Un-heimliches Deutschland

Christian Kracht "Eurotrash" - Der Erzähler identifiziert sich als Autor von "Faserland".
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Der Erzähler gibt sich zu erkennen. In einem sagenhaften Damals hat er Faserland geschrieben. Er beschreibt sich in Zürich als kritischen Zaungast der Verhältnisse. Er besucht eine klandestine Filmvorführung und sieht Guy Debords „In Girum Imus Nocte Et Consumimur Igni“, um den Film „blutleer und einschläfernd“ zu finden.

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„Denn alles, was nicht ins Bewusstsein steigt, kommt als Schicksal zurück.“

Irgendwo spricht Bernward Vesper vom „Faschismus der Seelen“. Der Debütant sucht einen Publikationszusammenhang für das Werk seines diskreditierten Vaters Will V., während er den linken Parcours absolviert und die linksliberale Prominenz im Geist seiner Braut Gudrun Ensslin agitiert. Je historischer die alte Bundesrepublik wird, desto deutlicher zeigt sich die Spur eines vehement gelebten Widerspruchs zwischen gefühltem Faschismus und gepredigter Demokratie. Die Signatur des un-heimlichen Deutschlands liegt wie ein Wasserzeichen unter dem neuen Roman von Christian Kracht. Sie hat eine geografische Richtung. Ihr Gralskitsch liegt im Norden bei den Nornen. In mehr als einer Metamorphose verwandelt er sich in kostbares Sadomaso-Spielzeug. Die perversen Andachten finden in klandestinen Kabinetten und (wenigstens im Roman) in einer anderen Gegenwart statt.

Christian Kracht, Eurotrash, Roman, Kiepenheuer & Witsch, 209 Seiten, 22,-

Der Erzähler gibt sich zu erkennen. In einem sagenhaften Damals hat er Faserland geschrieben. Er beschreibt sich in Zürich als kritischen Zaungast der Verhältnisse. Er besucht ein leeres Kino und sieht Guy Debords „In Girum Imus Nocte Et Consumimur Igni“, um den Film „blutleer und einschläfernd“ zu finden. Er bindet ein paar Schleifen zwischen Kronenhalle, Joyce, Gegenwartstrash und Schirrmacher. Schließlich kommt er bei seiner greisen Mutter an. Sie hält die Schweiz für eine englische Erfindung. Denkt man den Einfall im Geist des britischen Imperiums weiter, könnte man die Schweizerisierung der Alpen als einen kolonialen Akt verstehen. Exploitiert wurden gegenweltliche Ansichten und Ausblicke. Gegenweltlich aus der Empire-Perspektive. Leider verfolgt Kracht den Gedanken nicht weiter. Auch der erzählende Christian, einmal rät ihm die Mutter, sich Kracht zu nennen, verliert den Faden im Gewusel absurder Ereignisse. Er entführt die unverwüstlich Gebrechliche in einem Taxi ins Berner Oberland - Saanenland. Das Faserland-Roadstory-Motiv schimmert auf. Meine Besprechung von Krachts Debüt hat sich im Netz nicht verfangen. Der Text aus dem letzten Jahrtausend ist verloren. Ich habe Krachts ersten Titel im Rheinischen Merkur vorgestellt und es nicht versäumt, einen bemerkenswerten Autor anzukü

Christian bekommt es mit dem künstlichen Darmausgang der Mutter zu tun. Ein Pilot entpuppt sich als Provinzganove, während der Taxifahrer zum Retter in der Not aufsteigt. Dem guten Mann fällt es zu, die Reisenden nach Basel zu chauffieren. Auch so nimmt eine Farce Fahrt auf.

Gleich mehr.

Aus der Ankündigung

»I’ll see you in twenty-five years.« Laura Palmer.

»Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Es war ganz schrecklich. Aus Nervosität darüber hatte ich mich das gesamte verlängerte Wochenende über so unwohl gefühlt, dass ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muss ich sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun nicht mehr einfällt, ›Faserland‹ genannt hatte. Es endet in Zürich, sozusagen auf dem Zürichsee, relativ traumatisch.«

Christian Krachts lange erwarteter neuer Roman beginnt mit einer Erinnerung: vor 25 Jahren irrte in »Faserland« ein namenloser Ich-Erzähler (war es Christian Kracht?) durch ein von allen Geistern verlassenes Deutschland, von Sylt bis über die Schweizer Grenze nach Zürich. In »Eurotrash« geht derselbe Erzähler erneut auf eine Reise – diesmal nicht nur ins Innere des eigenen Ichs, sondern in die Abgründe der eigenen Familie, deren Geschichte sich auf tragische, komische und bisweilen spektakuläre Weise immer wieder mit der Geschichte dieses Landes kreuzt. »Eurotrash« ist ein berührendes Meisterwerk von existentieller Wucht und sarkastischem Humor.

Zum Autor

Christian Kracht, 1966 in der Schweiz geboren, zählt zu den modernen deutschsprachigen Schriftstellern. Seine Romane »Faserland«, »1979«, »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten«, »Imperium« und »Die Toten« sind in über 30 Sprachen übersetzt. 2012 erhielt Christian Kracht den Wilhelm-Raabe-Preis, 2016 den Schweizer Buchpreis und den Hermann-Hesse-Literaturpreis.

04:30 06.03.2021
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