Violence & Silence

Literatur Gestern las die walisische Schriftstellerin Alys Conran im Großbritannien-Zentrum der Berliner Humboldt Universität.
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Bereits in „Stephen Hero“ erscheint das Motiv des zerbrochenen Spiegels.

Der zerbrochene Spiegel einer Dienstmagd ist für den Ulysses-Helden Stephen Dedalus, in dem sich James Joyce spiegelt, das Symbol für Irland. Das Broken-Mirror-Sujet taucht auch in dem mehrfach ausgezeichneten Romandebüt der walisischen Schriftstellerin Alys Conran auf, wie überhaupt die Manier der Waliserin an den Künstler als jungen Iren (A Portrait of the Artist as a Young Man) denken lässt.

Ich treffe Conran im Großbritannien-Zentrum der Berliner Humboldt Universität. In der Hitze vergehen wenigstens dreißig Zuhörer*innen. Wieder beeindruckt mich die Disziplin, mit der so viele den Freizeitangeboten widerstehen, die ein Berliner Sommertag bietet. Außer mir scheint keine ein unmittelbares Verwertungsinteresse zu haben. Man sitzt da, schürzt, was sich schürzen lässt, und fächert sich Luft zu.

Conran findet einen magischen Einstieg:

„Als ich anfing zu schreiben, tauchte ein Junge namens Pigeon auf.“

Offensichtlich wollte er in Conrans erstem Roman zur Welt kommen. Er avancierte zum Titelhelden.

Alys Conran's first novel Pigeon (Parthian Books) won the Wales Book of the Year Award 2017 and was shortlisted for the International Dylan Thomas Prize.

„A strange kind of love story“, sei ihr Roman. – Und zugleich ein Buch über den Verlust einer Sprache.

Pigeon erfreut sich am Klang der Silben. Er versteht noch lange nicht alles, als er schon alles buchstabieren kann. Ihn berauscht „der strenge Geruch von Wörtern“.

„Er kann Wörter in seine Tasche stecken.“

Violence & Silence

Gleich gebe ich der Handlung Namen.

Conran bezeichnet sich als „Autorin der gewalttätigen Momente“. Sie nennt Pigeon „ein Opfer der Verhältnisse“. Es gäbe viele seines Schlages. Was ihnen widerführe, verfiele dem Schweigen – Violence & Silence.

Pigeon ist ein schmales Kind, eine Rotznase mit hängenden Schultern; ein Geschöpf so zart wie es besser nicht wäre. Es spricht selbstverständlich walisisch, während der Roman englisch verfasst ist.

„Ich schreibe Englisch, aber meine Leute reden walisisch.“

Conran könnte den Roman selbst nicht in ihre Muttersprache übersetzen, wenn auch nicht in der Konsequenz defizitärer Kompetenz. Der Preis für die Herrschaftssprache, als etwas, dass einem zur Verfügung steht und das man einsetzt, um seinen Radius zu vergrößern, ist der Kontext bezogene Verlust der Identitätssprache.

Am liebsten würde ich jetzt alles dazwischenschieben, was Georgio Agamben letzte Woche zum Thema beitrug. Agamben verfolgt seit Jahrzehnten die Frage:

Was bedeutet es, dass ich spreche?

In seinem Werk zeigt er die Stelle, an der die Philosophie die Poesie allein ließ.

Ein Dichter erweckt Worte zum Leben. Er lebt schreibend. Er schreibt Leben. Das entspricht einer anthropologischen Mutation.

„In jeder echten Verwendung von Sprache steckt Zweisprachigkeit.“

Agamben vermutet gemeinsam mit Pasolini „die echte Erfahrung des Wortes“ weit weg von der Nationalsprache.

Die Vorgeschichte dauert in unserem Unbewussten an. Das Unbewusste spricht Dialekt. Im Dialekt kündigt sich die kommende Sprache an.

In unserem Unbewussten sind wir Analphabeten geblieben.

Das alles klärte gestern auch Conran. Ihre Biografie ist mit der Kolonialgeschichte verwoben. Die kolonisierten Waliser kolonisierten als Briten die Inder.

Conran spricht über die

level of suffering – die Stufen des Leidens der Kolonisierten. Zwar sei man als Waliserin von den Engländern gewaltsam eingehegt worden, dann aber doch im Empire auf der Siegerseite angekommen. Die spannungsgeladenen Differenzen zwischen dieser Erklärung in Bausch und Bogen und den historischen Tatsachen befruchten zweifellos die walisische Literatur, so wie die schottische und die irische. Da schließt sich der Kreis zwischen Joyce und Conran. In jedem Fall ist/war man zwar weißer als ein Inder, aber in keinem Fall so weiß wie ein Engländer aus dem Mutterland.

Pigeons Dorf ist ein namenloser Flecken. Ein greifbarer geografischer Anhalt ergibt Llanfairfechan. Geben Sie den Ortsnamen ein und genießen Sie die phonetische Aussicht.

Pigeons beste Freundin experimentiert auf putzige Weise mit Yoga. Sie gibt eine militante Gymnastik als Vergeistigungsakrobatik aus.

13:44 26.06.2019
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