Ungebremster Hedonismus

Sadie Jones Mehr zu Sadie Jones' Roman „Die Skrupellosen“ - Beas Eltern verkörpern den ungebremsten Hedonismus des Boomer:innen-Jetsets
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3338

Bea & Dan - Beatrice Adamson & Daniel Durrant - Das Londoner Paar nimmt eine Auszeit in Frankreich. Eine Reiseszene auf der Fahrt zu Beas Bruder Alex:

„Aus ihrem kleinen Bluetooth-Lautsprecher tönte Musik, und die Bäume flitzten im Takt vorbei. Eine Familienkutsche überholte sie, die Kinder drückten sich ans Rückfenster und starrten sie an.“

Monströse Tüchtigkeit

Das Paar quartiert sich in einem verrotteten Hotel ein, das Alex in Schwung zu bringen sich vorgenommen hat. Tagesausflüglerisch rauscht es ab nach „Paris im April“ und hört dann auch April in Paris ... April in Paris, this is a feeling/That no one can ever reprise. Dann kehrt es wieder ... zurück.

Sadie Jones, „Die Skrupellosen“, Roman, aus dem Englischen von Wibke Kuhn, Penguin Verlag, 22,-

Bald darauf ergibt sich in der brüderlichen Bruchbude eine neue Lage. Griff und Liv Adamsons riesiger hellroter Porsche Cayenne“ taucht auf wie ein Blauwal auf der Landstraße. Beas Eltern haben diese gewaltigen Boomer:innenegos. Sie sind high vom schieren Dasein. Das Leben ist Musik in ihren Ohren. Auf ihren Überholspuren verbrennen sie jede Menge fossiler Brennstoffe zu Kohlendioxid.

„C.G. Jung begründete mit Jean Gebser die Vorstellung, dass die ersten Menschen in Ekstase badeten, und dass dieser transzendente Sinneszustand der wahre und natürliche sei.“

Sie konsternieren den Nachwuchs. Die Postboomer:innen aalen sich in Suhlen des Zweifels. Definitiv sind das keine Raketen, die durch die Decke gehen, so wie die Boosterboomer:innen in ihrem ewigen Summer of Love.

Liv und Griff reißen sofort alles an sich. Die alten Raubtiere zerreißen Bea, Alex und Dan in der Luft.

Bea erwehrt sich der Übergriffigkeit des Vaters. Der alte weiße Mann bezieht seine Argumente aus dem Register des Sozialdarwinismus. Leichen pflastern seinen Weg. Er hatte auch schon mal einen Privatjet, damals in den Siebzigern als Privatjets in seinen Kreisen State of the Art war. Griff kommt von ganz unten. Er hat sich mit dem Portfolio eines Gangsters nach oben geboxt. Jetzt versucht er, Bea vor den gröbsten Dummheiten zu bewahren.

Was, glaubst du, weshalb dich Dan geheiratet hat?

Will der alte Fuchs die junge Frau aus der Reserve locken?

Dan ist der ethnisch diverse Sohn einer Single-Mom wie aus dem Bilderbuch der britischen Wohlfahrt und einer Selbstwirksamkeit für Wohnblockhärten. Die Mutter lockt mit selbstgebackenem Bananenbrot. Bea feiert jederzeit gern die Armutsfolklore; siedend im Hass auf alles, was ihr Vater repräsentiert. Zugleich sichern sie seine Spielräume ab, wenn auch auf die aller diskreteste Weise.

Vielleicht behauptet Dan nur, Künstler zu sein. Vielleicht ist das sein Ticket nach oben. Sollte er tatsächlich nur ein Liftboy in Beas Express-Elevator sein?

Zumindest suggeriert das ein vorgeblich besorgter Vater seiner vor Ablehnung schroffen und doch nicht vollkommen unzugänglichen Tochter. Da unterhalten sich zwei mit gemeinsamen Klassenerfahrungen.

Dan fehlt die Leichtigkeit, mit der Bea Fragen erörtet, die den finanziellen Beziehungsboden betreffen. Ohnehin gerät er wegen jeder Kleinigkeit ins Schwitzen.

Ist Dan ein Lappen?

Ich komme darauf zurück.

Alex stirbt dann bei einem Verkehrsunfall nahe der Kammmacherstadt Oyonna. Zur Identifizierung der Leiche fühlen sich nur Bea und Griff stark genug.

Es (sind) mehr als zwei Stunden zum Hôpital Centre Fleyriat am Stadtrand von Bourg-en-Bresse.

Eine bis eben dysfunktionale Familie erkennt sich im Unglück. Gleichwohl verliert Griff nicht seine monströse Tüchtigkeit. Er rockt weiter, während sich Alex' Mutter in Verzweiflung auflöst.

Dan wird zu ihrer Betreuung abgestellt. Er macht es sich bequem und bestellt Champagner.

Negierte Herkunft - Was zuvor geschah

“It's a book about a young couple ... she comes from a ... wealthy family, he comes from poverty.” Sadie Jones

Beatrice, kurz Bea, negiert ihre Herkunft. Die Prinzessin aus angelsächsischem Geldadel erschöpft sich in der (fürsorglich interpretierten) Rolle einer Psychoanalytikerin (in einer Beratungsstelle in Stamford Hill). Den prekären Existenzen ihrer Klientel schenkt sie so viel Aufmerksamkeit, dass man den Aufwand degoutant finden kann. Ständig ist Bea am Helfen. Sogar in der Mittagspause; in einem Gebrauchtwarenladen an der Holloway Road Station (London Borough of Islington) bewahrt sie eine überforderte Mutter vor sich selbst.

