Veganer:innen im Nerz

#DailyStorytelling Geld verdiente ich in einer Agentur, in der Veganer:innen im Nerz auftraten
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Ich erzähle von meiner Entdeckung des Jahres 1989. Damals war ich so halb noch mit Rowan liiert, dem ich meinen Job verdanke. Er hatte aber auch schon viel Spaß mit einer guten Freundin von mir, die ich zügig herabstufte, bsi sie vollkommen degradiert war. Seine vehement nach außen getragene Affäre schockierte mich deshalb so, weil Rowan sich zu meiner Zeit nach einer kurzen Frist vom „Körperflüssigkeitsaustauschprogramm“, sein elendes Wort für Sex, abgestoßen gefühlt hatte. Und nun konnte er vor allen Leuten seine Finger nicht von dieser Person lassen. Ich fand mal wieder alles trübe und jeder Blick in den Spiegel eröffnete mir die volle Tragödie: Ich sah so aus wie ich mich fühlte. Geld verdiente ich in einer Agentur, in der Veganer:innen im Nerz auftraten. Nachts telefonierte ich stundenlang mit Damon, der in Dundee lebte. Dort hatte ich ihn auch kennen gelernt. Er hatte meinen ersten Offerten (Gedichte und Gesang) widerstanden. Ich fürchtete, flowery zu erscheinen. Damon äußerte sich unverblümt. Scheiße fand er dies und das. Er nahm Anstoß an meiner Erscheinung.

Das wäre inakzeptabel gewesen, wenn Damon nicht so ätherisch gewesen wäre. Er war nur Haut und Knochen und erschien beinah durchsichtig. Kraftbegriffe wirkten bei ihm so nice als würde eine Dreijährige Scheiße sagen und die Erwachsenen in Hörweite würden sich kugeln.

Damon trank nicht, das kam mir komisch vor. Er hörte zu und argumentierte mit einem vorgezogenen Ernst. So wie er, war an sich kein(e) Boomer:in.

Seine antibritischen Standpunkte gefielen mir nicht. Ich bin auf eine verstockte Weise englisch. Auch bei Damon entdeckte ich Anzeichen von Verstocktheit. Das reizte mich. Endlich lud er mich ein und so flog ich im Dezember nach Schottland. Damon bereitete mir einen unterkühlten, beinah ruppigen Empfang.

Wir verkehrten bald routiniert in The Kilted Kangaroo. Ich betrank mich, er blieb nüchtern. War ich erstmal richtig hinüber, fürchtete ich, mein Interesse an Damon zu verlieren. Im Bett lief nichts. Damon hatte Erektionsschwierigkeiten. Er ließ meine Helferinnenmeise im Aufwind segeln. Dabei gab ich vor, auf meine Kosten zu kommen. Das klingt trister als es war. Und auch wieder nicht. Ich machte ihm eine Liebeserklärung, um das Ganze nicht noch peinlicher finden zu müssen. Er quitierte meine Offenbarung mit einem infantilen Grinsen.

Im Frühjahr traf ich Damon in Amiens. Die erste Berührung ließ alle Zweifel schwinden, mit denen ich die Reise angetreten hatte. Wir verbrachten völlig unerwartet einen vollendeten April in Amiens.

*

Mit dem räumlichen Abstand kam Damon viel besser zurecht als ich. Ich bat um ein Wiedersehen. Plötzlich fand ich es furchtbar dringend, mich Damon in meiner Ursprungsumgebung zu zeigen. Ich kenne keine Menschenseele mit einem kleineren Alltagsradius als meinem. Geboren und geblieben an einer Stelle. Ein bißchen Grün vor und hinter dem Haus, ein Wochenendhaus im Vogelsberg, friedliche Eltern, denen ich eine saumselige Kindheit verdanke, mit Jugendgruppe und Klavierunterricht und gebastelten Partyankündigungen; eine frühreife Affinität zum Alkohol, Schule, Lehre, Studium ... ich holte Damon am Flughafen ab und schob seine Zurückhaltung auf alles Mögliche. Ich hätte den Mond anheulen können vor lauter Glück. Auf hundert Zetteln hatte ich notiert: Ich liebe ihn. Da musste er jetzt durch. In meiner lustvoll wie selten auf Vordermann gebrachten Wohnung stand schon alles für ein Festessen bereit.

Eine halbe Stunde später fand ich es stark übertrieben, das Hutschenreuthergeschirr aus dem Schrank geholt zu haben. Zwei Stunden später saß das Paar im Burggarten, in Anoraks wie an einem Strand. Damon amüsierte sich über Bembel und Handkäs. Auf englisch erklärte ich ihm unsere in der volkstümlichen Variante. Ich hatte mich wieder eingekriegt.

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