Unterschlagene Grobheiten

Literatur Die Anfänge seines Gewerbes reichen zurück bis in die Keilschriftära. Simon gibt den Knastschreiber ... Grobheiten und Abschweifungen seiner Auftraggeber unterschlägt ...
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Die Anfänge seines Gewerbes reichen zurück bis in die Keilschriftära. Simon gibt den Knastschreiber. Er kassiert nach eigensinnigen Berechnungen der Schwierigkeitsgrade. Grobheiten und Abschweifungen seiner Auftraggeber unterschlägt er zugunsten des freien Textflusses. Er schreibt auf Effekt, liefert kleine Feuilletons.

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Was er weiß, hat er im Halbdunkel der Tricks und schnellen Wendungen aufgeschnappt. Simon kommt daher und gehört dahin, wo Intuition mit Armutskonventionen konkurriert. Wird man angerempelt, springt man an, wie von einem Starter gepusht. Aggression ist Prophylaxe. Bürgerlichen Kindern bringt man bei, sich abends die Zähne noch einmal zu putzen, kleinen Simons erklärt man, dass sie sich nichts bieten lassen dürfen.

Auf der Bildungskehrseite wächst das Ahnungswissen im Verein mit dem Moos der Kalenderbinsen.

Man macht Sprüche. Man macht sich gerade. Man gerät an die Falschen und unter die Räder. Man macht seinen Schnitt. Man verrechnet sich und fährt ein. In Gefängnis beendet Simon pfiffig eine Existenz auf dem Abstellgleis der Analphabet:innen. Sein Lehrer ist Gewerkschaftler, ein zwanghaft guter Mensch, wie Simon straßenschlau erkennt. Ted gibt sich Mühe mit dem Delinquenten, dann stirbt er.

Der Ermächtigte preist sich für seine Schönschrift. So geht die Geschichte los, die Kathy Page in „Alphabet“ erzählt.

Kathy Page, „Alphabet“, Roman, aus dem Englischen von Beatrice Faßbender, Quartbuch, Verlag Klaus Wagenbach, 24,-

Jetzt hat Simon ein Gewerbe, dessen Anfänge zurückreichen bis zur Keilschriftära. Simon gibt den Schreiber im Knast. Er kassiert nach eigensinnigen Berechnungen der Schwierigkeitsgrade. Grobheiten und Abschweifungen seiner Auftraggeber unterschlägt er zugunsten des freien Textflusses. Er schreibt auf Effekt, liefert kleine Feuilletons.

Simon beweist Finesse. Die Interessen seiner Klienten vertritt er so gerissen wie ein Winkeladvokat. Er berät die Kundschaft.

Er verscherbt seinen Urin an Leute in Testnot. Vom Wissensflow beflügelt, braucht Simon keine Drogen, um abzuheben. Ihn krallt der Ehrgeiz. Simon gelingt ein mittlerer Abschluss. Er strebt die Hochschulzugangsberechtigung an. Die Verwaltung tritt auf die Bremse. Der Eifer wird auf Eis gelegt.

Mit Knistigkeiten versucht man Simon klein zu halten. Er beugt sich auf der ganzen Linie. Jahre nach der Knastkeimzeitillumination ist er endlich da angekommen, wo einer zum anderen sagt:

„Wir waren alle mal im Körper einer Frau.“

Simon sucht sich eine Brieffreundin. Er findet einen Dreh an der Zensur vorbei zu korrespondieren.

Ungefilterte Nachrichten aus der Freiheit

Sie heißt Vivienne Anne Whilden. Bereits im ersten Brief, den sie einem ihr ganz Unbekannten schickt, offenbart sie sich anfallsartig. Alles entgleist und entgleitet ihr, einschließlich der lächerlich floralen Handschrift. Der psychologisch gewiefte Simon erkennt sofort die Polytoxikomanie der Anfälligen.

Vivienne reagiert auf eine Kontaktanzeige, sie weiß nicht, dass sie von einem Sträfling auf Umwegen aufgegeben wurde. Simon ertrinkt beinah in den ungefilterten Nachrichten aus der Freiheit.

Aus der Ankündigung

Simon Austen ist ebenso charmant und verführerisch wie undurchschaubar und manipulativ. Eine tickende Zeitbombe. Er durchbricht die Monotonie seiner Haft, indem er endlich Lesen und Schreiben lernt und mit seiner Therapeutin Spielchen treibt. Dabei überschreitet er immer wieder Grenzen.

Seine Kindheit und Jugend hat Simon in Heimen und bei Pflegefamilien verbracht. Nun sitzt er wegen Mordes an seiner Freundin lebenslänglich in einem Hochsicherheitsgefängnis und durchläuft verschiedene Therapien. Er ergreift die Chance, Lesen und Schreiben zu lernen, und beginnt verbotenerweise mehrere Brieffreundschaften mit unterschiedlichen Frauen. Dabei findet er immer mehr über sie heraus, ohne sich selbst zu offenbaren. Nach einer Schlägerei kommt er ins Krankenhaus und teilt dort das Zimmer mit Vic, der sich gerade in Charlotte verwandelt. Aber welche Verwandlung gelingt Simon in den dreizehn Jahren seiner Haft? Kathy Page entfaltet dieses Leben in ihrem psychologischen Drama so sezierend wie zugeneigt.

Kathy Page ist eine ungemein vielseitige Autorin, die in ihrem Werk eine immense Palette an Themen, Genres und Stilen vereint – jeweils mit beeindruckender Virtuosität. In diesem Roman verarbeitet sie eigene Erfahrungen während eines Arbeitsaufenthalts im Männergefängnis. Ohne diesen Handlungsort zu sentimentalisieren, gelingt ihr ein Bravourstück, das tiefgründig Identität, Vergebung und Gerechtigkeit verhandelt.

Zur Autorin

Kathy Page ist Autorin von acht Romanen und zwei Erzählbänden, für die sie vielfach ausgezeichnet wurde. In Großbritannien geboren und aufgewachsen, lebt sie nun seit einigen Jahren auf Salt Spring Island bei Vancouver in Kanada. Sie unterrichtet an der Vancouver Island University. Für ihren Roman »All unsere Jahre« erhielt sie den Rogers Writers’ Trust Fiction Prize.

17:40 20.08.2021
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