Verbrechen und Armut – Vom Fatalismus regiert

Armut „Armut ist Schmerz“, behauptet William T. Vollmann in seinem Essayband „Arme Leute“. Zum Titel siehe ferner Fjodor Michailowitsch Dostojewski.
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Nach den Devisen des organisierten Verbrechens eingeschleuste und im Straßendschungel von Kabukichō ihre Reize verhökernde Chinesinnen illuminieren einen japanischen Höllenkreiseinstieg. Wer dahinter und hinabsteigen will, trifft seinen Tod nicht unbedingt als ärgsten Feind. Das weiß William T. Vollmann. Er ist ein Hunter, wenn auch kein Hunter S. Thompson. Seine Bereitschaft, dahin zu gehen, wo es wehtut, erscheint als Belanglosigkeit. Außerordentlicher Mut ohne besondere Begabung ist trostlos. Zudem verwendet Vollmann das N- und das Z-Wort. Dass keine Suhrkamp-Premiumleser*in dagegen unversöhnlich intervenierte, provoziert den #Suhrkamp*sei*sensibel (im Spektrum zwischen Black und Queer).

Kabukichō ist der Rotlichtdistrikt in Tokio. Die Dienste der Sexarbeiter*innen werden auf Flugblättern illustrativ annonciert. Yakuza verkörpern eine unübersehbar schillernde Ordnungsmacht. Sechzig Prozent ihrer „Söhne“ rekrutieren sich aus dem Elend der Burakumin – Unberührbaren/Wertlosen/Nicht-Menschen.

Ihr Straßenkarate geht auf Ōyama Masutatsu (1923 - 1994) zurück. Ōyama Masutatsu gehörte der koreanischen Minderheit an und hatte gewaltige Akzeptanzprobleme in einer offensiv rassistischen Gesellschaft. Zu den Rivalen des Traditionsringvereins zählen die Snakeheads, eine chinesische Schlepperformation, deren Mitglieder so unauffällig ihren Geschäften nachgehen, dass man sie nicht identifizieren kann. Sie geben auch keine Interviews, anders als die amerikanische Mafia, die sich in Hollywood-Spiegelungen selbst übertrifft. In den Versuch, einen echten Snakehead in die journalistische Mangel zu nehmen, investiert Vollmann ein kleines Vermögen. Er versagt auf der ganzen Linie. Mehr Glück hat er bei den Wehrlosen dieser Welt.

„Sie waren schon arm, bevor sie geboren wurden. Das Schicksal hatte sie im Bauch ihrer Großmütter gezeichnet.“

Als Reisender in Armutsangelegenheiten begegnet Vollmann einer thailändischen Alkoholikerin. Wahrscheinlich ist Sunnee auch mal in Japan auf den Strich gegangen. Der Schriftstellerjournalist geht hart und hämisch mit Sunnee ins Gericht. Sein Mitgefühl erschöpft sich in der Genauigkeit belangloser Darstellungen einer häuslichen Misere.

Stets erkundet Vollmann die Selbstwahrnehmung Marginalisierter. Er registriert die Begleiterscheinungen von Armut und rechnet dazu Krankheiten, Un- und Überfälle. Die Vermeidungsstrategien der Wohlhabenden reduzieren das Katastrophale. Mehr als eine Binse steckt allerdings nicht in dieser Feststellung. Vollmann zieht Mittelständler zur Gewährleistung heran, die in Oakland (vor San Francisco) nicht in einem Revier des Drogenhandels und der Sexarbeit Kaffee trinken gehen und folglich da auch nicht zu Opfern werden können.

Die meisten Armen suchen die Schuld für ihre Lage nicht bei anderen. Der Fatalismus regiert sie.

William T. Vollmann, „Arme Leute. Reportagen“, aus dem Englischen von Robin Detje, Suhrkamp, 335 Textseiten, 127 Fotoseiten, 22,-

08:48 17.01.2019
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