Die Frau, sie heißt Emma, argumentiert mit einem Messer in der Hand. Bea übertrifft sich mit einem Mix aus Deeskalation und Moderation. Zuhause wartet ein erschöpfter Möchtegernmaler. Nein, Dan ist ein richtiger Künstler, der sein Geld in der Immobilienbranche verdient.

Sadie Jones erzählt, wie sich Bea und Dan zum ersten Mal begegneten: in einem fabelhaften Art goes Clubbing-Moment im Bussey Building. Dan trat als ausstellender Künstler auf; ein schöner junger Mann direkt aus der Nachbarschaft von Peckham.

Alltägliche Belastungszone

„Aus Liebe duldete (Dan) die ganzen Taschen und Schachteln mit Verpackungsmaterial, die in der Wohnung herumstanden.“
Sie ist reich, zieht es aber vor, in einer Art Geldzölibat zu existieren. Unbefangene Beobachterinnen könnten Beas Style prätentiöser finden als jede Catwalk-Performance. Auch ihr Mann leidet unter Schmerzen aus dem Fundus der ethischen Weltauffassung. Der halb verhinderte Maler makelt Immobilien auf einem der teuersten Plätze der Welt. Seine Kund:innen sind Spekulant:innen. Dan verachtet die Haie der Großstadt.

Ständig bleibt Dan hinter seinen moralischen Ansprüchen zurück. Er genügt auch nicht seinem künstlerischen Selbstverständnis. Als ein Produkt Londoner Armut kontrastiert er die von allen möglichen zufälligen Schicksalsanwehungen bis zur Selbstauflösung bekümmerte Bea.

Das Paar beschließt, sich temporär aus der alltäglichen Belastungszone zurückzuziehen. Es legt sich einen kontinental ausgelegten Peugeot* zu und steuert Calais an.

* Das klappernde und rappelnde Fahrzeug hatte „hundertzehntausend Kilometer auf dem Tacho und manuelle Schaltung. Das Auto war größtenteils blau, nur die Motorhaube war mattschwarz“.

„Der Wind blies und pfiff, und die heiße Sonne buk das schwarze Plastik des Armaturenbretts.“

Bea gibt die kompetente Co-Pilotin mit der Landkarte auf dem Schoss.

Das Paar traf gerade zum ersten Mal Beas ungeliebte Jetset-Eltern:

„Es war nicht zu übersehen, dass ihr Vater nicht begeistert davon war, wenn seine Tochter einen erfolglosen Immobilienmakler gemischtrassiger Herkunft heiratete.“

Tugendtribunal und finanzieller Beziehungsboden

Bea und Dan gönnen sich eine Auszeit von ihrem Londoner Stressleben. Mit einem klapprigen Peugeot heizen sie nach Frankreich. In der Gegend von Dijon kommt die erste Missstimmung auf. Die beiden sind auf dem Weg zu Beas Bruder. Dan erlebt Alex als nichtsnutziges Drogenwrack. Er stößt sich an einer geschwisterlichen Kante. Doch letztlich gehört Beas Verständnis für alles Schwache der Allgemeinheit. Das Verständnis braucht keine familiäre Bindung. Im Gegenteil. Beas Familie findet vor dem Tugendtribunal der höheren Tochter keine Gnade.

Aus der Ankündigung

Familiengeheimnisse können tödlich sein – der neue große Roman von Sadie Jones

Dan ahnt nicht, wie millionenschwer die Familie seiner Frau Bea ist. Das junge Paar lebt bescheiden in einem kleinen Apartment in London. Um der Enge zu entfliehen, nehmen sich die beiden eine Auszeit. Ihre Reise durch Europa führt sie zuerst zu Beas Bruder nach Burgund. Gerade bei Alex angekommen, kündigen sich zu Beas Entsetzen die Eltern Adamson zu einem Überraschungsbesuch an. Plötzlich wird Dan klar, dass er ein ganz anderes Leben führen könnte – warum nur distanziert sich Bea so sehr von ihrer Familie und deren Reichtum? Als ein Mord geschieht, bricht das jahrelange Schweigen auf, und weder Bea noch Dan können der Wahrheit mit ihren furchtbaren Konsequenzen entfliehen …
Mit feinem Gespür erzählt Sadie Jones davon, wie schwer es ist, den Verlockungen des Geldes zu widerstehen – soghaft und atemberaubend spannend.
»›Die Skrupellosen‹ ist ein beängstigender Roman über die zerstörerische Kraft von Geld und Macht; so spannend und beklemmend wie die Bücher von Ian McEwan.« The New York Times Book Review

»Famos und in immer wieder überraschenden Wendungen weiß sie Spannung zu entwickeln, bis sich Verdrängtes und Unterschwelliges hin zur Katastrophe verselbstständigt.« WAZ Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Ulrich Steinmetzger (15. Mai 2021)

Zur Autorin

Sadie Jones, 1967 in London geboren, arbeitete als Drehbuchautorin, unter anderem für die BBC. 2005 verfilmte John Irvin ihr Drehbuch „The Fine Art of Love“ mit Jacqueline Bisset in der Hauptrolle. Ihr preisgekröntes Romandebüt „Der Außenseiter“ (2008) wurde in Großbritannien auf Anhieb ein Nr.-1-Bestseller und war auch in Deutschland ein großer Presse- und Publikumserfolg. 2012 erschien bei der DVA "Der ungeladene Gast". „Jahre wie diese“ ist ihr vierter Roman.

04:29 21.05.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare