Viktorianischer Paradebau

Volatility/Uncertainty Clarkes Lieblingswort war ein Akronym aus Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity. Seit dem Niedergang des Warschauer Pakts lebten wir in der VUCA Welt.
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Wie oft habe ich mich einstellen lassen, weil alles andere komplizierter gewesen wäre. Stets war ich froh, wenn ein Chef entschlossen zur Sache kam. Nie kroch mir einer rapider auf den Leim als Clarke. Er ließ beim Vorstellungsgespräch in seinem Büro zehn Minuten verstreichen, bevor er knurrte:

„Mir war schon klar, dass wir zusammenkommen würden, als ich Sie am Telefon hörte.“

Er hatte mich gehört. Ich fand die Formulierung himmlisch.

Clarke hatte eine Choreografie im Sinn und zog ein Programm durch. Er drang in mich, als hätte ich darum gebeten. Ich fühlte mich überrannt, entmündigt und hochgehoben. Kurz tauchte ein Gefühl auf, dass ich als Kind gut gekannt hatte. Es hing mit der Erziehungslust meines Vaters zusammen, der mich und meine Brüder nach einem ausgeklügelten System über den Bildungsparcours führte. Es gab einen Moment des Einverständnisses mit dem verstörenden Pädagogen, den ich nicht nur bei mir wahrnahm. Solche Moderationen zählten zu den Großrätseln meines Lebens, bis ich mit achtzehn meine Zentralambivalenz zwischen Gleichmut und Anmaßung allmählich zu begreifen begann.

Ich bin für den Drill geschaffen, wie viele, die eine harte Schule und überwältigende Begriffe brauchen.

Clarke wollte mich mit aller Macht degradieren; so gut gefiel ich ihm als jüngster Mitarbeiter ever. Er handelte mit Immobilien und Informationen in der ödesten Gegend von Maryland. Lumiere war damals eine den Bach heruntergegangene Industriekleinstadt, verslumt auf die biestigste Weise. Die Leute hatten so aufgegeben wie Luft aus Reifen entweicht. Am liebsten würde ich das Geräusch dazu machen. Viele wirkten wie unter Wasser gezogen. Sie schienen in Zeitlupe zu ertrinken.

Das wusste ich nicht, als mich Clarke einstellte. In den ersten zwei Wochen rief er mich täglich ins Büro. Er diktierte mir seine Einfälle, es sollte ein Handbuch daraus werden. Später hörte ich nichts mehr davon. Mir wurden Clarkes Rollenspielerwartungen ziemlich schnell klar. Ich erfüllte sie einfach. Mir gefiel, was passierte.

Dann änderte Clarke den Kurs seines Verhaltens. Er inspizierte meine Unterkunft. Er kümmerte sich um eine bessere Bleibe. Ich bezog einen viktorianischen Paradebau.

Clarke verlangte mir Museumsbesuche ab. Er führte mich den zwei bildenden Künstlern der Stadt vor. Das waren monumentale Idioten.

Die örtliche Fama sagte, wir erfinden uns neu als Standort für Firmen mit gigantischem Raumbedarf. Das Gerücht reichte, um eine Reihe von Spekulationen zu begünstigen. Clarke schuf ein freundliches Klima für Investoren. Er streute den Leuten Sand in die Augen. Sie kauften Häuser, von denen es hieß, in fünf Jahren kann diese Häuser keiner mehr bezahlen. Ich habe die fünf Jahre nicht abgewartet. Doch beinah bis ich kündigte, war ich bereit, Clarke alles glauben.

Clarkes Lieblingswort war ein Akronym aus Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity.

Seit dem Niedergang des Warschauer Pakts lebten wir in der VUCA Welt. Clarkes These lautete: Weil das so ist, ist es egal, wo man ist. Es gab kein zweites Genie oder eine unentbehrliche Kraft in der Firma. Außer Clarke kapierte niemand, was genau lief. Bess, die das Café zwei Blocks weiterführte, fand Clarke charismatisch. Er hatte dafür gesorgt, dass sich ihr Geschäft vom Ramsch der Gegend abhob. Man konnte sich da mit Leuten von außerhalb blicken lassen und natürlich wurden potentielle Investoren besonders aufmerksam bewirtet.

Clarke beschäftigte sieben Kundenbetreuer, alle in ihren Zwanzigern. Die Männer arbeiteten auf Provisionsbasis, sie rivalisierten.

Eines Tages nahm mich Clarke mit nach Baltimore. Das ist die größte Stadt im Bundesstaat. Auf dem Flug erklärte er mir seinen Führungsstil. Er sagte:

„Leute, die eine Wahl haben, kann man weder von hinten noch von oben führen. Man muss ihnen mit gutem Beispiel vorangehen. Man muss besser sein als sie.“

Die Herzöge und Könige ritten vor ihren Gefolgsmännern ins Mittelalter. Sie setzten sich dem größten Risiko aus, um den Mut der Untergebenen anzustacheln. Das Interessante daran ist eine Aussage über Freiheit. Dass sich Freiheit nicht einfach so beschneiden lässt. Man kann die Neuzeit auch als ein Projekt der Unfreiheit bezeichnen. In den Prozessen der Zivilisation steckt jede Menge Unfreiheit. Das zeigt Führung. Leibeigene lassen sich von hinten und von oben führen. Erst aus der Unfreiheit der Vielen ergab sich die Erhabenheit des Feldherrenhügels.

Im Absolutismus endet die Verbindung zwischen Volk und Souverän. In dieser Staatsidee keimte die Französische Revolution als Antagonismus.

14:40 20.06.2019
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