Vergiss es, du preußische Pussy

Theater Who ya gonna call? Schlossbusters! Copy & Waste verwandeln das Berliner Ballhaus Ost in ein semi-sanguinisches Schlossparkvergnügen
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Das Ballhaus Ost musste sich schon viel gefallen lassen. Es wurde beschossen und verwandelt. Wie oft fand ich es nach einem Angriff mit heißer Luft am Boden zerstört.

Ich bin des Jugendwahns und seiner Stile überdürstig, sagte dann das Ballhaus und rieb Schminke aus Schrunden. Zurzeit geht es als Berliner Stadtschloss. In Abwandlung eines weltläufigen Gassenhauers könnte es heißen: Willkommen, bienvenue, welcome! Fremde, etranger, stranger. Glucklich zu sehen, je suis enchante, happy to see you, bleibe, reste, stay. Willkommen, bienvenue, welcome im Stadtschloss. Da raucht ein Flügel, angeödete Herrschaften pflegen ihre Langeweile. Das Publikum irritiert sich in/vor Auf- und Tiefbauten. Wer auf den pädagogischen Paukenschlag und eine Zentralisierung der Angelegenheit wartet, vertraut sich der Vergeblichkeit an.

Manche Inszenierungsentscheidungen vibrieren wie ein in der Luft stehender Kolibri zwischen vagant und flüchtig. Berlin war noch ein Brandenburger Marktflecken, da startete das Stadtschloss seine Karriere als Zwingburg der Hohenzollern. Es endete ruiniert. 1950 wurde die Ruine gesprengt und platt gemacht. Auf der Platte entstand der Palast der Republik als Wundertüte der Asbestverseuchung. Sechzig Jahre später war auch das Geschichte. Übrig blieben vielbesungene Gleitkerne und das innere Stahlskelett.

Der Aufbau des Stadtschlosses an seinem ursprünglichen Platz wiederholt das Idiotenstück Berliner Flughafen. Jeden Abend erzählt ein Experte im Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) wie eiszeitlich schwierig die Lage auf der Baustelle ist. So redet man über Milliarden, im Ballhaus Ost kommt das Desaströse Off-iziell zur Sprache. Bis hin zu den unendlichen Asbestbeseitigungsarbeiten, für die Asbestgeist Aswost im Namen der Kollegen warme Worte findet.

In Illustrationen des Versagens spuken Friedrich II., Königin Luise und die Humboldts zu Traditionals der Geisterjagd. Copy & Waste http://copyandwaste.de/ filtern die unfreiwillige Komik aus einem öffentlichen Gespräch, das in seiner Art auch mit feudalem Schwung geführt wird. Keiner ist schuld, verbrannt wird das Geld der anderen.

In erdgeschichtlicher Vertiefung (mit Anmutungen einer Stirnmoräne) steht eine Geisha im Geist des Palasts der Republik und malt weiß in weiß. Tilgt sie den sozialistischen Anfang auf deutschem Boden?

Das Auditorium verliert sich im Symbolismus, es ist alles so ansprechend arrangiert, dass man sich den Bildern in träger Schau überlässt.

Leute machen “Asbest-Yoga”, jemand sagt: “Vergiss es, du preußische Pussy. ... Die Moderne hatte ihre Chance.”

Angeschnitten wird ein Streit der Maximen - Rekonstruktion vs. Inszenierung (im städtischen Raum). Die Bau-auf-Hymne der Freien Deutschen Jugend wird angespielt.

Das heitere Trauerspiel bietet sich als “Essay zur Schlossgeschichte” an. Ich beneide die Yoganer. Gewiss würden wir alle in einem Rausch kollektiver Gymnastik länger gesund bleiben. Doch was wäre gewonnen, schließlich so viel Geschichte und Versagen in Zeitgenossenschaft überblicken zu können, bis uns die Last eines Jahrhunderts bedrückt.

11:08 15.04.2016
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