Vergessene Zwecke

Verpasste Teamsitzung Alle Nieten in mir tragen Männernamen und sind mit dem Theater befasst.
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Links die Catedral de Santa María de la Sede (in Sevilla), die größte Kirche der Welt nach dem Petersdom und der St. Pauls Cathedral. - Ich liebe den zurückgedrängten, wie ein starker Motor im Leerlauf vibrierenden, spanischen Katholizismus. Die katholische Kirche ist die älteste Institution der Welt und tausend Mal resistenter als jede jüngere Idee. In Sevilla bist du katholisch oder du bist nichts.

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Kurz vor der Teamsitzung passt mich Luise ab, um mir auszurichten, dass Long in der Besenkammer auf mich wartet. Die Besenkammer liegt im Schuldachstuhl. Sie diente vergessenen Zwecken. In ihrer gegenwärtigen Funktionslosigkeit taugt sie noch nicht einmal zum Arsenal überflüssiger Dinge.

Ich delegiere meine Aufgaben an R. Eine aktivistische Vergangenheit hängt ihr zum Hals heraus. Sie macht auf biederer Beluga, so als Spätoptimierte, ohne zu begreifen, dass es den gedankenlos Vernünftigen in unserem Leerkörper vollkommen egal ist, wie sie ihre gewendeten Kleider trägt, solange nur ihre dienstflotte Dankbarkeit vorhält. Ihre gerade gescheiterte Ehe versucht sie unter wertschöpferischen Aspekten zu betrachten. Ausnahmen in der Generation unserer Mütter heirateten sich noch offensiv reich.

Das fällt mir im Treppenhaus ein. Ich gedenke meiner gepanzerten und aufgetakelten Tanten und Großtanten in ihren Toscawolken. Da war keine, die nicht nach Sachwerten als Millionärin gestorben wäre.

Ich treffe Long lesend an. Ein schiefer Kartenständer, der mich an die Vogelscheuchen meiner Kindheit erinnert, ist dem Bestand in die Besenkammer verlorengegangen. Long wendet sich mir allmählich zu, so als fühle sie sich gestört und auch wie eingerostet.

„Weißt du, dass man im 19. Jahrhundert Bosnien die zweite Levante nannte?“

„Jetzt weiß ich es.“

„Der Islam saß uns immer im Genick. Er war von Anfang an expansiv. Und war er es einmal fünfzig Jahre nicht, dann nur, weil ihm die Kraft ausgegangen war.“

Long ist Österreicherin. Sie sieht Bosnien mit anderen Augen als ich. Was will sie? Ich darf Long nicht vorgreifen. Initiative ist mir nur in Beweisen totaler Ergebenheit gestattet.

Ich verliere selten die Angst, etwas falsch zu machen und nicht zu genügen.

Long massiert sich einhändig den Nacken. Ich sehe das gern, dieses unflätig-maskuline Selbstbewusstsein. Ich konsumiere es. Long ist ein Ausflugsvehikel in die verbotenen Gärten meiner Grandiosität. Ich identifiziere mich mit ihr zu meinem Vorteil. Ich vergesse meine Schwäche in ihrer teuer duftenden Nähe.

Long hat mich überzeugt. Sie allein vermochte es, mich zu überzeugen. Ich bin die Tochter und Enkeltochter von Männern der Ligurischen Links-Liga (LLL).

Die Inszenierungen unserer Beziehung werden mit dem wachsenden Abstand zwischen uns anspruchsvoller - elaborierter, wie der Mann im Mond sagt. Ich nenne ihn Waldemar. In einer Version ist Waldemar ein bedeutender Regisseur. In einer anderen Fassung leitet er lediglich die Theater-Arbeitsgemeinschaft und leidet schwer unter unseren Elevinnen, die sich auf der Bühne unernst produzieren wollen. Auf die Rosa Park gehen die Gören der Granden. Ich halte eine Prägestelle der zukünftigen Nomenklatura in Ordnung.

Long lässt mich schmoren. Ich frage mich, wie lange ihr das noch genug Spaß machen wird. Sie ist nicht anfällig für Empfindlichkeiten.

Alle Nieten in mir tragen Männernamen und sind mit dem Theater befasst. Waldemar trägt das Brandmal eines Reuigen. Er kommt mir manchmal hoch wie ein Rülpser.

Endlich kommt Long zur Sache:

„Sie wollen, dass du Bert erledigst.“

Ich war zwanzig Jahre im Polizeidienst und ich war gern Polizistin. Ich bin die Richtige, wenn es darum geht, einen Mann zu jagen und ihn zur Strecke zu bringen.

„Klingt nach einer wohltuenden Abwechslung. Wo stinkt das Stück Scheiße?“

„In Sevilla.“

Ich tauche in eine Woge des Glücks. Ich liebe den zurückgedrängten, wie ein starker Motor im Leerlauf vibrierenden, spanischen Katholizismus. Die katholische Kirche ist die älteste Institution der Welt und tausend Mal resistenter als jede jüngere Idee. In Sevilla bist du katholisch oder du bist nichts.

Long lächelt.

„Ich mache dir gar nicht so gern eine Freude. Nach meiner Erfahrung sind wir besser, wenn wir nicht zu viel Spaß an der Arbeit haben.“

„Das lässt sich nicht immer vermeiden.“

Reaktionäre Punks

Bert ist die Inkarnation der neuen Zeit und ein Häuptling der Hinterhältigen. Die neue Zeit begann im ewigen Sommer Neunundneunzig. Ein Feind tauchte auf wie entsandt von einer anderen Galaxie. Wir von der Polizei kannten niemanden und hatten von niemandem je gehört, der so omnipotent scheiße war. So wie in der Neuen Welt kein Kolumbuskraut gegen die Syphilis wuchs, so gab es in Deutschland kein Mittel gegen den neuen Feind. Zuerst glaubten wir, absolut heruntergerockte Randfiguren mit Ostbiografien seien vom Wahnsinn verleitet worden, unsere Systeme zu infiltrieren. Reaktionäre Punks. Sich selbst Entglittene, die als Punks aufstanden und als Skins zu Bett gingen. Irgendwann begriffen wir, dass sie weder links noch rechts waren, oder dass es egal war, ob sie links oder rechts waren. Die Verbindungen liefen anders und quer durch alle gesellschaftlichen Register. Sie waren überall, auf der Straße, in den Zeitungen, im Fernsehen. Ihr Fußvolk bezahlte dafür, sich beteiligen zu dürfen. Die öffentliche Hand streichelte die Zerstörer*innen im Förderungsmodus. Ich behaupte, der Berliner Bürgermeister war einer von ihnen. Eines Tages kam Long in mein Büro und bedeutete mir mit dem Armeefingerzeig für wir sind eingekreist ihr ins Freie zu folgen.

„Wieviel Mumm hast du noch?“ fragte Long auf der Galatreppe des Präsidiums.

Ich schlug die Faust auf mein Herz.

Es gab eine alte Verabredung – einen Schwur. Man sagte nur: En garde. Schließlich waren wir keine Draufgängerinnen. Long nickte zufrieden. Sie sagte:

„Quittier den Dienst. Wir müssen eine Struktur außerhalb des Systems aufbauen.“

So fing das an.

Morgen mehr.

15:38 02.05.2019
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