Verklärter Horizont

Einwanderer Iris zitierte Sartre: Sollte der Kommunismus sich als unmöglich erweisen, sei das Menschheitsprojekt im Ganzen nicht interessanter als ein Ameisenstaat.
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Heute kann ein falsches Wort jeden aus der Bahn werfen. Damals war das nicht so. Das einzelne Wort wog wenig. Auf keinen Fall wog es Taten auf.

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Ich hielt Einwanderer solange für eine neutrale Bezeichnung, bis ich von Alain Badiou erfuhr, was ich denke, wenn ich Einwanderer sage oder höre. In dem Wort versteckt sich ein Ausschluss. Dabei ist es lediglich am Rand erwähnenswert, wen ich nicht zulasse. Entscheidend ist, dass Einwanderer in den Spiegeln der gesellschaftlichen Repräsentation nicht zu sehen sind.

Der semantische Niederschlag einer Ablehnung war in den 1970er Jahren auf den sozialdemokratischen Feldern flächendeckend. Das bleibt interessant. Badiou behauptet: Einwanderer sagen, heißt Arbeiter denken. Folglich distanzierten sich Arbeiter von Arbeitern. Kein Heranwachsender hatte die Chance, der Assoziation eines Türken mit Gestank zu entgehen. Die herabsetzende Sichtweise wurde einem eingehämmert, so als sei die Gesellschaftsrüstung in Gefahr, wenn nicht alle ihre Lamelle der Verachtung dazu beitrügen.

Bei Rühmkorf fand ich eine rassistische Schilderung, die vermutlich deshalb keinem Raddatz auffiel, weil das negative Urteil als vorurteilslose Beschreibung gelesen werden konnte. Der Antisemitismus lag nicht für alle jenseits einer Grenze, hinter der man sicher fühlen konnte. Durch den SPD-Ortsverein ging ein Riss. Die Unbesorgten unterschieden nicht zwischen Antisemitismus und anderem Rassismus. Die Wenigsten vermieden und beschwiegen antisemitistische Äußerungen. Eine markante Differenz ergab sich nicht.

Bei den alten Landwirten in meinem Dorf (zu dem eine Plattenbausiedlung gehörte) war der Antisemitismus mitunter so ausgeprägt, dass er die rassistische Leitmelodie abgab, in Kombination mit einer Ablehnung von Sinti und Roma. Die Hofherren hatten mit Zwangsarbeitern gewirtschaftet. Die Fremd- oder Gastarbeiter waren Nachfolger der Polacken.

Viele Dorf- und Siedlungseltern hielten es für verwerflich, dass man uns KZ-Filme in der Schule zeigte. Ich erinnere einen Trotz, der alles verwarf, was unsere Schuld begreifbar machte. Abdeckende Begriffe fanden keine Verwendung. Es schien egal, was gesagt wurde, solange keine Beleidigungen aufkamen. Beleidigungen mussten geahndet werden. Mädchen und Frauen durften sich nichts vergeben.

Nach dem Essen sollst du ruhen oder hundert Schritte tun.

Als ich mit vierzehn in bürgerlichen Kreisen meinen Umgang zu suchen begann, stieß ich auf andere Verkehrsregeln. Man umschrieb im Gespräch und bewies so eine Hemmung, die es körperlich nicht gab.

Heute kann ein falsches Wort jeden aus der Bahn werfen. Damals war das nicht so. Das einzelne Wort wog wenig. Auf keinen Fall wog es Taten auf. Der alte Heinrich Leise hätte genauso vom Leder ziehen können wie die alten Bauern. Iris‘ Vater war Holger Börners Spezialist für alles. Iris liebte ihn für das, was er ihr geben konnte, um sie größer erscheinen zu lassen als andere Töchter der Bourgeoisie. Mit ihrem Sozialismus erhöhte sie sich außerdem. Das war eitel. Doch gab es keinen rassistischen Unterton in ihrer Rede.

Warum war Iris davor gefeit?

Sie war ein Snob in ihrer Ablehnung der Tanzstunde und des Tennisspiels. Dagegen setzte sie Gedichte Nerudas und Biermanns Lieder. Meine Zulassung folgte keinem oppositionellen Impuls. Mit dem Parvenu ließ sich kein Klassenkampf führen. Ich war im falschen Gesellschaftskörper geboren und in Leises Obhut sofort und für immer zu Hause. Das Bürgertum erkannte den verlorenen Sohn.

