Verscherbelter Segen

Literatur „Mit bestechender Dringlichkeit zeigt Megha Majumdar (in ihrem Romandebüt „In Flammen“) das moderne Indien: ein gespaltenes Land, in dem Ambition, Klasse und ...“
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„Selten wurde das Schicksal so facettenreich, so kraftvoll und launenhaft und hypnotisierend dargestellt.“ New York Times Book Review

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„Mit bestechender Dringlichkeit zeigt Megha Majumdar (in ihrem Romandebüt „In Flammen“) das moderne Indien: ein gespaltenes Land, in dem Ambition, Klasse und Religion all jene zu (Feind:innen) machen, die auf ein besseres Leben hoffen.“ Aus der Ankündigung

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„Heute, in diesem Wohnzimmer, das unsere Bühne ist, schieben wir den Esstisch an die Wand und proben eine Szene, in der ein Mann seine Frau verdächtigt, untreu zu sein. Nach ein paar, wenn man so will, farblosen Auftritten bin ich dran. Ich lege mein Handy auf den Boden, um mich zu filmen und das Video später zu analysieren, dann gehe ich in die Zimmermitte und rolle energisch den Kopf, von links nach rechts, von rechts nach links. Mr. Debnaths verstorbene Eltern, man möge für sie beten, schauen mich von ihren Fotos an der Wand mit strengen Mienen an. Mir ist heiß, obwohl der Ventilator volle Pulle aufgedreht ist.“

Das erzählt Lovely, die von einer Karriere als Schauspielerin träumt und bis auf Weiteres ihren Segen verscherbelt.

„Die Leute glauben, wir Hijras hätten eine besondere Telefonleitung zu Gott.“

Lovely erhielt von der Romanheldin Jivan Englischunterricht. Das erklärt die Verbindung zwischen den ehrgeizigen Underdogs. Jivan brachte ein Facebook-Post ins Gefängnis. Man verdächtigt sie der Beteiligung an einem terroristischen Anschlag.

Die Gefangene erzählt dem Journalisten Purnendu Sarkar ihre Lebensgeschichte. In einer langen Rückblende informiert die Erzählerin alle Interessierten darüber, dass Jivan zur Schule oft nur gegangen ist, weil es da etwas zu essen gab. Die in jedes Lebenslager ausgreifende Korruption infiziert sogar die zur Fürsorge und Ausbildung Bestellten.

Jivan und ihre Eltern zählen zu jenen indischen Legionen, die von einem Slum zum nächsten ziehen. Wieder und wieder erfüllt sich für sie das Schicksal der Vertriebenen.

Eingebetteter Medieninhalt

Scham und Schweigen

Wann beginnt das Unglück, das Jivan nach einem Facebook-Post einholt? Jedenfalls nicht erst, als die junge Frau sich nach einem Terroranschlag, der vor ihren Augen stattfand, dazu hinreißen lässt, ihrem Offenbarungsdruck nachzugeben. Im Augenblick der, wie Jivan sofort erkennt: törichten, auf eine unterlassene Hilfeleistung der Polizei reagierenden Mitteilung, bricht ein Damm aus Scham und Schweigen. Jivan schreibt wie unter Hypnose:

„Wenn die Polizei einfachen Leuten wie euch und mir nicht geholfen hat, wenn die Polizei zugesehen hat, wie diese Menschen starben, heißt das dann nicht... dass die Regierung auch ein Terrorist ist?“

Megha Majumdar, „In Flammen“, Roman, aus dem Englischen von Yvonne Eglinger, Piper, 335 Seiten, 22,-

Ein paar Nächte später erfolgt Jivans Verhaftung. In Aussicht stellt man der Inhaftierten eine Wartezeit von einem Jahr bis zum Prozess. Im Gefängnis wähnt sie sich „auf dem Grund eines Brunnens“. Sie fügt sich ein und geht auf im Teig der Verzweiflung. Ich assoziiere mit Majumdars Schilderungen einen gesichtslosen Schmerz.

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Zwei weitere Akteure spielen in diesem weltweit gefeierten Romandebüt entscheidende Rollen. Da ist Lovely, eineHijra, die als Schauspielerin Karriere machen will. Vorläufig verdient Lovely Geld, indem sie Neugeborene segnet.

„Die Leute glauben, wir Hijras hätten eine besondere Telefonleitung zu Gott.“

Von Jivan erhielt Lovely Englischunterricht. Das erklärt die Verbindung. Im Weiteren gehört PT Sir zu Jivans Unterstützern. Der Sportlehrer und Hausmeister nimmt als einziger Mann an einer Mädchenschule eine Sonderstellung ein.

Aus der Ankündigung

„Selten wurde das Schicksal so facettenreich, so kraftvoll und launenhaft und hypnotisierend dargestellt.“ The New York Times Book Review

Jivan hat es vom Kohlfresser zum Hühnchenfresser gebracht. Doch ein Brandanschlag hebt ihr Leben aus den Angeln, und die Muslimin gerät ins Visier der indischen Regierung.

Lovely träumt von den ganz großen Rollen als Bollywood-Star. Die lebensfrohe Hijra könnte Jivans Unschuld bezeugen. Aber will sie ihren Durchbruch als Schauspielerin wirklich gefährden?

PT Sir erinnert sich noch gut an Jivans athletisches Talent. Nun macht der Sportlehrer Karriere in einer rechtskonservativen Hindu-Partei. Und soll an der jungen Muslimin ein Exempel statuieren ...

Mit bestechender Dringlichkeit zeigt Megha Majumdar das moderne Indien: ein gespaltenes Land, in dem Ambition, Klasse und Religion all jene zu Feinden machen, die auf ein besseres Leben hoffen.

»›In Flammen‹ besitzt eine stille Schönheit und ist doch verheerend. Dieses Buch wird Sie nicht mehr loslassen.« Tommy Orange

„Erst am Ende dieses mutigen Romans wird einem vollends klar, wie weitreichend sein Urteil ist, wie entschieden und absolut die Anklage.“ The New Yorker

„In ihrem einnehmenden Debüt entwirft Megha Majumdar ein wirkmächtiges Korrektiv zu den politischen Narrativen, die das heutige Indien dominieren.“ Time Magazine

»Der Roman, den Sie in diesem Jahr gelesen haben müssen.« The Washington Post

Zur Autorin

Megha Majumdar, geboren und aufgewachsen in Kolkata, Indien, zog mit 19 Jahren in die USA, um ein Studium der Sozialanthropologie in Harvard und an der John Hopkins Universität aufzunehmen. Heute arbeitet sie als Lektorin bei dem New Yorker Indie-Verlag Catapult. „In Flammen“ zählte zu den erfolgreichsten US-Debüts 2020 und wurde von Buchhandel und Kritik gleichermaßen begeistert aufgenommen.

10:15 04.09.2021
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