsgegenwart treibt die Leiche der fünfzehnjährigen Jeanette Maskisin zunächst unbemerkt im St. Lawrence Strom. Zu einer anderen Stunde feiert Chris Ballandines seinen letzten Arbeitstag am Strand mit einem Joint. Chris studiert Geschichte und Sozialwissenschaften an der Mac Gill University, wäre aber lieber ein Abenteurer vom Schlag des Jacques Cartier, „der 1535 als erster Weißer …“

Ein Abriss

Sebastian Cabot war bei seinem Vater, dem venezianischen, vielleicht auch genuesischen Navigator Giovanni Caboto aka John Cabot aka Zuan Caboto, in die Lehre gegangen. Caboto hatte sich um 1490 in den englischen Handel mit Island eingeschaltet. Ihm wurde ein portugiesischer Staatsschatz in die Hände gespielt, die Seekarte des João Vaz Corte-Real, dem ersten portugiesischen Statthalter auf den Azoren. Man vermutet, dass der Ritter vor dem Jahr 1450 allgemein unbeachtet Neufundland erreichte. Manche nehmen ihn als den Entdecker der Terra do Bacalhau, einer nach dem Stockfisch benannten Phantominsel, die in Erzählungen des 15. und 16. Jahrhunderts Gestalt annimmt. Den historischen Kern der Sage lokalisieren nüchterne Leute auf einer nordatlantischen Insel, die heute zur kanadischen Provinz Nova Scotia gehört. Eine Weile nannte man sämtliche Inseln des Lorenzgolfes „das Land der Cortereals“ (João Vaz Corte-Real folgten drei Söhne auf See) und auch Bacalhau-Eilande. Französische Fischer gaben den Zuschreibungen mit Île Royale und Île du Cap-Breton ab 1504 eine durchsetzungsfähige Richtung.

1497 landete Coboto an der Küste Neufundlands und nahm die tundrische Natur für Heinrich VII. als Terra de Prima Vista in Besitz. Der englische König wähnte sich bereits von den Spaniern und Portugiesen abgehängt.

Den lateinischen Katholizismus verschrie der englische Volksmund als spanische Seuche. Engländer schmähten ihre Gegner als Hunde der Inquisition.

Die Unternehmung wurde von Spanien mit Bezug auf die päpstliche Weltaufteilung von 1494 als Eingriff in fremde Hoheitsrechte gerügt. Zu einem besonderen Engagement konnte sich aber niemand entschließen, Eisbären und Inuit stellten keine Verlockungen dar.

1514 führte Sebastian Cabot eine Expedition zur Hudson Bay. Damals unterschied man noch zwischen Kanada, Neu-Wales und Labrador. Doch nannte man alles zusammen bald Cabotia.

Die zweite und dritte Erschließungswelle spülte einige Männer aus Saint-Malo über den Atlantik. Zu denken ist an Jacques Cartier, der den Lorenzstrom beinah prophetisch als großen Abfluss der kanadischen Seen bezeichnete. Cartier konnte die Dimensionen nur ahnen. Im 1535er-Winter verlor er seine Mannschaft an Skorbut, Wahnsinn und Wölfe. Er überlebte in volkstümlicher Obhut und taufte den Schauplatz seiner Kläglichkeit Mont Royal. Daraus wurde Montreal. Das muss man sich immer wieder klarmachen. Da zittert und zagt einer, dem sämtliche Voraussetzungen des Überlebens so wie alle Zähne fehlen, er blüht auf in der Opferrolle, seine Beischlafkompetenz ist bescheiden. Was soll man noch sagen. Den Ort seiner Häufchen nennt er Mont Royal und wir sagen heute noch Montreal, während die Leute, die Cartier unter die Arme griffen, keine freundliche Zukunft hatten.

Aus der Ankündigung

Seit Jahren verschwinden junge Frauen ­indigener Herkunft spurlos entlang des Transcanada-Highways. Für die Polizei scheinen diese Verbrechen keine Priorität zu haben. Doch als die 15-jährige Jeanette Maskisin in Montreal tot aufgefunden wird und die Medien darüber groß berichten, werden die Ermittler LeRoux und Garner auf den Fall angesetzt. Ihre erste Anlaufstelle ist ein Cree-Reservat im hohen Norden Quebecs, aus dem Jeanette stammt. Dort stoßen die Polizisten auf Ablehnung, denn aus Sicht der First-Nation-Familien hat sich die Polizei nie für die vermissten Frauen interessiert. Die Ermittler kommen immer mehr in Bedrängnis, denn es werden weitere ­Opfer befürchtet und auch der Täter wird zur Zielscheibe – jemand hat blutige Rache geschworen.

Die Autorin reagiert mit ihrem Roman auf den kanadischen Femizide. Sebastian Moll schreibt zu diesem Thema in der Frankfurter Rundschau: „Indigene Frauen sind die schwächsten Glieder in der Gesellschaft. Da sich niemand für sie stark macht, werden sie zur bevorzugten Zielscheibe von Gewalttätern.“

Zur Autorin

Frauke Buchholz wurde 1960 in der Nähe von Düsseldorf geboren. Sie studierte Anglistik und Romanistik und promovierte über ­zeitgenössische indigene Literatur. Sie liebt das Reisen und fremde Kulturen und hat einige Zeit in einem Cree-Reservat in Kanada verbracht. Heute lebt sie in Aachen und schreibt Romane und Kurzgeschichten, die in zahlreichen Anthologien erschienen sind. Ihre Geschichte »Barfly« wurde 2020 mit dem 1. Preis der Gruppe 48 ausgezeichnet.

08:48 21.01.2021
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