Ungefilterte Anteilnahme

Sex in the City/norddt. Mir war Emilians Gedankengrazie wurscht. Dafür hatte ich mich nicht hochgepowert, dass so eine Zwergnase ihre Horchposten ...
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Rumms. Schaggawobba. Platschpeng. Gerade erinnere ich Kristen Roupenians #metoo-Geschichte „Cat Person“, die von einer Unschärfe handelt, die erst ein neues Bewusstsein aus dem Schatten der Unsichtbarkeit gezogen hat. Die Scharfstellung ist immer noch in der Laborphase. Die letzten zehn Minuten habe ich darüber nachgedacht, wie sich die Kombination von einvernehmlichem Sex mit einer unerwünschten, gleichwohl nicht thematisierten Wendung im Verlauf des Geschehens juristisch einwandfrei fassen lässt.

Niemand liegt immer richtig. Zu den Lebensrätseln zählen Fehlgriffe am Liebesbarren - erotische Abstürze erst in den Jahren der uferlosen Adoleszenz und dann auf den engen Vorhöfen der Vergreisung. Wenn ich bedenke, wen ich alles an meine Haut gelassen habe. Ich sage nur Emilian, die alte Sackratte. Ein liebevolles Verhältnis zu dem Penisleider nahm nicht die gewünschte Fahrt auf. Emilian schleuderte emotional. Ich war seine Achterbahn.

Was Emilian scharf machte?

Ich bin Staatsanwältin, Waffenträgerin, Meisterschützin, Revierinhaberin. Ich bin eine große, starke Frau, die Sie jederzeit mühelos flachlegen kann. Wumms und Platsch und Tschüss. Darauf fuhr Emilian ab. Mein Gott, war der Mann komplex. Sexuell komplex erscheint mir lediglich pervers. Und will ich das? Ich meine, brauche ich das? So einen perversen Emilian. Der Rotkäppchen Sekt aus meinen High Heels suckelt. Der mir ständig seinen „Popo“ hinhält, weil er „Haue“ möchte. Einen Mann mit grauem Schamhaar, der seine Bedürfnisse in der Kindersprache anmeldet.

Bei Emilian war die Demarkationslinie zwischen Arbeit und Leben verschwindend dünn. Als Journalist ergab sich für ihn nicht allein aus dem Verwertungsfuror ein gewisser, vom Schwefel der Entfremdung kontaminierter Druck. Emilian genoss den Stress einer Just-in-time-Verwurstung sämtlicher Erlebnisse. Zuerst glaubte ich, er mache das, weil er arm ist und Geld braucht. Dann begriff ich: der Penner hielt seinen Scheiß für Kunst. Ich nahm ihn mit zu den Kolleg*innen-Warm-ups in R. Da geht es wirklich zur Sache auf einem norddeutschen Zuckerhut der Lust. Emilian schlich sich im Recherchemantel mit hochgeschlagenem Kragen an. Die Szenen beschrieb er auf einem Grat zwischen teilnehmender Beobachtung und ungefilterter Anteilnahme. Vor Überheblichkeit bewahrte er sich mit einer Einsicht von Anaïs Nin:

„Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, wir sehen sie so, wie wir sind.“

Mir war Emilians Gedankengrazie wurscht. Dafür hatte ich mich nicht hochgepowert, dass so eine Zwergnase ihre Horchposten (übrigens schrieb Emilian ausschließlich für die in Wismar verlegte Ostsee Perle, einem Qualitätsblatt erster Güte) in meinen Hinterzimmern errichtet.

Bleib mir fort, sagte ich bald zu Emilian, der seither verstört brummkreiselt. Es reicht bei ihm nun nicht einmal mehr für die Ostsee Perle. Morgen erzähle ich Ihnen von der Knalltüte, die Dorian genannt werden wollte. Dorian wie Earl Grey.

Gleich mehr.

07:52 08.02.2021
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