Versäumte Zeitgenossenschaft

#Leben Yael erfährt zu ihrer Belehrung, wie bewusst und intelligent die Großeltern sich zu lieben wussten.
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Obwohl ihr Geburtsjahr 1913 ein älteres letztes Friedensjahr bezeichnet, war 1938 das letzte Friedensjahr in der ständigen Rede meiner Großmutter. Das ergab sich aus einer Gleichsetzung von Frieden und Normalität. Oft beschrieb meine Großmutter sich mir als junge Ehefrau und Mutter, erfüllt von der Ehe mit einem Freigeist, der so wenig wie sie den Krieg kommen sah. Diese Verspätung in der Wahrnehmung betraf auch Kunst und Kultur. Meine Großmutter zog aus ihrer Zeitgenossenschaft keine Gewinne. Sie verpasste die Moderne von Proust über Picasso bis zu Paul Klee und Max Ernst. Die Welt rauschte wie an einem Zugfenster vorbei. Nie besuchte meine Großmutter eine legendäre Premiere, nie eine bahnbrechende Ausstellung. Nie gewann sie mit der Lektüre einer Neuerscheinung den Vorsprung der Initiierten. Gerade situiere ich sie als Antipode jener Rahel Varnhagen der Berliner 1920er Jahre, die zur Patronin einer schicksalhaften Begegnung wurde. In ihrem Kreis lernten sich 1928 Helene & Baldur kennen, um im Weiteren siebzig Jahre lange ein Paar zu bleiben.

Jede Zeit entwickelt ihre Widerstandsästhetik aus Verknüpfungen von Vergangenem mit Erfindungen der Gegenwart. Auf den Oppositionsmärkten treiben sich stets Zaungäste herum, die nur mal gucken wollen. Auch Helene und Baldur schließen zu keiner Avantgarde auf. Immerhin erwerben sie einige Bilder, die ihre Urenkelin Yael Jahrzehnte später als Schinken im Flur einer Übergangsbleibe hängen lässt.

Die Generationen zwischen Yael und Helene

Helenes Tochter Hildegard führt ihren Paarungstanz als Sprechstundenhilfe auf. Ihr Gatte wird ein rühmann’esker Prokurist westfälischer Provenienz. Ein Herzfehler bewahrt Peter vor dem Wehrdienst.

Die beiden fahren nicht nur herzenslustig in den Urlaub, sie leben alle Zeit fidel miteinander; ohne je in Freizeitkleidung häuslich zu werden. Sie ziehen sich für ein Abendessen am Küchentisch so an wie andere ausgehen. Sie genießen sich förmlich.

Yael erfährt zu ihrer Belehrung, wie bewusst und intelligent die Großeltern sich zu lieben wussten. Toleranz, Umsicht und Fürsorge grassierten in dieser Beziehung. Jeder flirtete nach links und rechts, die Großmutter klassisch mit dem Skilehrer. Dem Intimglück nutzten die Abwechslungen.

Affiziert und mitgenommen von einem Sonderformat der Liebe (dies vor dem Hintergrund gewöhnlicher Eltern*) macht sich Yael auf die Socken, um das eigene Glück zu finden.

*Die Mutter ist eine Schauspielerin mit früh erloschenem Ehrgeiz, der Vater als Dompteur in der TV-Zirkuszeit der jungen Bundesrepublik eine öffentliche Figur. Die Schilderung streift das Sujet verpasster Karrieren und mächtiger Entfaltungshemmnisse der Mütter, die ihren Männern den Rücken freihielten und Stärke im Verzicht bewiesen.

Der Vater ließ nichts anbrennen, so langweilig war er.

Gleich mehr.

08:18 11.02.2021
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