Vergessene Versuche

#DailyStorytelling Ansichten zur Genese Europas
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Von einem König des ersten christlichen Jahrtausends erwartete man Vortrefflichkeit in jeder Hinsicht. Er regierte nicht in einem Repräsentationsrahmen, sondern garantierte sich sein Prestige persönlich mit dem Schwert nicht zuletzt. Deshalb fiel es einem Autor des fünften Jahrhunderts ein, gewissermaßen zu beklagen, dass sein Herrscher kein Riese sei. Sidonius Apollinaris schreibt über Theoderich II.:

„Sein Körper ist gerade recht, er ist kein Riese von Gestalt, aber doch größer und stattlicher als der Durchschnitt.“

Norman Davies, „Verschwundene Reiche: die Geschichte des vergessenen Europas“, Theiss Verlag, 923 Seiten

Sidonius schildert die royale Frisur. Er plaudert aus dem Nähkästchen: Theo betet mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung; er führt aus. „Fest wie Horn ist der Oberschenkel.“ Man fragt sich, woher er das weiß. Dem König nah, kommt nämlich kaum einer.

Abgesehen vom obersten Waffenträger sind selbst die höchsten Gefolgsleute aus der unmittelbaren Umgebung „verbannt“.

Theoderich II. erwarb Verdienste im Verein mit seinem Vater und dem (ihn zunächst überflügelnden) Bruder Thorismund. Die Familie trat als Premiumalliierte der Römer:innen an, als es 451 zu einer Enscheidungsschlacht des Imperiums gegen Attila in Gallien kam. Die westgotische Dynastie unterstellte sich mit ihrem Heerhaufen Flavius Aëtius. Theos Vater überlebte das Gemetzel auf den Katalaunischen Feldern nicht.

An dieser Kreuzung der Geschichte endete Attilas Expansionsglück. Noch konnte sich kein Mensch vorstellen, dass die Schrecken des Hunn:innensturms verblassen könnten. Attila hatte sich selbst zur „Geisel Gottes“ erklärt und mit strategischem Terror enorme Raumgewinne erzielt.

Sein Triumphzug stockte nicht vor unüberwindlichen Hindernissen. Aëtius konnte Attila nicht so massiv in die Schranken weisen, dass das Usurpatorenspiel aus gewesen wäre. Sieg und Niederlage blieben in jedem Fall Spekulationsgegenstände. Schwerer als das materielle Ergebnis wog der Nimbusverlust, den Attila erlitt. Nach der Schlacht wussten seine Leute, dass er ein Sterblicher und folglich schlagbar war. Sie hörten auf, dem Tyrannen ihre Kraft zu übertragen. Attila schied als europäischer Reichsgründer aus, weil er für sein Gefolge kein Faktor der Unlustvermeidung und Phantasieproduktion mehr war.

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Zum Schluss eine Bemerkung zu Aëtius im Powerpräsens einer historischen Volte. Am Anfang seiner Laufbahn sehen wir ihn als Geisel, mal in sportlicher Obhut der Hunn:innen, mal bequemer untergebracht im Regime der Westgot:innen. So oder so nimmt Aëtius die Feind:innen in sich auf, bis er sie inkorporiert hat.

Der im Rahmen einer politischen Praxis (zunächst) Unterworfene, zieht Epochemacher:innen an.

Aëtius schmiedet Bündnisse mit Zentralfiguren seiner Zeit. Er befreundet sich mit Feind:innen und befehdet sich mit Freund:innen. Die Folgen seines vagen Sieges auf den Katalaunischen Feldern überblickt er nicht. Beinah könnte man es Zufall nennen, was die Koalitionen auf beiden Seiten mischt und konstituiert. Da wirkt kein Wille auf das künftige Europa. Im Gegensatz zu Helmut Kohl erliegt Aëtius nicht dem Wahn, den Saum am Mantel der Geschichte erhascht zu haben. Anders gesagt, es hätte auch ganz anders kommen können.

09:49 19.08.2021
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