Umzug gegen die Laufrichtung

DDR 1959 ziehen Dagmar und Dieter Hestaskítur von Goslar nach Gera. Den Umzug gegen die Laufrichtung motiviert die totale Verwirrung.
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1959 ziehen Dagmar und Dieter Hestaskítur von Goslar nach Gera. Den Umzug gegen die Laufrichtung motiviert die totale Verwirrung. Dagmar und Dieter fehlen soziale Antennen. Sie sind komplett Banane, aber nett.

Nette Blindgänger. Leute, die sitzenbleiben, wenn andere im Alarmmodus aufbrechen. Was soll denn die Aufregung? Es wird nichts so heiß gegessen wie und gekocht wird auch überall nur mit. Dagmar und Dieter fehlen jede Idee, dass mit ihnen etwas nicht stimmen könnte. Der realexistierende Sozialismus bleibt ihnen unklar bis unangenehm.

Der Eiserne Vorhang fällt schneller als bei Dagmar und Dieter der Groschen. Das Paar sitzt in der Falle. Es zeugt sich in einen erweiterten Notstand hinein. Ausreiseanträge werden abgelehnt. Der Staat zeigt seine Instrumente. Man könne die Kinder von den Eltern trennen, da offensichtlich nicht im sozialistischen Sinne erzogen würde. Die Behörden drohen mit Gefängnis. Sie versprechen, dass es in diesem Fall keinen Freikauf geben wird. Getrieben von Angst und Zorn und dem Mut der Blöden, entschließen sich die Geächteten zur illegalen Auswanderung.

Bei der Sondierung und Planung der Flucht erweist sich Dagmar als treibende Kraft. Mehrmals geht sie allein in die Beeren. Die Kundschafterin motiviert ihren Mann, indem sie ihm den Westen golden ausmalt. Dass sie da schon mal als Gescheiterte im Spiel waren, verdrängen beide. Schließlich entscheiden sie sich für eine Stelle im fränkischen Süden Thüringens nahe Sonneberg.

Im Jahr der Stalinnote

Zwei von einer Panzerstraße zerschnittene Sperrgebietskilometer trennen sie da vom Grenzzaun. Dagmars Onkel Willi war 1952 (nach der Deklaration einer Sperrzonenverordnung) bei der Errichtung des ersten „Schutzstreifens“ als Grenzpolizist im Einsatz. Damals hing Sonneberg noch mit Neustadt bei Coburg zusammen. Das waren Franken durch und durch, die auseinandergerissen wurden. In seinen 1990 in der Greifswalder Geronimo Press veröffentlichten „Aufzeichnungen eines beinah Überzeugten“ erinnert sich Willi Hestaskítur an das Ausrollen des Stacheldrahts in der Gluthitze eines überwältigenden Sommers. Er beschwört die Schönheit der Landschaft, das Murren und Lauern der Bauern im Grenzland.

Es war das Jahr der Stalinnote.

„Am 10. März 1952 bot Josef Stalin den Westmächten (Frankreich, Großbritannien, USA) in einer Note Verhandlungen über die Wiedervereinigung und Neutralisierung Deutschlands an. Diese Note und die Erwiderungen Stalins auf die Antworten der Westmächte werden als Stalin-Noten bezeichnet.“ Wikipedia

Man hob Erdbeobachtungsstände aus und goß Minibetonbunker.

Siehe nun https://www.freitag.de/autoren/jamal-tuschick/das-hessische-kegelspiel

09:00 07.09.2021
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