Der Bequemlichkeit eine Lanze

Wir waren über das Neolithikum nicht hinausgekommen. In kleinen Gruppen streiften wir herum. Unsere Wandmalereien stanken ab gegen das Ahnenwerk in der Höhle von Chauvet. Nur die Megafauna hatte sich verkrümelt.

Sonst war alles da. Eine unserer Höhlen war die aufgelassene Zeltfabrik in Bettenhausen – das Salzmann Labyrinth. Ein Verein gründete sich als Jagdgemeinschaft. Zur Beute rechnete ich sagenhafte Stimmungen. Allmählich kristallisierte sich ein Gebietsrechtsbegriff heraus. Man ließ sich zu Nachtdiensten einteilen, zog Zäune, verlegte Ketten, setzte Schlösser in massive Türen, erfand Sicherungen.

Wir hätten viele Iraner, die Chomeini geholfen hatten, an die Macht zu kommen und nun vor ihm auf der Flucht waren, gut unterbringen können.

Tschechen nach dem Prager Frühling, Chilenen nach Allende, Vietnamesen nach 1975; 1979 kamen Iraner, während die Abiturienten meiner Generation das Weite in Berlin suchten. Ich war einmal sitzengeblieben und sah sie langhaarig gehen und kurzhaarig zu Weihnachten vorbeischneien.

Iris wandte sich gerade von Erich ab und Yves zu. Als fünftes Rad am Wagen war ich fester Bestandteil des Ensembles. So fest wie überflüssig. Gewiss war ich zu bequem, um von vertrauten Wegen abzuweichen. Morgens um zwei fand ich mich in der „Standuhr“ ein, wo Junkies Joyce besprachen. Iris zitierte Sartre, so als sei er ihr Souffleur: Sollte der Kommunismus sich als unmöglich erweisen, sei das Menschheitsprojekt im Ganzen nicht interessanter als ein Ameisenstaat.

„Der Kapitalismus ist doch nur Politik gewordener Instinkt. Wir brauchen eine Verwandlung“, sagte sie.

Ich hörte die Regisseurin, die erst mal alles verwandelte, bevor sie weitersah. Später kamen dazu Deklinationen der Diversität; die Schematisierung von Differenz; die Verarbeitung der Weltreligionen in kurzen Ehen.

Alles war Verfahren und sollte (nicht nur in Göttingen oder Hildesheim) Schule machen. Ich hatte noch ein halbes Jahr Schule abzusitzen/durchzustehen. Das bedeutete, die morgendliche Müdigkeit musste weiter ausgehalten werden.

Ich besuchte meine Großeltern und sah in der Besenkammer nach, ob alles beim Alten geblieben war. Das Anwesen der Alten grenzte beinah an der Fachwerkburg, in der Simone oft allein mit ihren Katzen den lieben Gott einen guten Mann sein ließ; ein Alltag zwischen Monotonie und Passion. Die Mutter lehrte Stadtplanung an der Gesamthochschule und übernachtete ständig bei ihrer Frau.

„Bald hast du es geschafft“, sagte Simone.

Sie nahm einen Topf in der Schale gekochter Kartoffeln vom Herd.

„Holst du die Butter aus dem Kühlschrank?“

Simones Versuch, familiär zu wirken, ließ mich an absplitternden Rost denken. Die nautische Dämmerung kehrte ein und verklärte den Horizont.

Wir lagen auf der Westernveranda und hörten das Klirren der Ketten in Waldemar Ferdinands Kuhstall. Am Tor klemmte eine Fleischbank, die zu meinen Lebzeiten gewiss nicht einmal heruntergeklappt worden war. Für ein halbes Reh hatte ich Ferdinands Hinterland am Bach mit der Sense gemäht, nach einer Unterweisung zum Umgang mit Dengelhammer und Wetzstein. Ferdinand performte die Bearbeitung des Sensenblattes; ergriffen vom pädagogischen Eros. Er hielt Kaninchen in einem Käfigstapel und machte sich einen Spaß daraus, sie hochtrabend anzusprechen.

