Uns überlebt die Scham

Literatur “Male oscuro” eröffnet die “Salzburger Ingeborg Bachmann Edition” mit bisher unzugänglichen Aufzeichnungen aus den Sechzigerjahren
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Ingeborg Bachmann ist die Romy Schneider der Literatur. Schneiders Spiel mit Michel Piccoli löscht Karlheinz Böhm aus. Die Verwandlung von Sissi in eine Verrauchte geht dramatisch über die Bühne. Gemessen an den Margen des Literaturbetriebs absolviert Bachmann eine kongeniale Karriere auf den Feldern der Anerkennung und der bedeutenden Männer so wie in den von psychischen Einbrüchen verheerten Kellern der versuchten Selbstmorde. Beide Ikonen zerreißt die Spannung zwischen gewöhnlichen Bedürfnissen und außergewöhnlichen Fähigkeiten. Beide sind schließlich Gezeichnete. Der Alkohol- und Medikamentenmissbrauch schenkt dem Unglück Jahrhundertgesichter. Manche Namen und weitere Gründe des Bachmann’schen Unglücks kennt man seit Jahrzehnten. Andere gehörten bis jetzt zum Unzugänglichen im Nachlass. Nun erscheint Entsperrtes. Die Herausgeberinnen Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni haben die Grenzen zur Indiskretion zweifellos wie auf Millimeterpapier vermessen, gefangen von philologischen Skrupeln.

Der Autor ist seinem Werk egal, anders könnte es nicht überleben. Wer braucht das, was nicht Werk geworden ist? “Male oscuro” eröffnet die neue Gesamtausgabe mit Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit, mit Traumnotaten, Briefen, Reden und Entwürfen. So führt es der Untertitel ungefähr aus. Der Haupttitel zitiert den Titel des Krisenberichts eines italienischen Schriftstellers. Bachmann rührt divers daran, Male oscuro scheint magisch besetzt zu sein wie zur Ankündigung einer Überschreitung. Die Autorin spricht für andere, wo sie sich an Ärzte wendet. Da vertritt sie “die meisten ... (die) nicht fähig sind, zu formulieren”. Sie setzt das Kafkawort von der “Scham, die uns überlebt” ein. Ihre Scham ist selbst gewaltig, wenn sie in einem Buch “wiederlesen muss, wie sie mit ihrem Mann gelebt hatte, dann wie sie als junges Mädchen das getan oder jenes unterlassen hatte”. Sie fühlt sich ausgeschlachtet und zu Wurst verarbeitet. Sie will keinen Unterschied mehr zwischen einem Schriftsteller und einem Schlachter erkennen.

Ich weiß gerade nicht, ob Heiner Müller oder Bertolt Brecht, doch behauptete einer dieser Suhrkampautoren: Die entscheidende Frage lautet, wer frisst wen? Die Aufzeichnungen zeigen Bachmann in behandlungswürdigen Zuständen, angegriffen vor allem vom misslungenen Scheitern der Beziehung zum robusten Max Frisch in seiner Mein-Name-sei-Gantenbein-Phase Anfang der Sechzigerjahre. Frisch folgte Celan, die Dichter_innen waren sich zuerst begegnet, bevor Celan Gisèle 1952 heiratete. Trotz vehementer außerehelicher Befruchtungen blieb Celan bei seiner Frau. Von ihm ist nicht mehr die Rede, aber von Frischs Verrat, der Bachmann entkräftigt und wehrlos macht, bis daraus wieder Literatur wird. Nächsten Monat erscheint zum Beispiel solcher Umwandlungen von persönlichen Verlusten in literarische Gewinne “Das Buch Goldmann”.

Ein Eingriff nimmt Bachmann aus dem Reproduktionswettbewerb. Berlin wird zum Schauplatz noch eines Zusammenbruchs. Ein Arzt rät zum Festhalten der Träume. Bachmann träumt von Knieoperationen und Fahrradtouren, keinesfalls künstlerisch wertvoll wie seit Rahel Varnhagen so viele aus der ersten Reihe. Hannah Arendt analysierte die mit sozialen Bedeutungen geladenen Schlafresultate als Sublimationen gesellschaftlicher Frustrationen. „Was das Bewusstsein verdrängt, kehrt in der Nacht zurück.“ Gestaltete Träume sind Ausdruck durchgreifenden Selbstgefühls. Das fehlt Bachmann. Sie wirkt wie eine ertappte Elevin mit dem Geständnis: “Ich möchte mit (einem) ... Kamel schlafen.”

Ingeborg Bachmann, Male oscuro. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. Traumnotate, Briefe, Brief- und Redeentwürfe (Erster Band der Salzburger Edition) herausgegeben von Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni, Suhrkamp/Piper, 257 Seiten, 34,-

09:44 13.03.2017
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