Verdichtete Öde

Berliner Geschichten Der schlapp Studierende zimmert das Clubinterieur im Stil der elegisch ruinierten Brandmauer zusammen
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Als Ostbrachen nach Neunundachtzig zu Partykulissen avancieren, ersetzt Kadir Yamamoto den gelernten Zimmermann als Axt für alle Gelegenheiten. Der schlapp Studierende mausert sich zum fähigen Autodidakten.Kadir zimmert das Clubinterieur im Stil der elegisch ruinierten Brandmauer zusammen und schillert als Liebhaber in einem Dauerfeuer der Gelegenheiten. Von Aimo bekommt er Acknèe.

Aimo sucht bald das Weite. Kadir zieht Acknèe nicht ganz allein auf. Da ist noch Bloody-Jane, der die Wut des Kindes und dessen ratlose Ablehnung keine Kopfschmerzen bereiten. Sie guckt Filme, während Acknèe mault.

Das ist eine Kindheit. Sie spielt vor allem im einzigen Hochhaus eines Schöneberger Viertels. In einem Villenquartier in der Ghettoplatte zu wohnen, ist eine Extrastrafe für Kinder mit doofen Eltern. Der beißende Geruch von Pisse folgt Acknèe überall hin.

Traute Schöneberger Tristesse

„Ich kann dich lesen wie die oberste Reihe eines Sehtests“, sagt die Neunzehnjährige zu ihrem ersten Mann, dem Kriminalpolizisten Pan Da. Acknèe nutzt als kaum Herangewachsene den Radius des Ermittlers, um ihren Ursprungsverhältnissen zu entkommen. Allerdings bleibt sie im Viertel. Sie wohnt da nur schöner nun.

Pan Da aka Padua-Pilzuk gibt den halbwegs übersättigten und ganz und gar verschwenderischen Connoisseur als passablen Widerling. Acknèe dient er als Seelenführer und Doktor Freud für die niedrigen Stände. In dieser Ehe trifft sich mit Talent bewaffneter Ehrgeiz. Unter Pseudonymen veröffentlicht Acknèe dem Geschlechtstrieb wie aus der Ferne schmeichelnde Prosa. Ausgerechnet Pan Da macht den Kontakt zu Roman Luger. Roman unterhält einen parfümierten Animationsbetrieb für die Nachkommen der verstädterten Landbevölkerung, für all die Urenkel*innen der Zimmermädchen, Stiefelknechte, Fuhrleute, Waschweiber und Büroboten, die schon bei Guy de Maupassant, den Gebrüder Goncourt und Gustave Flaubert vorkommen. Man sollte nicht glauben, dass im 21. Jahrhundert das rurale und semi-rurale Elend der Altvorderen noch eine Rolle spielt, aber Roman kennt seine Pappenheimer*innen. Nach seiner Analyse diversifiziert sich die Menschheit nach einem archaischen Schema. Es gibt immer noch auf drastische Weise Sklavenhalterinnen und Sklavinnen wie seit Anbeginn der Sesshaftigkeit als einer Marke der neolithischen Revolution.

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Acknèes zweiter Mann erfüllt sämtliche Erwartungen an die perfekte Integration. Der in Toronto und auf Hercyniusstein über der Eder aufgewachsene Sohn iranischer Einwanderer übererfüllt die Normen. Als Arzt ist Arvid im gehobenen Mittelstand angekommen. Man sieht nur Autochthone in seiner Umgebung. Um auch an der Familienfront zu reüssieren, macht Arvid die üblichen Klimmzüge, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Da ist eine Anpassungslücke.

Acknèe erlöste Arvid von dem Wahn, er müsse persisch heiraten.Dazu bald mehr.

10:17 04.02.2021
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