Der bäurische Kreislauf erschöpfte sich in Redundanz und einer Schwermut der Glieder. Jetzt amtierte Ferdinand vor seinem Fernseher. Das Programm flackerte aus dem Panoramafenster eines neuen Anbaus. Die meisten Dorf- und Siedlungs-Mütter und -Väter saßen vor Fernsehern. Die Versager hielten ihre allabendliche Sitzung in der Trinkhalle im Einkaufszentrum ab. Eigensinnige machten noch in ihren Gärten herum oder tranken in der Vereinsgaststätte unter Aufsicht von Lotte Pohl. Die Übersteuerten nutzten das Bürgerhaus, um irgendwas auszuknobeln. Der Geschichtsverein tagte im Gemeindehaus, in dessen Keller die alten Herren und Damen des Tischtennisvereins trainierten. Neben der Zehntscheune fand das Fußballtraining der Jugendmannschaft im Flutlicht statt. Im Glockenturm der evangelischen Kirche bewunderten christliche Pfadfinderinnen die Luftnummern der Mauersegler.

Die Luft des 19. Jahrhunderts

Von bestimmten Kräutern hieß es, sie wüchsen selbstherrlich auf den Gräbern von Mördern. Die Unterschiede zwischen natürlichem und grammatischem Geschlecht beschäftigten niemanden.

Ferdinands Misthaufen verströmte seine Aromen.

Die Sozialdemokratie verlor in der Siedlung und dem Dorf, dem die Siedlung Anfang der Sechzigerjahre zugemutet worden war, ihre Basis. Auf der anderen Seite einer progressiven Öffnung der Partei für grüne Themen rutschte eine Abteilung ins faschistische Sediment.

Wie nah die Häuser zusammenstanden. Mein Interesse an Simone war lange nicht groß genug gewesen, um mir klarzumachen, dass ich viel Zeit in ihrer Nachbarschaft verbracht hatte. Nun gab Simone mir zu verstehen, dass sie viel mehr über mich wusste als ich über sie. Meine Schwester war noch klein genug für den Sandkasten im Garten meiner Großeltern gewesen, als Simone mit ihrer Mutter aus Berlin ins Dorf gezogen waren, mit dem denkbar größten Außenseiterportfolio. Auch ich schnitt die Tochter einer alleinerziehenden, dramatisch auftretenden Professorin.

So wie sie herumlief, so herausgestochen, konnte Margot Schilling nur Anstoß erregen.

Sie regte den Direktverkauf an und animierte die zuerst höchst widerwilligen Erzeuger, auf ihren Höfen Verkaufsstellen einzurichten. Die Landwirte fanden eine Menge herabsetzende Bezeichnungen für Margot, die weiterhin versuchte, die neue Energie (den ökologischen und direktdemokratischen Spirit) in der SPD zu halten. Ihre Bemühungen erinnerten an Handballtorwartparaden.

Der ewige Alarm einer Überengagierten hatte Simone gegen die Verheißungen des Aktivismus immunisiert. Sie war sachlich und ließ sich von harten Ansprachen nicht verstören.

Im Dorf atmete man die Luft des 19. Jahrhunderts. Es gab einen alten Hochmut. Solange Kassel Residenzstadt gewesen war, hatte das Dorf zum Hof gehört. Ein im Zweiten Weltkrieg zerlegtes Schlösschen (das den Dreißigjährigen Krieg überlebt hatte) diente dem Fürsten und seiner Entourage als Herberge auf seinen Jagdausflügen in dem ursprünglich fränkischen Königsforst (Kaufunger Wald/Söhre), der erstmals in einer Urkunde erwähnt wird, die einen Besitz von Karl dem Großen anzeigt. Die Bauern war schließlich so reich, dass sie ihre Söhne aufs Friedrichsgymnasium schicken konnten. Ferdinands Urgroßvater fuhr mit einem größeren Gespann als der letzte Kurfürst auf die sonntägliche Promenade.

Die Landwirte waren wüste Knochen. Sie hatten satt zu essen, als nach dem Krieg alle anderen hungerten. Sie legten die gegen Wurst eingetauschten Teppiche auf den Hund gekommener Städter in ihren Schweineställen aus.

15:49 09.03.2019
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