Unachtsamkeitsdelirium

#DailyStorytelling War es Chlodwig Poth? der befand: „Wenn du tragisch werden willst, beweist das nur, dass du nie über das Ohnesorg-Theater hinausgekommen bist.“
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War es Chlodwig Poth? der befand:

„Wenn du tragisch werden willst, beweist das nur, dass du nie über das Ohnesorg-Theater hinausgekommen bist.“

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„Wer noch blind dem Doppelcharakter von Sprache als Zeichen und Ausdruck sich anvertraute, als wäre er gottgewollt (Originalschreibweise), der würde auf der gegenwärtigen Stand der Sprache selbst Opfer der bloßen Mitteilung.“ Adorno

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Die Küche des alten Tirolers war ein Schauplatz von Geheimabsprachen, seit Lilly und Mansikka gemeinsam den Kindergarten besucht hatten. Sie waren lange keine Kinder mehr, als Mansikka der Liebsten ansatzweise erklärte, wie ein IBM-Rechner funktionierte. Lillys schrecklicher Mann unterbrach, von der Arbeit in das schwiegerväterliche Zuhause kommend, die Zwiesprache, schnappte einen im Raum verwehten Fetzen des Unfassbaren auf und verlor sich im Gebrüll; ausrastend in seinem Unachtsamkeitsdelirium.

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Lilly hatte eben einen Anfall. Aber sonst geht es ihr gut. Ihre Krankengeschichte tut trotzdem weh wie quietschende Kreide. Quietschende Kreide aktiviert die Amygdala genauso wie Angstgeschrei. Bei Lilly verwandelt sich das Geschrei schnell in abwiegelnde, beschwichtigende, herunterspielende Gebärden und Bemerkungen. Sie hat sich in Akten der Selbstbegnadigung heruntergewirtschaftet und abgefunden. Gern strebt sie zum Ruheraum. Nicht immer kommt sie da auch an. Auf den Krankenhausfluren verirrt sich Lilly wie in einem Labyrinth mitunter. Ihre Mobilität erschöpft sich in Aktivitäten, die vor Sandkübeln voller Kippen und automatisch schließenden Türen enden.

Lilly fühlt sich nicht (krank) und will bloß weg. Die Beobachtung der Patientin lehrt, dass Bescheidenheit keinen Ausweg bietet. In den Fängen einer qualligen Verwaltung wurde Lilly zum Beifang der Langeweile anderer.

Costata di fragole
Seit 1962 fährt Mansikkajeden Sommer nach San Michele al Tagliamento; erst als Tributpflichtige im väterlichen Volkskäfer über den Brenner und durch die Poebene und immer einmal nach Venedig und einmal zu dem Wadi in einem Pinienhain bei Grado; und dann als Ehefrau von Saṭrābērīo Tāraṭa (zuletzt) im Lancia Flavia Convertibile über den Brenner und durch die Poebene und immer einmal nach Venedig und einmal zu dem Wadi in einem Pinienhain bei Grado.

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Der Volkswagen läuft und läuft und ...

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Als Lilly noch Urteilskraft besaß, fand sie Mansikkas Stilanorak.So anorak nimmt sich Mansikka (wie in jedem Jahr) denTagliamentovor, der unbegradigt aus den Alpen fließt. Kein Staudamm, kein Kraftwerk, keine hydrologischen Manipulationen stört seinen Lauf. Der Fluss funktioniert als Biotop. AnMansikkavorbei treiben natürliche Totholzflösse, aus denen Inseln entstehen können, wenn man ihnen den Raum lässt. In Gedanken entwirft sie einen Brief an Lilly. In der Tochter eines verkrachten Tirolers, der unter Eschweger:innen so bizarr schroff wie die Berge seiner Herkunftsheimat erschien, vereinte einst sich Intelligenz mit Härte und einem wüsten Temperament. Es bedurfte brachialer Kräfte und eines barbarischen Zerstörungswerks, das lange in Gang gehalten werden musste, um sie zu brechen. Lilly verlor ihr Gravitationsfeld an den Vulkaniseur Strobertus Itartoa.

Geboren im Elend, war Lilly ein Monster an Mut und so aufnahmefähig wie sonst keine im Quartier ihrer Kindheit. Sie sollte ihre Ursprungsverhältnisse nie überwinden. Am Ort ihrer Geburt verging sie in einem zähen Prozess. Zuerst nahm sie der Vater von der Schule und schloss sie so von Bildung aus. Lilly musste den Strohkopf Strobertus heiraten, der nichts von ihr verstand und alles verdammte, was Eschwege übertraf. Er jagte Mansikka einst aus dem Haus seines Schwiegervaters.

14:11 23.08.2021
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