Verdichtete Öde

Nicola Karlsson/Wedding Nicola Karlsson las aus ihrem zweiten Roman „Licht über dem Wedding“ in der Thalia Buchhandlung im Weddinger Gesundbrunnenzentrum.
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Nicola Karlsson

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„Eine zu krasse Geschichte in einer zu schönen Sprache.“ Mit dieser Formulierung lehnte ein Lektor jenes Manuskript ab, dass nun unter dem Titel „Licht über dem Wedding“ als zweites Buch von Nicola Karlsson vorliegt. Es ist eine Liebeserklärung an einen bislang halbwegs gentrifizierungsresistenten Berliner Bezirk mit Superdiversitätscharakter und es handelt von Leuten, die noch nicht lange pauschal als Ausgemusterte wahrgenommen und abgewertet werden. Der Roman würdigt Daseinsformen, die heute zwar in Hillary Clintons basket of deplorables gerechnet werden, die aber zweihundert Jahre lang im Spektrum der Respektabilität lagen.

Nicola Karlsson las daraus und unterhielt sich darüber mit Julia Kratz in der Thalia Buchhandlung im Weddinger Gesundbrunnenzentrum.

Der Soziologe Bruno Latour behauptet, dass wir Europa vergessen müssen. Unsere Geschichte, so Latour, erklärt die Gegenwart nicht mehr. Das beschreibt exakt die Lage, in der sich die pubertierende Agnes befindet. Als Kind des Weddings rau angefasst und nun auch eingefasst, macht sie sich bei jeder Gelegenheit gerade. Ihre Mutter hat sich gleich nach ihrer Geburt aus dem Staub gemacht. Der Vater ist ein besonderer Fall. Wolf war mal wer als Frontier des 1990er Jahre Vergnügens. Er richtete Clubs ein und schuf Stilikonen. Er zog Design- und Kokslinien.

„Mit dem Trinken stand die Arbeit im Einklang.“

Irgendwann war die Party vorbei, die ehrgeizigen Schönheiten nicht mehr interessiert, und die Auswahl zusammengeschrumpft auf das Angebot in den Pilsstuben an der Brunnenstraße weit weg vom Schick des Rosenthaler Platzes.

„Wann hatte er aufgehört jung zu sein?“

Als Ostbrachen nach Neunundachtzig zu Partykulissen avancierten, ersetzte Wolf Hermann den gelernten Zimmermann als fähigen Autodidakten. Der Student zimmerte das Clubinterieur im Stil der elegisch ruinierten Brandmauer zusammen und schillerte als Liebhaber in einem Dauerfeuer der Gelegenheiten. Von Susann bekam er Agnes.

Nicola Karlsson, „Licht über dem Wedding“, Roman, Piper, 318 Seiten, 20,-

Karlsson erzählt das so gut, dass ich es glatt noch einmal erzählen möchte. Es ist wie zusammen Musik machen. Wir können den Blues blind spielen. Jedes Solo erzählt ein Leben an der Abbruchkante.

„Der Schaumstoff kämpfte sich ins Freie.“

Wolf zieht Agnes nicht ganz allein auf. Da ist noch Sandy, der die Wut des Kindes und dessen ratlose Ablehnung keine Kopfschmerzen bereiten. Sie guckt Filme, während Agnes mault.

Das ist eine Kindheit. Sie spielt in einem Hochhaus ganz in der Nähe des Gesundbrunnenzentrums. Der beißende Geruch von Pisse folgt Agnes überall hin. Gentrifizierung fasst in ihr Gebiet, ohne einen Gehwegschaden zu beheben. Allerdings klebt weniger Hundescheiße am Trottoir. Die verdichtete Öde weicht der verdichteten Unterschiedlichkeit.

Ab und zu verliert Wolf die Beherrschung und stellt Agnes vor die Wahl, einen Schläger zu lieben, oder keinen zu haben, den sie lieben kann. Die Alternative zur Liebe mit Hiebe ist nach den Gesetzen des Weddings auf jeden Fall das größere Armutszeugnis. Agnes trainiert eine Toleranz, die sie auch bei ihrem ersten Freund und Ex-Freund über vieles hinwegsehen lässt. Zum Ausgleich entwickelt sie fabelhafte Abneigungen. Die Neue im Haus, eine einundzwanzigjährige Modebloggerin namens Hannah, löst Hass aus.

Hannah gehört zu den „Mädchen, die sich in Bildern verkaufen“. Nie lächelt Hannah auf ihren Bildern.

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„Man hat eigentlich nichts mehr damit zu tun.“

Das antwortete Karlsson auf die Frage der Moderatorin Julia Kratz: „Wie fühlt man sich, wenn das Werk vollbracht ist.“

09:06 09.05.2019
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